Konzertkritik
Entrückte Blicke und zerrissene Saiten
Die niederländische Okkultrockband The Devil’s Blood lieferte in der gut gefüllten Markthalle einen überragenden Auftritt ab.
Foto: Sandra Ludewig
Hamburg. Kein Wort ans Publikum, kein Lächeln und auch keine Zugabe. Nach gewöhnlichen Konzert-Maßstäben gemessen wäre der Markthallen-Auftritt der niederländischen Okkultrocker The Devil’s Blood am Freitagabend eine Enttäuschung gewesen. Aber gelten für diese Band gewöhnliche Maßstäbe? Natürlich nicht. Schließlich spielen Gitarrist Selim Lemouchi, seine Schwester, Sängerin Farida, und die vier Mitstreiter schon seit ihrem ersten Demo in einer ganz anderen Liga, und das aktuelle Album „The Thousandfold Epicentre“, ein siebzigminütiger Rausch, setzt Maßstäbe in Sachen Intensität. „Diese Band liebt oder hasst man, dazwischen gibt es nichts“, sagt ein euphorisierter Besucher noch bevor der erste Ton erklingt.
Doch in der gut gefüllten Markthalle stehen natürlich nur Fans, die jede Sekunde des fast zweistündigen Konzerts feiern. Die den Duft dutzender Räucherstäbchen einatmen, die zu Beginn des „Rituals“ entzündet werden, die fasziniert beobachten, wie die mit Blut übergossenen Musiker die Bühne betreten und Selim mit entrücktem Blick die erste Takte von „On The Wings Of Gloria“ spielt. Das erste von 13 Stücken, fünf vom neuen Album, die sämtlich ineinander übergehen und nicht selten in lange Psychedelic-Trips ausufern, bei denen die drei Gitarristen sich gegenseitig befeuern, während Bassist und Schlagzeuger wie Hochleistungssportler mit atemberaubender Ausdauer für ein nie endendes Rhythmuskorsett sorgen. Kurze Pausen sind lediglich Farida vergönnt, die dann vor einer Art Altar niederkniet.
„Cruel Lover“, „Rivers Of Gold“, „Fire Burning“, „The Time Of No Time Evermore“, „Die The Death“: Hier passt alles. Überragend auch „Voodoo Dust“, das viel langsamer beginnt als gewohnt, beim langen Instrumentalteil aber immer mehr Tempo aufnimmt und zu einem Exzess wird, der mit „The Madness Of Serpents“ eine letzte Steigerung erfahren soll. Doch ausgerechnet dieser wild galoppierende Übersong des aktuellen Albums zündet wegen seines sehr komplexen Aufbaus und der eigentlich gedoppelten Gesangsspuren live nicht so recht. Anders als „Christ Or Cocaine“, der TDB-Hit (wenn man bei einer solchen Underground-Band davon sprechen kann) mit Jahrhundertriff in einer Zehn-Minuten-Version, die gerne zehnmal so lang hätte sein dürfen. Zum Schluss zerreißt Selim Lemouchi wie im Wahn die Saiten seiner Gitarre. Jetzt kann nichts mehr kommen, heißt das. Aber dieses Finale wäre ohnehin nicht steigerungsfähig gewesen. Ein unvergesslicher Konzertabend – übrigens auch Dank der großartigen Doom-Black-Metal-Vorgruppe Urfaust. Ein Duo mit der Power eines Quartetts, das hoffentlich bald als Headliner nach Hamburg zurückkehrt.





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