Literatur
Das hat der Sozialismus nicht gewollt
Angelika Klüssendorfs Roman "Das Mädchen" erzählt von einer elenden Kindheit in der DDR - und ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Angelika Klüssendorfs Titelheldin ist zwölf Jahre alt
Foto: Kiepenheuer & Witsch
Für Umwege hat Angelika Klüssendorf keine Zeit. In ihrem Roman "Das Mädchen" macht bereits der erste Satz unmissverständlich klar, worauf man gefasst sein muss: "Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig." Und das ist hier nicht metaphorisch gemeint. Die Schriftstellerin, 1958 in Ahrensburg geboren und in Leipzig aufgewachsen, erzählt in ihrem schmalen Roman von einer Kindheit in der DDR, vom Elend einer Kindheit, wie es das Lehrbuch vom Realsozialismus wohl kaum vorgesehen hat.
Klüssendorf erzählt von Armut und Hunger, von Verwahrlosung und Verlassenheit, von Gewalt und Erniedrigung - und einem kämpferischen Trotz gegen die Widrigkeiten eines Lebens am Rande der Gesellschaft. Das namenlose und titelgebende Mädchen ist zwölf Jahre alt, sein Bruder Alex ist sechs. Sich selbst überlassen, während die Mutter als Bedienung in einer Mitropa-Gaststätte arbeitet und bisweilen gar tagelang verschwunden bleibt, sucht das Mädchen einen Kitzel, der vielleicht den grundsätzlichen Mangel in diesem Kinderleben überdecken soll. Klüssendorfs Protagonistin posiert in Büstenhalter und Spitzenhöschen der Mutter vor den Arbeitern einer gegenübergelegenen Fabrik. Noch größer ist der Kitzel bei ihrem Lieblingsspiel, wenn sie am Bordstein steht und kurz bevor ein Auto sich auf ihrer Höhe befindet, über die Straße rennt.
Einmal geht es schief, Alex wird angefahren: "Der Fahrer steigt aus und schreit, dass ihm der Junge direkt ins Auto gerannt sei. Sie steht vor ihrem Bruder, ihre Füße sind wie festgewachsen, sie kann sich nicht rühren. Er liegt mit dem Gesicht nach unten, den Körper verdreht, einen Arm ausgestreckt, und wimmert, sie sieht Blut in seinem Engelshaar."
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Klüssendorf beschreibt ein Leben, in dem einzig Verlass ist auf Schläge und Strafen: "Sie verschwindet in der Raserei der Mutter wie in einem Strudel, lässt sich nach unten auf den Grund sinken und ist einfach nicht mehr da, auch wenn es für die Mutter anders aussehen mag." Und während der kleine Bruder sich dumpf in sich selbst zurückzieht, entwickelt das Mädchen Widerstandskraft gegen die Prügel, den Hausarrest, der noch vom Kellerarrest übertroffen wird. Scheinbar unerschütterlich nimmt sie es hin und registriert doch alles genau: "Am Nachmittag wird ihrem Stubenarrest ein weiteres Jahr hinzugefügt. Sie lächelt vor Erleichterung und spürt, dass sich hinter dieser Strafe eine Schwäche verbirgt."
Quellen des Trostes sind manchmal Freundinnen, "die Schläge schmerzen nicht so, wenn die Freundin ihre Schreie hört", und im Kohlenkeller ein Stapel alter Bände von Brehms Tierleben. Der Lektüre und der Betrachtung der Bilder verdankt sie ihr Wissen, sie sind die Verbindung zu einer Welt, die sie sich erträumt, wenn die Realität unerträglich wird. Selbst wenn die Mutter gute Laune hat, weiß sie, "dieser Zustand ist zerbrechlich wie Glas, also bleibt sie auf der Hut". Und ist doch nicht gefeit gegen einen sadistischen Spaß, als die Mutter ihre Kinder in extrem scharfe Peperoni beißen lässt: "Die Mutter brüllt vor Lachen." Alex und seine Schwester japsen nach Luft.
Klüssendorfs Porträt einer Heranwachsenden ist nicht der erste Versuch, der von einer schwer beschädigten Kindheit in der DDR erzählt. Vor einem Jahr erschien das berührende Bekenntnis "Rabenliebe" von Peter Wawerzinek. Der Wehschrei, der sich bei Wawerzinek in Ausschweifungen und Redundanzen vervielfachte, ist bei Klüssendorf eher ein konzentrierter Wutschrei: knapp, kühl, distanziert. Aber genauso laut. Ihre Sprache ist aufs Wesentliche reduziert und von kunstvoller Schlichtheit. Und kein einziges Mal schleicht sich ein larmoyanter Ton ein: Hier wird nicht geklagt und nicht um Mitleid gebuhlt, sondern die Kraft dieser Prosa speist sich aus der kristallklaren und präzisen Beschreibung der familiären Verhältnisse. Völlig zu Recht steht "Das Mädchen" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Angelika Klüssendorf: "Das Mädchen" Kiepenheuer & Witsch Verlag, 183 Seiten, 18,99 Euro





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