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Kultur & Live

Dem Dichter auf den Versen

Schauspielhaus: Wolf Biermann hat ein langes Gedicht von Bob Dylan sehr frei übersetzt. Nächste Woche trägt er es vor.

Hamburg. Da steht ein nicht mehr ganz junger Mann im Hamburger Hafen und erzählt dem Kultur-Journal vom NDR von einem frühen Gedicht eines etwas Jüngeren. Dazu parodiert er sehr komisch dessen Hit "Mr. Tambourine Man". Beide sind Poeten, beide singen und beide begleiten sich auf der Gitarre, der eine mehr, der andere weniger akustisch. Der Parodierte ist Bob Dylan, ein Amerikaner, der als 18-Jähriger damit anfängt, seine Gedichte zu singen. Der Mann am Hafen ist Wolf Biermann. Er beginnt damit etwas später, zunächst im Westen, dann im Osten. Und dann wird er verboten, 1976 gar aus der DDR ausgebürgert und singt wieder weiter im Westen. Erst 21 Jahre später erlebt Biermann sein erstes Konzert mit Dylan. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, diesen Star-Vertreter der bürgerlichen Demokratie zu erleben, der immer ohne Unterbrechung seine eigenbrötlicherische Individualität ausleben konnte. Und man selbst durfte zehn Jahre lang nicht! Biermann nimmt sich also vor zwei Jahren beherzt das frühe Dylan-Poem "Eleven Outlined Epitaphs" vor. Ein singender Dichter mit erklärter Liebe zur eigenen Sprache übersetzt erneut die frechen frühen Grabsprüche eines ewig Reisenden, eines dichtenden Barden aus dem Land der Frommen und Freien. Dabei kann er Englisch nur dürftig, sagt er, dafür gäbe es schließlich Spezalisten. Aufs Deutsche kommt es ihm an bei dieser Arbeit und darauf, mit der ihm eigenen dichterischen Freiheit zu verblüffen. Die "Eleven Outlined Epitaphs" von Dylan geraten bei Wolf Bierman als "Elf Entwürfe für meinen Grabspruch" mehr als doppelt so lang. Man muss sich das vielleicht so vorstellen wie bei den zahllosen Bibel-Übersetzungen, da wurde ja auch immer kräftig dazugedichtet. Oder wie diese puppengroßen T-Shirts, die sich dank Stretch-Technik auf Erwachsenengröße dehnen lassen. Biermann übersetzt frei "Blindly punchin' at the blind / breathin' heavy / stutterin' / an' blowin' up/ where t' go / what is it that's exactly wrong / who t' picket? / who t' fight. Auf deutsch heißt das dann: "Ich tapp ne fremde Straße runter, seh / die Häuser schwer verrammelt wie / Tresor / blind baller ich mit bloße Hände / an irgend so 'ne Jalousie / schwer keuchend / stammel ich und stotter / dann brüllt was aus mir raus: / Wo lang? / Was läuft verkehrt?/ Wen anknalln? Welchen nassen Sack / mit Spottgesängen niedersingen? / Und welche Killer in die Knie zwingen? / Wie zeigen wir's dem etablierten Pack?" Bei Shakespeare hätte er das nicht gewagt, gesteht Biermann, aber dieser Text Dylans sei so unverschämt jung, da fühlt man sich an die eigene Aufmüpfigkeit erinnert und hat dazu viel eigenen Trotz beizusteuern. Bob Dylan war damals 24, heute klänge manches bei ihm sicher auch anders. Leider kann man ihn nicht fragen, was er von Biermanns "Transportarbeit am Text" hält. Dazu müsste jemand alles wieder mühsam zurückübersetzen. Biermann jedenfalls hält Dylan für den größten Dichter Amerikas in unserer Zeit. Den Nobelpreis für Literatur habe Dylan verdient. Und am Freitag oder Samstag wird Biermann im Docks natürlich eines der beiden ausverkauften Konzerte erleben, die Dylan ununterbrochen seit Jahrzehnten gibt. Immer anders, nie vorhersehbar. Das vereint Dylan und Biermann gleichermaßen.

  • Wolf Biermann liest Dylan im Schauspielhaus am 23. Oktober, 20 Uhr. "Eleven Outlined Epitaphs / Elf Entwürfe für meinen Grabspruch", Kiepenheuer & Witsch. 16,90 Euro.

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