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Roman

Tagebuch aus dem Getto - "Die Elenden von Lodz"

In einem gewaltigen Doku-Roman erzählt Steve Sem-Sandberg so nüchtern wie bestürzt die Geschichte der ermordeten Juden von Lodz.

Szene in einer Werkstatt im Getto von Lodz: Die eingesperrten Juden sollten Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft sein. Das war der Plan des "Lager-Königs" Chaim Rumkowski
Foto: akg-images

Hamburg. Auf der letzten Seite ist dann auch noch Adam gestorben, eines der vielen Kinder, die in dem Roman "Die Elenden von Lodz" eine Rolle spielen. Es gibt kein Happy End, und sei es auch noch so klein. Etwas erschlagen von den über 600 Seiten, blättert man zum Zusatzmaterial. Und findet zunächst eine Auflistung des auftretenden Personals (an die 100 Figuren), anschließend eine Karte vom Getto, in dem zwischen 1939 und 1944 bis zu 200 000 Menschen lebten. Außerdem eine Liste mit den polnischen Straßennamen und deren deutschen Entsprechungen: die Lagiewnicka hieß bei den Deutschen Hanseatenstraße. Dann ein Glossar mit polnischen und jiddischen Vokabeln, mit Begriffen aus dem Lagerleben ("Ordnungsdienst", "Sonderkommando"). Abschließend das Nachwort des Autors.

In dem erklärt der Schwede Steve Sem-Sandberg, dass sein Roman in "groben Zügen, und mit einigen Ergänzungen (...) den Ereignissen im Getto, wie sie in der Gettochronik beschrieben sind", folgen. Die wurde von vielen Getto-Bewohnern gemeinsam geschrieben, es ist ein knapp 2000 Seiten langes Tagebuch. Dieses sei, sagt Sem-Sandberg, von seinen Verfassern von Anfang an für die Nachwelt gedacht gewesen.

Sem-Sandberg hat zusätzlich viele andere Zeugenaussagen gesichtet: Er recherchierte, bewertete, brachte die lebendigen Zeugnisse vom Alltag im Getto in einen Zusammenhang mit den historisch überlieferten Fakten. Und was Sem-Sandberg, der 1958 in Oslo geborene schwedische Schriftsteller, daraus machte, ist am Ende doch ein Roman. Denn um die Geschichte des Gettos in Lodz, der polnischen Stadt, die auf Deutsch Litzmannstadt hieß, zu erzählen, musste der Schriftsteller von den Menschen erzählen, die dort gelebt hatten. Denen, die es wirklich gab, und denen, die es gegeben haben könnte.

Im Mittelpunkt der Handlung steht eine historische Person: der "Judenälteste" Mordechai Chaim Rumkowski. Eine janusköpfige Gestalt, deren Tun so ambivalent war wie das Schicksal der Juden ausweglos. Rumkowski wurde von den Deutschen (kaum je heißen sie in dem Buch "Nazis") als Chef des Gettos installiert. Er hatte volle Befehlsgewalt und nutzte die, um aus dem Getto einen kriegswirtschaftlich wichtigen Produktionsstandort zu machen. Damit wollte er sein Volk retten (die Menschen, die denselben Glauben hatten wie er) und war natürlich doch nichts anderes als ein Erfüllungsgehilfe der mordenden Nazis. Denn die deportierten ab 1941 Gettobewohner in die Vernichtungslager; Rumkowski war derjenige, der die Pläne der Nazis umsetzte, umsetzen musste. Es gilt als sicher, dass er wusste, was mit den Juden geschah, die "sein" Getto verließen. Und er war derjenige, der entschied, wer ging.

So wird er, den sie den "Präses" nennen, zum König des Gettos. Er symbolisiert eine beinah unerträgliche Mischung aus Macht und Machtlosigkeit; Rumkowski ist es, der mit den Nazis verhandelt, um am Ende wohl oder übel zum Verräter seiner Leute zu werden.

Sem-Sandberg erhielt für seinen Doku-Roman, diese handwerklich perfekt gelungene Kombination fiktionaler und realer Elemente, den schwedischen Buchpreis. In seiner Heimat ist "Die Elenden von Lodz" ein Bestseller, demnächst wird er in 24 Sprachen übersetzt sein. Das Buch findet immer mehr Leser. Was an der literarischen Güte, an seinem fesselnden Charakter liegt.

Neben die moralischen Fragen treten die vielen, vielen Einzelschicksale - die "Elenden von Lodz". Bei Sem-Sandberg begegnen wir mehr Menschen als in anderen Romanen über die Shoah, manche von ihnen spuken einem lange im Kopf herum: die Kinderschwester Rosa Smolenska, die ihrer Kinder beraubt wird, obwohl gerade die doch zu Anfang von Rumkowski geschützt werden. Der Bub Stanislaw Stern, der vom Judenältesten adoptiert (und sexuell missbraucht) wird. Die Familie Rzepin: Adam, der erst ganz zum Schluss stirbt, vorher aber noch einen Wehrmachtssoldaten umbringt; seine Schwester Lida, die er über alles liebt, der Onkel Lajb, der als V-Mann für die Getto-Sonderabteilung und Getto-Kripo arbeitet.

Im Getto, diesem so trügerischen Ort, in dem Juden keineswegs sicher waren, herrschte dieselbe Hierarchie wie in jeder Gemeinschaft. Die Machtfülle Rumkowskis war nichts mehr wert, wenn er Hans Biebow, dem Chef der zivilen deutschen Gettoleitung gegenübertrat. Für die war er ein Untermensch, wie alle anderen Juden auch. Einmal besucht Himmler das Getto, folgender Dialog ist überliefert: "Sie also sind der berühmte reiche Jude von Litzmannstadt." (Himmler) - "Ich bin reich, Herr Reichsführer, weil ich ein ganzes Volk zu meiner Verfügung habe." (Rumkowski). Die Logik von Rumkowskis Handlungen klingt zynisch, sie ist es aber nicht: Durch Anpassung suchte er Schaden von der Getto-Bevölkerung abzuhalten. Deshalb sprach er selbst von "Menschenmaterial", das er für die Arbeitseinsätze brauchte. Und deshalb formulierte er die Maxime der Gettobewohner, die so fatal an Auschwitz und "Arbeit macht frei" erinnert: "Unser einziger Weg ist - Arbeit!"

Rumkowski und Biebow waren aneinandergekettet - zum je eigenen Machterhalt. Es gibt abgründige Szenen in "Die Elenden von Lodz", die das Getto als Ort des nicht endenden Schreckens, des barbarischen Wahnsinns zeigen. Genau das war der Holocaust.

"Brüder und Schwestern, gebt sie mir! Gebt mir eure Kinder ...!", die Aufforderung an die Eltern, ihr Heiligstes herzugeben, um dem nicht zu stillenden Vernichtungsdurst der Deutschen für einen Augenblick genüge zu tun, wirft ein Schlaglicht auf das Verhängnis, in das der Judenälteste geriet. Er verhängt eine Ausgangssperre, um der von den wahren Machthabern verlangten Menschenopfer habhaft zu werden. Die Szenen, in denen Eltern von ihren Kindern getrennt werden, schildert Sem-Sandberg kühl und entsetzt zugleich. Das ist der Ton, der sich durch das Buch zieht.

Rumkowski war, bevor die Nazis kamen, ein gescheiterter Unternehmer. Er wird nicht als Monster gezeigt, sondern als Mann, der seine Niederlage schmerzlich empfindet: "Und was übrig bleibt, ist Scham. Über die Tatsache, dass er, der sich so viel Macht verschafft hat, dennoch so grenzenlos wenig vermag". An einer Stelle wird eine Begebenheit aus der Kindheit Rumkowskis geschildert: Er wird von den anderen Kindern ins Wasser getrieben und mit Steinen beworfen. Auch er ist ein Opfer. Und er will jetzt, im Getto, Menschen opfern, um andere Menschenleben zu retten. Eine moralische Falle, aus der es für niemanden ein Entrinnen gibt.

Das Cover des Romans, der keine Erfindung ist, ziert ein Bild aus dem Getto. Wir sehen eine Straßenszene mit Menschen, die nicht gedemütigt aussehen, die nicht wie Gefangene wirken. Geschossen wurde das Bild von einem österreichischen Fotografen, der mit einer ganzen Reihe von Aufnahmen signalisieren sollte, wie friedlich und ruhig es im Getto zuging. Propaganda.

Er habe keinen Roman schreiben wollen, der wie zum Beispiel "Schindlers Liste" oder "Der Pianist" Überlebende zeige, hat Sem-Sandberg über sein Werk gesagt. Weil Deportationen und Leichenberge die Regel waren. Mordechai Chaim Rumkowski, der Judenälteste, wurde am 30. August 1944 mit dem letzten Transport aus dem Getto Lodz nach Auschwitz deportiert und dort wahrscheinlich, mit seiner gesamten Familie, am selben Tag ermordet. (abendblatt.de)

Steve Sem-Sandberg: "Die Elenden von Lodz". Übers. v. Gisela Kosubek. Klett-Cotta. 651 S., 26,95 Euro

 

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