Sonntag, 27. Mai 2012, 07:24

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

Hamburg

Die Märchentage auf den Spuren von Lateinamerika

70 Lesungen, Erzählungen, szenische und musikalische Veranstaltungen luden Kinder und Jugendliche auf eine Reise nach Lateinamerika ein.

Die Eröffnungsveranstaltung der 8. Hamburger Märchentage
Foto: Patrick Piel

Hamburg. Melodische Klänge füllen die Beletage des Literaturhauses. Es sind Klänge, die an Regenwälder erinnern. An Vögel, Grillen und Dickicht. Die achten Hamburger Märchentage (4.-11.) führten in die Welt lateinamerikanischer Mythen und Legenden. Etwa 50 Kinder zwischen fünf und zehn Jahren haben es sich in dem Raum mit Stuck verzierten Decken gemütlich gemacht. Viele von ihnen sitzen auf bunt gewebten Teppichen am Boden und rasseln mit Chachas, exotisch anmutenden Instrumenten aus getrockneten Früchten. Sie folgen dem Rhythmus der Bambusflöte und der akustischen Gitarre, die Ursula Rothen Kern und David Sandoval spielen. Sandoval trägt die rote Tracht der peruanischen Einwohner Machu Picchus, die mit Stickereien besetzt ist. Nach dem letzten Akkord seiner Gitarre wird es auf einmal ganz still. Spannung liegt nun in der Luft.

„Es war einmal ein Haus, in dem es nachts sehr heiß und rauchig war, weil die Leute ein großes Feuer im Haus angezündet hatten. Deshalb gingen die Leute vor das Haus, banden dort ihre Hängematten an und schliefen draußen. Weit vom Hause war ein Jaguar“, beginnt Rothen Kern zu erzählen. Es ist ein Märchen der Indianer, die im Urwald von Peru lebten. Der Jaguar und der Regen wollten den Menschen Angst einjagen. Die Kinder rasseln mit den Chachas, Sandoval trommelt – es sind knackende Äste und rauschende Regengüsse zu hören.

In mehr als 100 Veranstaltungen ging es auf eine Reise zu den Mayas Mexikos, den Wesen des Flusses Magdalena in Kolumbien, bis hin zu den neugierigen Papageien Brasiliens und noch viel weiter. Die Märchenreise der Bambusflötenbauerin Rothen Kern und des peruanischen Musikers Sandoval war eine davon.

„Für uns ist es wichtig, ein Ambiente zu schaffen, das die Kinder gedanklich nach Lateinamerika versetzt“, sagt Sandoval. „Die Geschichten tragen in bildhafter Form die Kultur, aus der sie stammen, an die Kinder heran“, ergänzt Rothen Kern, „sie beinhalten allesamt das Sorgetragen für die Natur, das in den lateinamerikanischen Kulturen stark verwurzelt ist“. Vier peruanische Märchen erzählen die beiden und stellen sie musikalisch dar, mit ihren Instrumenten wie der Trommel Tinya, der Charango-Gitarre und der Panflöte Samponia. Die Kinder lauschen von der ersten bis zur letzten Note gebannt. „Die Märchen mit der Musik waren toll. Und besonders, dass wir selbst mit den Instrumenten spielen durften“, sagt der achtjährige Can. „Ich konnte mir gut vorstellen, wie das Land aussieht. Mit den Tieren und der Musik“, fügt die gleichaltrige Selin hinzu. Die Kinder aus dem Leseclub der Grundschule Kerschensteinerstraße sind begeistert von den Geschichten. „Die Märchen klingen so echt, als wäre das wirklich passiert“, sagt die zehnjährige Amal, „dass sich Indianer vor dem Regen fürchten, da habe ich etwas Neues gelernt.“ Und auch der siebenjährige Tom hat durch die Märchen viel über Südamerika erfahren: „Ich kannte solche Musik noch nicht, und es hat mir Spaß gemacht, mitzuspielen. Die Geschichte über die Jaguare im Urwald war besonders spannend.“ Die Kinder gehen mit einem Lächeln nach Hause.

Voller Vorfreude strömen auch mehr als 100 Kinder gleichen Alters in das Instituto Cervantes im Chilehaus. Ana Gisela Rodríguez und Evelin Armenteros aus Kuba erzählen hier mit ihren Kolleginnen Tania Cortés de Busch aus Mexiko, Nelly Bruns aus Kolumbien und Tula Rocío Garagorri de Kirchmann aus Peru einheimische Märchen auf Spanisch. Danach liest Wolf Frass auf Deutsch. Viele der anwesenden Kinder wachsen zweisprachig auf oder lernen gerade die spanische Sprache. In einer aztekischen Legende ist von den zwei Vulkanen Popocatépetl und Iztaccíhuatl die Rede. Viele der Kinder sehen sich verdutzt an und fragen sich, wie Vulkane nur solch schwierige Namen haben können. Sie lachen über den Hochzeitshahn aus Kuba, der seinen Schnabel nicht schmutzig machen will, und über eine alte Frau aus Kolumbien, die zwar allen Reichtum besaß, aber in ihrem Leben nie zufrieden war.

„Tierra, tierra! – Land in Sicht!“, ruft ein blonder als Matrose verkleideter Junge. Er hält ein Fernrohr in der Hand und steht auf dem Deck des Schiffes von Christopher Kolumbus. Die Geschichte von der Entdeckung Amerikas wird nicht nur erzählt. Die Kinder schlüpfen selbst in die Rollen von Christopher Kolumbus, seinen Matrosen und der Königin Isabel. „Für Kinder, die in Deutschland leben und aus zwei Kulturen stammen, sind Märchen ein wichtiges Angebot für ihre Identität“, sagt Detlef Zunker vom Instituto Cervantes, „sie lernen Geschichten aus beiden Kulturkreisen kennen und sehen durch die Märchentage, dass sich auch deutsche Kinder für ihre Kultur interessieren.“ Zum Abschluss singen dann alle gemeinsam ein Lied über Lateinamerika: „Tierra de los indios, tierra de color, montañas y selvas, esperanza y flor“ – Land der Indianer, Land der Farben, Berge und Wälder, Hoffnung und Blüte.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus

Weiterführende Links