Uraufführung im Schauspielhaus
"Der Große Gatsby": Sahne, Sahne und noch mehr Sahne
Die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs "Der Große Gatsby" nach Fitzgerald verpufft im Schauspielhaus in belanglosem Klamauk.
Robert Redford als Jay Gatsby und Mia Farrow als Daisy Buchanan in einem raren, trügerischen Moment des Glücks in der Verfilmung von 1974
Foto: picture alliance //picture alliance
Hamburg. Das Wichtigste zuerst: Die Party ist nicht vorbei. Sie wird es nie sein! Imperien mögen fallen, Immobilienblasen platzen und der Alkohol versiegen: Am Abgrund werden stets die besten Partys gefeiert. Ob mit oder ohne romantischen Gastgeber, nennen wir ihn Jay Gatsby. Aber was heißt da romantisch; die Romantik ist ja das Erste, was in der frech verjuxten Theaterversion von "The Great Gatsby" flöten geht. Die Schauspielhaus-Premiere des von der Literatur sehr frei adaptierten großen Romanstoffs endete nicht nur, sie begann im vollendeten Klamauk: "Nein, ich bin nicht der große Gatsby. Ich bin der kleine Nick Carraway", sagt gleich zu Anfang Stefan Haschke vorwitzig ins Publikum. Eigentlich soll das selbstverächtlich rüberkommen, zumindest steht es so in Rebekka Kricheldorfs Fassung, nach der Markus Heinzelmann das Stück in Hamburg inszeniert. Aber Haschkes Sentenz wirkt so plump und platt wie vieles an diesem Abend, den locker und leicht zu nennen einem etwas beschönigenden Manöver gleichkäme.
Sagen wir ehrlicher: Das flotte und um keine Albernheit verlegene Geschehen auf der Bühne zielt in seiner geistreich und entlarvend gemeinten, tatsächlich aber dumpfen Überzeichnung der in "Gatsby" angelegten Gesellschaftskritik nur auf den Wunsch nach Amüsement. Was wiederum auf eine interessante Weise den Theaterbesucher mit den überdrehten Wohlstands-Asozialen der New Yorker High Society auf der Bühne gemeinzumachen sucht, die nur ihre eigene hohldrehende Spaßgesellschaft kennen: Nur keine falsche Scheu, es darf sich zusammen gelangweilt werden. Das allerdings stilvoll und in schönem Ambiente: Was interessieren uns die Probleme der anderen?
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Der Schauspielhaus-Gatsby ist paradoxerweise handlungsgetrieben (indem er dem Stoff auf der Bühne keine Luft zum Atmen lässt) und langweilig zugleich, weil er seinen Reiz im Vergleich zum Buch vollkommen verloren hat. Die Figur des Gatsby (Samuel Weiss' Leistung fügt sich in die des gesamten Ensembles und ist: absolut erträglich) ist auf der Bühne ihrer inneren Konflikte und verzweifelten Noblesse beraubt. Gatsby ist beinah genauso blasiert wie sein Gegenspieler Tom Buchanan (dem Stephan Schad eine zugegebenermaßen köstlich großmannssüchtige Note gibt). Als seine Geliebte Myrtle ringt Julia Nachtmann ihrer Figur ein paar prollige, sehr heutige Momente ab. Gatsby anno 2012 ist ein selbstoptimierter Karrierist, Prahlhans und Alphamännchen.
So wird die Idee des Reichtums komplett kompromittiert. Sie folgt überhaupt keinem höheren Zweck mehr. Die Figuren auf der Bühne des Schauspielhauses drehen sich um sich und ihre Überspanntheiten, und das genau so schnell, wie dies das (im Übrigen gelungene) Bühnenbild Gregor Wickerts bewerkstelligen kann.
Die Erde dreht sich und dreht sich, sie hat es unzählige Male getan seit den 1920er-Jahren. Der Kommentar zum Hier und Jetzt darf also nicht fehlen, und es passt zur Tonlage des Stücks, dass Anspielungen auf Sarrazin und die Wirtschaftskrise arg bemüht wirken und wirkungslos verpuffen. Sie sind so berechnend wie gegen Türen laufende Männer mit Seitenscheitel und Hosenträgern und natürlich nicht wirklich Pipi machende Frauen mit ADS (umherstolpernd in ihrer eigenen trüben Dekadenz: Hedi Kriegeskotte).
Das Fin de Siècle wird in dieser Version von "Der große Gatsby" gründlich travestiert. In guten Szenen (mit fulminanten Dialogen) ist "The Great Gatsby" im Schauspielhaus "Californication", in schlechten Slapstick-Momenten Komödienstadel. Das Publikum hatte gegen diese Mixtur überwiegend wenig Einwände: Nachdem Gatsby den Bühnentod gestorben war, verließen frohgemute Theatergänger das Schauspielhaus. Mensch, das war unser Kulturabend: Wusste gar nicht, dass man dabei so viel lachen kann.
"Der große Gatsby" Schauspielhaus, weitere Vorstellungen: 16.1., 21.1., 25.1., 4.2., jeweils 20 Uhr, Karten unter Tel. 24 87 13





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