Hamburg
Cirque à la français wirbelt in den Fliegenden Bauten
Poesie und Possen in der Zirkusarena: Der Cirque NoNo bietet eine kunterbunte Mischung aus fabelhafter Artistik und groteskem Theater.
Der Cirque NoNo gastiert noch bis zum 27.11. in den Fliegenden Bauten
Foto: Fliegende Bauten
Hamburg. Kommen Franzosen mit Zirkus, wird er zum Cirque Noveau mit einem existenzialistisch-philosophischen Flair. Artistik dient nicht nur als l’art pour l’art, sie ist auch ein Gleichnis für die riskanten Balanceakte des Lebens. Und bietet – wie beim ersten Deutschland-Auftritt des Marseiller Cirque NoNo im Zelt der Fliegenden Bauten – ein sehr spezielles Vergnügen: Der Zuschauer findet bei der burlesken Melange aus Akrobatik, Tanz und Theater, aus Clownerie, Parodie und Nonsense genügend Zeit, vom Lachen und Sich-Wundern auch ins Nachdenken zu kommen.
Wo normalerweise die Kapelle über dem Manegen-Eingang aufspielt, thront eine Diva. Unter ihrem riesigen Reifrock aus schillernden Farbtüchern laufen, marschieren, purzeln und springen Artisten, Clowns und allerlei skurrile Geschöpfe hervor. Sie servieren auf dem bunten Teller der bemalten Holzarena das skurrile Zirkus-Theater von Autorin Marion Coultis und Regisseur Serge Noyelle. Die Dame unter der Zeltkuppel erinnert frappant an die Figur der Winnie in „Oh les beaux jours“ („Glückliche Tage“) von Samuel Beckett. Wie diese hantiert Isabelle Fruchard mit Pistole, Puderquaste und Parapluie, räsoniert im lyrischen Kauderwelsch aus Deutsch, Französisch und Englisch über die Absurditäten des Lebens: „Nichts ist von Dauer, nichts sicher unter dem Himmel.“
Dass Leben auch Gefahr, Kraft, Schönheit, Sex und Spaß bedeutet, demonstrieren die Artisten in ihren Nummern wie der Strapaten-Akrobat Oto Camero, der Rad-Artist Thomas Gestin mit rasanten Salti auf der Half-Pipe oder der skurrile Flávio Franciulli, der mit Flossen durch die Lüfte rudert. Fred Rendall zeigt im anmutigen Spiel mit einem mannshohen Reifen: Rasch wird der Beherrscher eines Objekts zum Beherrschten.
Zwischen den Nummern erobern sich die Schauspieler, die "NoNos" Patrice Pujol, Grégori Miège, Noel Verges und Caspar Hummel mit oft albernen Intermezzi die Arena. Manche ist's tatsächlich "no No" und geht eigentlich gar nicht. Doch die derben Scherze versöhnen durch Charme und schonungslose Selbstironie. Dann klappert das Verrückte Quartett einen Holzschuhtanz auf die Bretter, erscheint als Schafherde oder Schifahrer im Schneegestöber, parodiert Latino-Leidenschaft oder Boxen gegen Wabbelbauch. In tollpatschigem Slapstick und aberwitzigen Kostümierungen machen sich die Alten auch lustig über eigene Gebrechen, Schwächen und die sentimentale Sehnsucht nach der Jugend.
Im kunterbunten Allerlei dieser in doppeltem Sinn fantastischen Show, musikalisch untermalt und rhythmisch angefeuert von der vierköpfigen Band unter Marco Quesada, prallen Kitsch und Tiefsinn, höchste Kunstfertigkeit und Dilettantismus, Possen und Poesie nahtlos aufeinander und ergeben einen exzentrischen Zirkusmix – eben Cirque à la français.
Vorstellungen des Cirque NoNo noch bis zum 27.11., Fliegende Bauten (U St.Pauli), Glacischaussee 4, Karten unter T.881411880; www.fliegende-bauten.de





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