Hamburg
Premiere in der Opera Stabile: Don Giovanni reloaded
Andreas Bode hat die Geschichte von Mozarts Donna Elvira weitergesponnen: Seine furiose "Miss Elvira" in der Opera Stabile.
Leicht derangiert, die jungen Leute. Catrin Kirchner und Johannes Öllinger im Beziehungsdschungel
Foto: Wolfgang Unger
Hamburg. Wir wissen es ja längst, und Bücher wie "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" oder das unsterbliche Einmannstück "Caveman" lassen keinen Zweifel daran: Frauen und Männer passen nicht zusammen. Und wen von beiden interessiert das wohl mehr? Zumindest bei der Premiere von "Miss Elvira" in der Opera Stabile war die Antwort klar: Gefühlte 90 Prozent des Publikums waren weiblich.
Regisseur Andreas Bode dekliniert das Menschheitsthema frei nach dem Ratgebertitel "Wenn Frauen zu sehr lieben" gleichsam am lebenden Objekt durch. Seine Titelfigur, besser bekannt als Donna Elvira, die unglückliche Verlassene aus Mozarts "Don Giovanni" und die reinrassigste Hysterikerin der Operngeschichte, versetzt er vom Spanien des späten 17. Jahrhunderts in die norddeutsch-herbstliche Gegenwart. Die Liaison mit Don Giovanni liegt hinter ihr, die Oper auch; Elviras nächste Runde im großen Spiel um die ewige Liebe findet zu Liedern und Arien von Monteverdi bis Schumann statt.
Eins ist gleich in der ersten Videoprojektion klar, wenn die Heldin mit verrutschter Perücke und zerrissenen Netzstrümpfen über eine nebelverhangene Allee stolpert: Zeitsprung und Temperatursturz bedeuten mitnichten ein Nachlassen an Leidenschaft, im Gegenteil. Die Sopranistin Catrin Kirchner spielt, tanzt, flucht, faucht und schreit ihre Figur anderthalb Stunden lang in einer Intensität, dass einem selbst als Frau himmelangst wird. Diese Elvira will immer jenes Quäntchen zu viel, das dem anderen die Luft zum Atmen nimmt. Bei der ersten Begegnung im Park drängt sie ihm ihre Begleitung ziemlich auf. Wie sie ihm am Schluss beim Auseinanderdividieren der Wohnungseinrichtung vorwirft, er nutze sie aus, nur weil er auf ihr Angebot "Nimm du die Couch" schlicht "Danke" antwortet, statt ritterlich zu verzichten - das hat in seiner todtraurigen Komik das Zeug zum Loriot-Sketch.
Kirchners Lust am Spiel trägt die ganze Produktion. Don Giovannis Verführer-Arie "Reich mir die Hand, mein Leben" münzt sie um in einen furiosen Slapstick: Sie lässt ein Essbesteck samt Spaghetti Mann und Frau spielen, schlüpft stimmlich in die jeweiligen Rollen und singt auch noch dazu.
Dass das harte Arbeit bedeutet, merkt man allenfalls an ihrer Stimme. Kirchner singt immer wieder passagenweise zu tief, ihr Timbre klingt manchmal allzu gaumig und bricht dann übergangslos um ins Fahle, die Vokale haben oft eine irritierend falsche Farbe. Doch sieht man dieser geistreichen, so amüsanten wie bestürzenden Performance solche Mängel gerne nach.
Johannes Öllinger begleitet Kirchner so virtuos wie empfindsam, ob auf der E-Gitarre, der klassischen Gitarre oder dem Banjo. Seine Arrangements verfremden unbekümmert, lassen aber auch Raum für den elegischen Schumann-Ton. Und zugleich gibt er den namenlosen Mann, einen konsequenten Anti-Don-Giovanni. Weniger Sex-Appeal, weniger Doppelbödigkeit waren nie. Umso deutlicher tritt hervor, dass er für die überdrehte Elvira nichts weiter als eine Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte ist. Zu den Klängen von Monteverdi bricht die Gerupfte wieder auf ins Leben, nichts als einen Koffer in der Hand. Neues Spiel, neues Liebesglück?
Miss Elvira: Nächste Vorstellungen: heute, 19., 28. und 30.11., jeweils Zwei Männer und eine Frau - da wird aus Spiel schnell Schicksal 20.00, Opera Stabile (U Gänsemarkt), Kleine Theaterstraße, Karten zu 15,- unter T. 35 68 68; www.andreasbodecompany.com





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