Roman
Haruki Murakami: Es bleibt nicht ewig dunkel
Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami walzt seine fantastische Weltparabel "IQ84" mit einer spannungsärmeren Fortsetzung aus.
Ausschnitt aus dem Cover zu dem Roman "IQ 84" (Buch 3) des Autors Haruki Murakami
Foto: Dumont Verlag
Haruki Murakami ist nicht nur Marathonläufer im sportlichen Sinne. Auch in seiner Literatur bevorzugt der japanische Schriftsteller die Langform. Sein Science-Fiction-Epos "IQ84" hat er mal eben auf drei Bücher aufgeblasen. Teil eins und zwei wurden von Lesern und Kritikern goutiert und entließen ihr Publikum wie jede gute Fortsetzungsgeschichte mit einem saftigen doppelten Cliffhanger.
Nun erfahren die Leser endlich, wie es weitergeht mit der Heldin Aomame, die sich eigentlich für ihren Kindheitsfreund Tengo opfern wollte. Noch immer hängt die Stretchingexpertin, die eigentlich im George-Orwell-Jahr 1984 lebt, in dem Paralleluniversum IQ84 fest, in dem es zwei Monde gibt, einen gelben und einen kleinen moosgrünen. Und wo sie im Auftrag einer reizenden älteren Dame, die sich um missbrauchte Mädchen kümmert, mit der Eleganz einer Manga-Amazone einen Sektenführer ermordet hat. Wissenswert wäre da noch, dass Aomame selbst die Tochter zweier Sektenanhänger ist, eine furchtbar isolierte Kindheit hatte, deren einziger Lichtblick ein unvergesslicher händchenhaltender Moment der Liebe zu Tengo bildete.
Der ist ein weiterer typischer Vertreter des männlichen Murakami-Helden, schweigsam und passiv führt er ein zurückgezogenes Leben weit unter seinen Möglichkeiten. Inzwischen ist er Aushilfslehrer für Mathematik und hat als Ghostwriter ausgerechnet das Debüt der 17-jährigen Sektenführertochter Fukaeri zum Bestseller veredelt. Auch er träumt am Ende von Buch zwei von einem Wiedersehen mit seiner Kindheitsliebe.
Doch Aomame sitzt erst mal in ihrem Versteck fest, wo sie vom Leben eigentlich nichts mehr erwartet. Und ihre gleichförmigen Tage geräuschlos mit Gymnastik, fettfreiem Essen und immer wieder dem Bestaunen der zwei Monde verbringt. Liefen Buch eins und zwei dramaturgisch geschickt auf die mit einem haarfeinen Nadelstich verübte Mordtat zu, während sie allerlei Rätsel rund um die Sekte aufwarfen, wabert Buch drei bald recht quälend um einen Fortgang der Handlung herum. Und berauscht sich etwas ermüdend am Romanpersonal. Die Welt mag dank der Kraft der Liebe von einem Vertreter des Bösen erlöst sein, doch sie ist damit nur in einem Winkel etwas aufgeräumter als zuvor.
Nicht Liebe, sondern Einsamkeit wird zum großen Thema der Fortsetzung. Etliche Seiten widmet Murakami dem Schnüffler Ushikawa, einem Söldner der Sekte von missgebildetem Äußeren, der sich kalt und schlicht aus seinem deprimierend gefühlsarmen Familienleben verabschiedet hat. "Selbst in einer größeren Menschenmenge war er so unübersehbar wie ein Tausendfüßler in einem Joghurtbecher." Nicht nur in Murakamis Roman, auch in seinem gesamten Leben bleibt er eine Nebenfigur. Allerdings eine gründliche. Damit kommt er den Hauptfiguren schnell auf die Spur, wird zum obskuren Bindeglied. Denn dadurch, dass sich Aomame verstecken muss, kann Tengo sie nicht finden. Nach wenigen Sätzen steckt der Leser wieder mittendrin in der eisigen Atmosphäre der Megacity Tokio. Er spürt die Verlorenheit innerhalb einer durchstrukturierten Gesellschaft, in der wenig Raum bleibt für Individualismus und Gefühle, erst recht, wenn sie unkonventioneller Natur sind.
Der dritte Teil umfasst neun Monate. Denn Aomame ist inzwischen gesegnet mit einer jungfräulichen Empfängnis, die sich just in dem Moment zutrug, als Tengo von der jungen Sektenführertochter verführt wurde, die kurzzeitig bei ihm Zuflucht suchte. Aomame ist sich nach allerlei Meditationen sicher, dass das werdende Leben von Tengo stammt. Quasireligiöse Momente spielen hinein. Christliche Motive verbinden sich mit solchen des Shintoismus von der potenziellen Beseeltheit der Dinge. Das triste Grundrauschen setzt sich unterdessen fort in den ernüchternden Besuchen Tengos bei seinem dementen Vater in einem Pflegeheim in der "Stadt der Katzen" und dem merkwürdig sachlichen, gelegentlich ins Intime abdriftenden Kontakt zu den Pflegerinnen. Auch diesmal spickt Murakami die Geschichte mit allerlei Elementen des Fantastischen, ein geisterhafter GEZ-Eintreiber taucht vor diversen Türen auf, um vehement Gebühren anzumahnen, und verschwindet anschließend spurlos. Weiterhin im Dunkeln bleibt das Rätsel um die "Little People", seltsame kleine, mit dämonischen Kräften begabte Wesen.
Dank dieser Kunstgriffe verschwimmen die Grenzen von Wahrnehmung und Realität. Die Liebenden wirken hier nicht wie Außenseiter, sondern wie die einzig Normalen in einer ziemlich verrückten Welt, in der alle Kategorien verschoben sind. Der postmodernen Gesellschaft, zumal der als eingefroren gezeichneten japanischen, ist für Murakami nur mithilfe von Ironie und bis zum Äußersten getriebener Sentimentalität beizukommen.
Als großes Gesellschaftsporträt liest es sich dennoch nicht. Frei nach Thomas Mann, der befand, dass Ausdauer auch etwas Melancholisches habe, steckt dieses Buch voller Melancholie. Eine Melancholie an deren Ende eine recht schmerzhafte Leerstelle lauert, auch wenn die beiden Königskinder sich auf der Tokioter Stadtautobahn wiederfinden und endlich wieder nur ein Mond am Himmel steht, der gute, alte goldene Mond. Aber wir sind ja erst am Ende von Teil drei. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszurechnen, dass die Sekte es nun auf das ungeborene Kind der beiden Widerständler abgesehen hat.
Haruki Murakami: "1Q84" (Buch 3). DuMont Verlag, 576 Seiten, 24 Euro





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