Trauer

Wofür Mick Jagger Chuck Berry bewunderte

Chuck Berry, Ende der 50-er Jahre, da hatte er schon Songs wie „Sweet Little Sixteen“ und „Johnny B. Goode“ geschrieben

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Chuck Berry, Ende der 50-er Jahre, da hatte er schon Songs wie „Sweet Little Sixteen“ und „Johnny B. Goode“ geschrieben

Chuck Berry starb am Sonnabend im Alter von 90 Jahren. Fans und Stars trauern. Für einen war er sogar der Shakespeare des Rock'n'Roll.

St. Louis.  Das digitale Kondolenzbuch, das der "St. Louis Dispatch" in Missouri am Sonnabend auf seiner Internetseite installierte, füllte sich im Minutentakt. Viele Zeitungsleser, die sich dort vor Chuck Berry verbeugen wollten, empfanden so wie Nancy Kusak aus Pittsburgh: "Seine Musik brachte mir wie Millionen anderen Freude. Ich danke dem lieben Gott für ihn und seine unglaubliche Gabe." Treffender kann man es kaum formulieren.

Die Todesursache ist noch unklar

Mit Charles Edward Anderson Berry Sr. ist der letzte Ur-Großvater des Rock abgetreten. Sonnabendmittag wurden Rettungssanitäter in sein Anwesen nahe Wentzville, ein Vorort seiner Heimatstadt St. Louis, gerufen. Sie konnten nichts mehr tun: Chuck Berry war im Alter von 90 Jahren gestorben, die Todesursache ist noch unklar.

Ein charismatischer Pionier war dieser Mann, dessen Wirkungsmacht Größen wie den Beatles, Bob Dylan, den Rolling Stones, Eric Clapton und Jimi Hendrix Ehrfurcht einflößte und tiefe Verehrung abrang. "Wenn man versuchen würde, dem Rock 'n' Roll einen anderen Namen zu geben", sagte einmal John Lennon, "man könnte ihn Chuck Berry nennen."

Auch darum ziehen Weltstars von Bruce Springsteen bis Mick Jagger jetzt ergriffen den Hut. "Er hat unsere Jugend erleuchtet, und Leben in unseren Traum gehaucht, Musiker und Künstler zu werden", schrieb Jagger auf "Twitter". "Seine Texte überstrahlten die von anderen und warfen ein eigenes Licht auf den amerikanischen Traum. Chuck, du warst großartig, und deine Musik ist für immer in uns eingraviert."

Bob Dylan verglich Chuck Berry mit Shakespeare

Ob "Maybellene", "Sweet Little Sixteen", "Rock and Roll Music", "Carol", "Nadine", "My Ding-a-Ling" oder "Johnny B. Goode": Wer im großen amerikanischen Songbook nach dem Heiligsten stöbert, stößt in der Tat immer wieder auf Chuck Berrys poetisch-genialische Zweieinhalb-Minuten-Epen. So genialisch, dass Leonard Cohen 2012 bei einer Preisverleihung des britischen Schriftstellerverbandes sagte, im Vergleich zum Songschmied Berry habe alles andere nur "Fußnoten-Qualität". Bob Dylan sprach gar vom "Shakespeare des Rock 'n' Roll".

Dass der bis zuletzt gertenschlanke Ehe- und Lebemann (er war fast 70 Jahre mit "Toddy" verheiratet, Themetta Berry, und hatte diverse Affären) federführend am Soundtrack des 20. Jahrhunderts mitschreiben würde, dass er kühn mit der legendären "Roll over Beethoven"-Zeile "Mach Platz Beethoven!" den Machtanspruch der U- gegenüber der E-Musik formulieren sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt.

Chuck Berry, geboren am 18. Oktober 1926 als Sohn eines Laienpredigers und einer Lehrerin, war bereits 30 und Ex-Gelegenheitsarbeiter, Ex-Boxer und Ex-Friseur, als er 1955 seine erste Platte aufnahm: "Maybellene". Die nach Wimperntusche benannte Ode an dicke Autos und eine fremdgehende Frau katapultierte den Mann mit der Stimme, "die genauso wellig und ölig war wie sein Haar" (Musikjournalist Nik Cohn), ins Orbit des damals gerade entstehenden Planeten Pop.

Gage immer in bar und im voraus

Lange bevor Alice Cooper in den 70er-Jahren mit "School's Out" die Qualen der Teenager-Generation besang, sicherte sich Chuck Berry mit Sturm-und-Drang-Liedern wie "School Day" in den Jukeboxen der nach Rebellion dürstenden Nachkriegsjugend seinen Rang.

Als seine Kunst, die tief im Blues von Granden wie T-Bone Walker und Muddy Waters verankert ist, noch "Negermusik" gerufen wurde, kultivierte Berry ein Geschäftsprinzip, das ihn bei seinen Konzerten bis zuletzt begleiten sollte: Gage immer in bar – als Vorauszahlung. Die Marotte wurzelte in tiefer Skepsis gegenüber der Musikindustrie. Mehrmals landete Chuck Berry hinter Gittern. Mal ging es um Steuerhinterziehung (120 Tage). Mal um die mutmaßlich triebgesteuerte Mitnahme einer 14-Jährigen im Auto in einen anderen US-Bundesstaat (20 Monate).

Chuck, das erste Album nach 40 Jahren

Weil ihm die Stimme abhanden gekommen war und die klapprigen Gliedmaßen auch nicht mehr wollten, hängte Berry die Live-Gitarre, eine Gibson ES 335, mit der er bei Konzerten in einer Art Entengang über die Bühne watschelte, vor zwei Jahren endgültig an den Nagel. Um dann im vergangenen Oktober pünktlich zum 90. Geburtstag die Sensation anzukündigen: "Chuck", das erste Album seit fast 40 Jahren mit neuen Songs, so sagte sein Sprecher Joe Edwards damals, sei "in der Mache". Nun kann Chuck Berry die im Laufe dieses Jahres geplante Veröffentlichung seines Spätwerks nur noch von höherer Warte aus verfolgen.

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