Hamburg
Nomaden-Ausstellung im Völkerkundemuseum startet
Zigeuner und fahrendes Volk haben seither einen zweifelhaften Ruf. Die neue Schau zeigt: eigentlich sind sie die Vorfahren der Globalisierung.
Das Museum für Völkerkunde in Hamburg
Foto: Bertold Fabricius/Pressebild.de
Hamburg. Zigeuner, fahrendes Volk, Nichtsesshafte: Menschen mit nomadischen Lebensformen genießen häufig einen eher zweifelhaften Ruf – längst nicht nur heute in Deutschland, sondern seit dem dritten Jahrtausend vor Christus. Damals zogen in Mesopotamien, dem heutigen Irak, die ersten Viehhirten mit ihren Herden durchs Land – und begründeten das tierhaltende Nomadentum. Wie vielschichtig das Thema Nomadismus betrachtet werden kann, zeigt das Museum für Völkerkunde in Hamburg ab Donnerstag mit einer großen Ausstellung, an der rund 15 wissenschaftliche Disziplinen beteiligt sind.
"Brisante Begegnungen – Nomaden in einer sesshaften Welt“ ist das Ergebnis einer Kooperation des "Sonderforschungsbereichs 586 Differenz und Integration“ der Universitäten Leipzig und Halle-Wittenberg sowie weiterer wissenschaftlicher Institute. Dennoch kommt die Ausstellung, die auf über 1.000 Quadratmetern rund 400 Objekte vereint, kaum akademisch verkopft daher. Vielmehr bietet sie viel zum Schauen, Denken und Anfassen. Da ist zum Beispiel die Milch-Zentrifuge, mit der sich Käse über Monate hinweg haltbar machen lässt. Das Ergebnis kann sich im Museum sehen – und riechen lassen. Oder das große Nomadenzelt aus Syrien im ersten Stock des Museums, in dem Lesungen, Konzerte und andere Veranstaltungen stattfinden sollen, dargeboten von "echten Nomaden“.
"Seit 3.000 Jahren wird das Nomadentum totgesagt, dabei ist es noch immer aktuell und ein sehr erfolgreiches Modell“, sagt Museumsdirektor Wulf Köpke. Geografisch reicht die Schau von Marokko über Tibet bis Sibirien. Zwei Vitrinen mit Grabbeigaben aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend veranschaulichen, worauf es Nomaden und Sesshaften jeweils ankommt: Während die Menschen mit festem Wohnsitz ihren Verstorbenen Vorratsbehältnisse und repräsentative Objekte mit auf den Weg geben, finden sich in einem Nomadengrab eher praktische Dinge wie Koch- und Essgeschirr. Und Freunde der experimentellen Küche finden in der Ausstellung Kochrezepte für den Raupenpilz, eine bei Nomadenstämmen beliebte Mischform aus Insekt und Pflanze.
Dass es immer wieder zu Spannungen zwischen den verschiedenen Kulturen, Wirtschaftsarten und politischen Strukturen nomadischer und sesshafter Menschen kommt, hat eine lange Tradition, meint die Projektleiterin der Ausstellung, Annegret Nippa. "Das führte schon vor 5.000 Jahren manchmal zu der fixen Idee, dass man eine Integrationsbehörde braucht“, sagt die Ethnologin. Und Jörg Gertel, Sprecher des "Sonderforschungsbereichs 586“, ergänzt: "Nomaden waren die frühen Globalisierer, und sie halten mit dem technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt absolut mit.“ So checken afrikanische Viehhalter zunächst per Handy die aktuellen Fleischpreise in der Stadt, bevor sie mit ihrer Herde auf den Markt ziehen. Ebenso wird die Herde per Lkw auf die Sonnenseite der Weide gefahren, statt sie mühsam dorthin zu treiben. In der Ausstellung beleuchtet ein eigener Teil das Thema "Nomadismus und neue Technologien“.
Zwischen den Ausstellungsstücken gibt es immer wieder Medienstationen mit Fotos, Filmen oder Audiodokumenten, außerdem sind eine echte Karawanserei, eine Jurte und verschiedene andere Nomadenbehausungen aufgebaut. Im Mittelpunkt des großen Ausstellungsraums stehen Schaf, Ziege, Pferd, Kamel und die tibetische Rinderart Jak, zentrale Größen beim Thema Handel, Mobilität und Krieg. "Reitervölker waren für Sesshafte oft eine Bedrohung, da sie unabhängig sein und eine eigenständige Lebensgestaltung wollten“, sagt Annegret Nippa. Daher widmet sich die Schau auch der politischen Dimension des Nomadentums: Probleme der Einbürgerung, Zölle, rechtliche Hürden. Frappierend die Gegenüberstellung zweier Einbürgerungsurkunden aus Rom um 170 nach Christus und in Deutschland von 1992: Auf beiden Dokumenten ist vermerkt, warum die entsprechenden, zuvor herumreisenden Personen als Staatsbürger aufgenommen wurden.
"Brisante Begegnungen – Nomaden in einer sesshaften Welt“, bis 20. Mai 2012, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr





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