30.10.03

Leidenschaftlicher Rebell

Martin Luther: Was für ein Mensch war der Mönch, der Papst und Kaiser trotzte und die Welt verändert hat? Heute kommt Eric Tills großes Luther-Epos in die Kinos.

Von Matthias Gretzschel
Foto: ddp
Joseph Fiennes als Luther im Film von Eric Till, der heute in den Kinos startet.

Hamburg. Ein junger Mann ist zu Fuß unterwegs und gerät in ein heftiges Gewitter. Als die Blitze immer dichter einschlagen, bekommt er Todesangst, wirft sich verzweifelt zu Boden und ruft: "Hilf du, Sankt Anna! Ich will ein Mönch werden." Mit dieser dramatischen Szene beginnt Eric Tills Luther-Film, der heute in die Kinos kommt. Es ist keine Legende, sondern verbürgte historische Wahrheit - ein Gewitter mit weltgeschichtlichen Folgen. Denn hätte sich die Unwetterfront an jenem 2. Juli 1505 nicht in der Nähe des thüringischen Dörfchens Stotternheim entladen, sondern irgendwo anders, wäre der damals 21 Jahre alte Student aus Mansfeld, der gerade auf dem Rückweg zur Erfurter Uni war, vermutlich ein brauchbarer Jurist geworden, aber niemals Mönch, Theologieprofessor und schließlich Reformator. Aber was war das für ein Mensch, dieser Martin Luther, der Papst und Kaiser schier zur Verzweiflung brachte und die mittelalterliche Welt samt ihrer Kirche gründlich durcheinander rüttelte? Ein beleibter Prediger, wie wir ihn von den Cranach-Porträts kennen und wie er für viele Luther-Denkmäler in Bronze gegossen wurde? Ein vergeistigter Theologe, der unentwegt las oder schrieb? In dem aktuellen Film spielt Joseph Fiennes einen völlig anderen Luther, eine Persönlichkeit, die der landläufigen Vorstellung wenig entspricht, wie sogar Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen bei einer Voraufführung unumwunden einräumte. Dennoch dürfte diese Darstellung der historischen Wahrheit recht nahe kommen - zumindest in der entscheidenden Lebensphase des Reformators, die der Film zum Inhalt hat. Damals war Luther jung, ein leidenschaftlicher Mensch, der um die Wahrheit und um seinen Glauben rang. In der kargen Mönchszelle des "Schwarzen Klosters" der Erfurter Augustinereremiten stellte er sich immer wieder die Frage, wie er "einen gnädigen Gott" finden könne. Keinen, der die Menschen nur straft, von dessen Pein man sich mit Ablässen freikaufen muss, sondern einen Gott, der barmherzig ist, der die Menschen annimmt, sie erlöst. Wie dringlich, wie existenziell Luther sich diese Frage stellte, kann man nur verstehen, wenn man um die sehr realen Teufels- und Höllenängste der mittelalterlichen Menschen weiß. Auch für Luther war der Teufel eine sehr reale Größe, mit der er sich anlegte, mit der er rang. Autoritätshörig war der junge Mann jedenfalls nicht. Bei einer Reise nach Rom lernte er die moralische Verkommenheit des hohen Klerus ganz unmittelbar kennen. Da er als Theologe die biblischen Texte kannte, wusste er sehr wohl, dass die kirchliche Praxis meilenweit von dem entfernt war, was die Bibel gebot. Dass Luther ein brillanter Geist war, blieb nicht verborgen: Der Augustinermönch machte Karriere, wurde Theologieprofessor in Wittenberg, ein Amt mit beträchtlichem Einfluss. Damals war Luther längst klar, dass der Mensch sich nicht von seiner Sünde freikaufen konnte, wie die römische Kirche behauptete. Nur durch die göttliche Gnade - sola gratia - und den Glauben, der daraus wächst, könne der Mensch vor Gott bestehen. Und um Gottes Willen zu erfahren, bedürfe es keine Päpste, Bischöfe und Konzile, sondern allein der Bibel, predigte der Professor und stellte damit die gesamte kirchliche Praxis auf den Kopf. Aber an einem gnädigen Papst war Luther weit weniger gelegen als an einem gnädigen Gott, den er durch sein Bibelstudium gefunden zu haben glaubte. Es dürfte allerdings keineswegs so gewesen sein, dass Luther mit donnernden Hammerschlägen, deren Widerhall bis nach Rom zu hören war, den Kaiser, den Papst und den Rest der Kirche mutig herausgefordert hatte. Denn die Thesen waren keine revolutionäre Kampfschrift, sondern ein gelehrtes, wenngleich polemisch formuliertes Positionspapier, das eigentlich nur im Expertenkreis diskutiert werden sollte. Wer konnte also ahnen, dass Luthers 95 kritische Anmerkungen zu Gott, Kirche und Welt - die noch dazu in Latein abgefasst waren , das außer einer kleinen Schicht von Gebildeten kein Mensch verstand - ein neues Zeitalter einleiten würden? Doch das Unerwartete trat ein: Der Text wurde übersetzt, überallhin verbreitet und diskutiert. Der Autor selbst war über diese enorme Resonanz erstaunt. Sie lässt sich nur daraus erklären, dass er mit der Ablassfrage den Nerv der Zeit haargenau getroffen hatte. Innerhalb von 14 Tagen waren die Thesen in ganz Deutschland bekannt. Noch wenige Jahrzehnte zuvor wäre so etwas unmöglich gewesen, denn die Voraussetzung für die schnelle Verbreitung war die Erfindung des Buchdrucks. So markiert die Reformation, die sich ohne das neue Medium des Buchdrucks gar nicht denken lässt, zugleich den Beginn des Medienzeitalters. Luthers Bibelübersetzung wurde zum ersten Bestseller und ist als Longseller bis heute ohne Konkurrenz. War Luther, der seine Position mit höchstem persönlichen Einsatz unbeirrbar vor Papst und Kaiser vertrat und seine Glaubensauffassung schließlich auch durchsetzen konnte, ein Volkstribun, ein strahlender Held, eine Führernatur? Wohl kaum. Allerdings war er sicher auch nicht ganz so zart, wie ihn Joseph Fiennes darstellt - dessen Geschichte schon 1530 mit der Vorstellung des Augsburger Bekenntnisses endet. Luther darf man sich ohne Zweifel als einen kraftvollen Charakter vorstellen, voller Energie, Eloquenz und Arbeitswillen. Doch er kannte auch Selbstzweifel und Phasen von Niedergeschlagenheit und Depression. Sein Lebensstil reichte von fast selbstzerstörerischer Askese bis hin zu ausschweifender Sinneslust. Der Mönch, der die entlaufene Nonne Katharina von Bora geheiratet hatte, wurde zum geselligen Gastgeber und Familienvater. Er war fromm, konnte aber im Streit unerbittlich sein. Neben seiner Gabe zu kraftvoller Polemik, bei der er sich gern einer drastischen und bilderreichen Sprache bediente, wirkte er aber immer wieder ausgleichend. Am Ende seines Lebens steht eine friedensstiftende Tat: Martin Luther starb am 18. Februar 1546 in Eisleben, nur wenige Hundert Meter von seinem Geburtshaus entfernt, nachdem es ihm gelungen war, den Erbstreit der Mansfelder Grafen zu schlichten.

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