Hamburg

Ein Konzert ist etwas Heiliges

Der Cellist Nicolas Altstaedt ist als Künstler eine Kategorie für sich. Heute gastiert er in der Laeiszhalle

Hamburg. Der ganze Mann ist Essenz. Nicolas Altstaedts Energie schlägt geradezu Funken. Sie sprüht aus den schwarzen Augen, sie sitzt in den schwarzen Locken, die sich um das markante Gesicht ringeln. Seine Bewegungen sind so kompakt, als wollten die muskulösen Gliedmaßen sagen: Keine Umwege bitte!

Erst recht, wenn Altstaedt am Cello sitzt. Die Füße stellt er schon mal seitlich neben das Podest, auf dem sein Stuhl steht, beugt den Rücken und kommt seinem Instrument noch näher. Das sieht aus wie ein kleines Manifest: Um die Musik geht es, nicht um die Person! Schönklang ist jedenfalls offenkundig kein Selbstzweck für Altstaedt. Sein Spiel wirkt so beredt und spontan wie gesprochene Sprache und kontrastreich bis ins Explosive, ob er gerade eine barocke Cellosonate unter den Fingern hat oder Neue Musik.

Das Hamburger Publikum kann den Schnörkellosen am heutigen Freitag mit dem NDR Sinfonieorchester in der Laeiszhalle erleben. Unter der Leitung von Fabien Gabel spielt Altstaedt den Solopart des Cellokonzerts "Tout un monde lointain ..." von Henri Dutilleux aus den Jahren 1967 bis 1970. Auch das übrige Programm mit Werken des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts von Chausson, Debussy und Ravel (ja, auch der unsterbliche Boléro) ist rein französisch. Wie gemacht für den zweisprachig aufgewachsenen Alt­staedt, könnte man denken. In Wahrheit springt er für seine amerikanische Kollegin Alisa Weilerstein ein.

Es zeugt von Altstaedts Horizont, dass er das Konzert, nicht gerade klassisches Kernrepertoire, schon mehrfach gespielt hat. "Es ist eins meiner Lieblingswerke", sagt er nach der Probe beim Cappuccino. "Es liegt wie eine einsame Insel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts." Jedem der fünf Sätze hat der Komponist Gedichtpassagen aus Charles Baudelaires Zyklus "Les Fleurs du Mal" vorangestellt; statt sich einer der zerstrittenen Kompositionsschulen seiner Zeit anzuschließen, ließ sich Dutilleux von dem Dichter Marcel Proust und dessen "Suche nach der verlorenen Zeit" beeinflussen oder von dem Maler Vincent van Gogh. "Eine Zwölftonreihe klingt bei Dutilleux gar nicht akademisch oder ausgedacht, sondern wie Urlaute der Natur", sagt Altstaedt. "Das fasziniert mich. Die Zeit ist bei ihm vollkommen aufgehoben."

Immer wieder wird es um Zeit gehen im Laufe des Gesprächs. Zeit in der Musik zum einen, die so anders verläuft als die gemessene Zeit. Wer könnte schon sagen, wie viele Sekunden oder Minuten vergangen sind, wenn er sich von einem Stück hat ergreifen lassen? Und es geht zum anderen um realen Zeitdruck. Wie erbarmungslos hat der Musikbetrieb die fahrenden Künstler in seinem Raster: Anreise, Probe, Konzert, dann früh raus und weiterreisen, und immer so fort. Zug, Flug, Grenzformalitäten, Zeitumstellung.

Nicht bei Altstaedt, nicht mehr jedenfalls. Vor drei Jahren kam er vielleicht auf vier Tage monatlich, die er zu Hause in Berlin war. Was er sonst so getrieben hat, davon zeugt seine stattliche Vita. 2010 hat Altstaedt, Jahrgang 1982, unter der Leitung von Gustavo Dudamel mit den Wiener Philharmonikern beim Lucerne Festival debütiert. Er hat rund um den Globus konzertiert, in Amsterdam wie in Tokio. "Ich habe ausprobiert, alle Eindrücke aufgesaugt, das war eine unglaubliche Inspiration", erzählt er. "Aber ich hatte keine Zeit zu reflektieren. Ein Konzert ist doch etwas ganz Heiliges. Da sitzen Leute, die wohnen diesem kreativen Prozess bei. Da kann man nicht einfach sagen, ich komme mal eben auf der Durchreise dazu. Man muss dahin gelangen, dass das Stück durch einen hindurchfließt, durch einen geboren wird. Das kann man nicht herstellen. Es braucht Zeit, damit das Stück einem in den Körper übergeht."

Inzwischen bleibt Altstaedt zwischendurch auch mal eine Woche zu Hause und geht in die Tiefe, wie er es nennt. Konzentriert sich auf seinen Zyklus mit sämtlichen bachschen Cellosuiten oder bereitet Aufnahmen vor. Cellokonzerte von Schostakowitsch, Mieczysław Weinberg und Carl Philipp Emanuel Bach stehen an. Und er macht Kammermusik mit Menschen, mit denen er jene Intimität teilen möchte, die es nur in der Musik gibt, Menschen, mit denen er sich wortlos, durch Atem und Tempo, über das Wesentliche in der Musik verständigen kann.

Altstaedt schwärmt vom Musizieren mit seiner Freundin, der norwegischen Geigerin Vilde Frang, auch mit Janine Jansen oder mit Pekka Kuusisto, der im Jazz so zu Hause ist wie im Barock und in der finnischen Volksmusik. "Mit Pekka zu spielen, ist jedesmal eine Uraufführung!"

Im Juli ziehen Altstaedt und seine Weggefährten wieder in das burgenländische Dörfchen Lockenhaus. Die Leitung des kleinen, feinen Kammermusikfests hat er vor einigen Jahren von keinem Geringerem als dem lettischen Geiger Gidon Kremer übernommen. Dort kann er elektronische Musik oder Barock aufs Programm setzen. "Terra nova" überschreibt er das Festival und widmet es "allen Menschen, die furchtlos neue Wege beschreiten." Sein politischer Beitrag zum Jahr 2016.

"In Lockenhaus mache ich nur ­Sachen, hinter denen ich vollkommen stehe", sagt Altstaedt. "Es hat mir sehr geholfen, mich zu fokussieren. Ich habe mich selbst besser kennengelernt und gemerkt, dass ich diese Formung auch auf das eigene Leben übertragen muss."

Klingt, als wäre es ganz einfach, sich nach einer solchen Erkenntnis zu richten. Und ist doch große Kunst. Wie zu hören sein wird.

NDR Sinfonieorchester, Nicolas Altstaedt, Fabien Gabel Fr 1.4., 20.00, Laeiszhalle (Johannes-Brahms-Platz). Karten zu 11,- bis 51,- unter T. 44 19 21 92; www.ndr.de/sinfonieorchester

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