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Der Geist bricht Burgen

Vor 100 Jahren entstand „Der Blaue Reiter"

Im Jahre 1912 eröffneten F. Marc und W. Kandinsky die Ausstellung „Der Blaue Reiter". Ihre Kunst hat bis heute nichts von ihrer Kraft verloren.

Ansicht der im Museum Frieder Burda in Baden-Baden ausgestellten Skulptur "Zwei Pferde" (1908/09) des Künstlers Franz Marc (Archivbild)
Foto: picture-alliance/ dpa/dpa

München. „Es ist merkwürdig, wie geistige Güter von den Menschen so vollkommen anders gewertet werden als materielle.“ Diese Worte stammen von dem Künstler Franz Marc (1880-1916) und stehen am Anfang des Almanachs „Der Blaue Reiter“. Dieses Buch gilt heute, rund 100 Jahre nach seinem Erscheinen Anfang 1912, als eine der bedeutendsten Programmschriften zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Text hat von seiner Kraft nichts verloren.

„Erobert z.B. jemand seinem Vaterlande eine neue Kolonie, so jubelt ihm das ganze Land entgegen“, schrieb Marc. „Kommt aber jemand auf den Gedanken, seinem Vaterlande ein neues reingeistiges Gut zu schenken, so weist man dieses fast jederzeit mit Zorn und Aufregung zurück.“ Stattdessen, so meinte Marc, versuche man dieses „Geschenk“ auf jede Weise aus der Welt zu schaffen. Es sei „wahnsinnig schwer, seinen Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen“, konstatierte Marc.

Und lieferte seinen Beitrag: Am 18. Dezember 1911 eröffnete Marc zusammen mit seinem Malerkollegen Wassily Kandinsky (1866-1944) in den Räumen der Münchner Galerie Thannhauser die erste Ausstellung der Redaktion „Blaue Reiter“.

Gezeigt wurden Werke unter anderem von Henri Rousseau, Robert Delaunay, August Macke und Gabriele Münter. Sie alle verband die Suche nach einer neuen Ausdrucksform. Sie wollten das Wesen der Dinge erfassen, suchten das Ursprüngliche, erprobten neue Methoden und scherten sich nicht um die akademische Kunst.

Deshalb waren wenige Monate zuvor Macke und Kandinsky auch aus der „Neuen Künstlervereinigung“ ausgetreten. Sie wollten zu einem „Zentrum der modernen Bewegung“ werden, wie es Marc in einem Brief an seinen Bruder formulierte. Eilig hatten sie die Ausstellung zusammengestellt, die später durch Deutschland tourte. Zeitgleich arbeiteten sie an dem Almanach, der Anfang 1912 im Piper-Verlag erschien.

Buch und Ausstellung „Der Blaue Reiter“ gehörten untrennbar zusammen, wie Kandinsky 1935 in einem Manuskript notierte. Eine Vereinigung oder Gruppe habe es nie gegeben: „Marc und ich nahmen das, was uns richtig erschien“, ohne sich „um irgendwelche Meinungen oder Wünsche zu kümmern“.

Doch was die beiden Künstler mit ihrer – laut Kandinsky - „diktatorischen“ Art in der Ausstellung und dem Almanach zusammentrugen, entfaltet bis heute eine hohe Anziehungskraft. Obwohl schon 1914 aufgelöst, gilt der Blaue Reiter bis heute als ein Wegbereiter der Moderne. Hier gewann die Farbe neue Selbstständigkeit, Gegenstände wurden abstrahiert, die Räumlichkeit aufgehoben, hier wurden neue Gesetze erfunden.

Die Idee zum Almanach schilderte Kandinsky bereits im Juni 1911: „Nun! Ich habe einen neuen Plan. (...) Eine Art Almanach mit Reproduktionen und Artikeln und Chronik. In dem Buch muss sich das ganze Jahr spiegeln, und eine Kette zur Vergangenheit und ein Strahl in die Zukunft müssen diesem Spiegel das volle Leben geben“, schrieb er in einem Brief an seinen Freund Marc. „Sprechen Sie nicht darüber“, forderte Kandinsky, „in solchen Fällen ist Diskretion sehr wichtig.“

Den ganzen Sommer arbeiteten die beiden Künstler wie besessen, verfassten Texte und Briefe, suchten Bildmaterial, diskutierten Entwürfe. Ohne zu wissen, wie sie das Buch finanzieren würden, unterzeichneten sie im September den Vertrag von Verleger Reinhard Piper, in dem sie „gesamtverbindlich für die Deckung der Kosten“ hafteten. Wahrscheinlich wäre der Almanach nie erschienen, wenn nicht der Berliner Fabrikant Bernhard Koehler die vom Verleger geforderte Garantie von 3.000 Mark zur Verfügung gestellt hätte.

Für den Kunsthistoriker Klaus Lankheit, der in den 60er Jahren ein Standardwerk zum Blauen Reiter verfasste, beruhte die Wirkung des Almanachs auf der „Überzeugungskraft einiger weniger, im Grunde einfacher, aber zur rechten Zeit verkündeten Wahrheiten“. Lankheit, der miterlebt hatte, wie die Kunst in der Nachkriegszeit zersplitterte, konnte den „hochgemuten Optimismus“ des Blauen Reiters nicht teilen. Gleichwohl konstatierte er: „Mehr denn je gilt Marcs Wort, 'dass es sich in der Kunst um die tiefsten Dinge handelt, dass die Erneuerung nicht formal sein darf, sondern eine Neugeburt des Denkens ist'.“

Der Almanach war auch Vorreiter für eine neue Form der Publikation, wie sie heute in etlichen Trendmagazinen zu finden ist. Marc und Kandinsky unterschieden nicht zwischen den Darstellungsformen, stattdessen stellten sie künstlerische Positionen gleichberechtigt nebeneinander. Die Abbildung einer ägyptischen Schattenspielerfigur war genauso wichtig wie ein mittelalterlicher Holzschnitt, das Foto einer Plastik aus Kaledonien galt soviel wie die Gestaltung einer Vignette.

Die Texte verbanden Hochkultur mit Volkskunst, Theorie mit Praxis. Es ist diese Mischung aus Streitschrift und Dokumentation, Trendbarometer und globalisiertem Kulturführer, die das Versprechen von Franz Marc bis heute wachhält: „Der Geist bricht Burgen."

Als Erinnerung an die Entstehung des „Blauen Reiters“ zeigt das Schlossmuseum Murnau von 15. Dezember 2011 bis 11. März 2012 die Ausstellung: „1911 – Kandinskys Reiter für den Almanach“. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.

Buchtipp: Der Blaue Reiter, Herausgegeben von Wassily Kandinsky und Franz Marc, Dokumentarische Neuausgabe von Klaus Lankheit, Piper-Verlag 2004.

 

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