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Kultur & Live

Wie lässt sich der Nachwuchs fördern?

Festkonzert: Zum 10. Jubiläum der Deutschen Nationalstiftung dirigiert Kurt Masur heute im Michel das Schleswig-Holstein- Musikfestival-Orchester.

ABENDBLATT: Herr Masur, Sie engagieren sich seit Jahrzehnten für die Nachwuchsförderung. Haben sich die Auswahlkriterien in dieser Zeit geändert? KURT MASUR: Ich glaube schon. Früher hat man nicht nur die absoluten Spitzentalente gefördert. Heute ist die Auswahl erbarmungsloser. ABENDBLATT: Welche Chance haben musikalische Talente heute? MASUR: Dass die Lage keineswegs schlecht ist, liegt an engagierten Persönlichkeiten und Institutionen wie der Deutschen Stiftung Musikleben, die nun schon seit Jahrzehnten eine großartige Arbeit leistet. Und die Erfolge sind ja auch für jedermann sichtbar oder besser gesagt hörbar. Denken Sie nur an die vorzüglichen jungen Geigerinnen Viviane Hagner und Tanja Becker-Bender, mit denen wir heute im Michel musizieren. ABENDBLATT: Welche Erfahrungen sind für Nachwuchsmusiker unverzichtbar? MASUR: Sie müssen die Chance bekommen, sich mit kleinen Orchestern in der Provinz auszuprobieren. In Deutschland gibt es eine Infrastruktur, um die uns viele beneiden. Ich habe als Dirigent in Halle an der Saale angefangen, war damals sehr schüchtern, und vermutlich hat man mir keine große Karriere zugetraut. Aber ich hatte dort die Möglichkeit, unendlich viel zu lernen. ABENDBLATT: Gibt es für Nachwuchsmusiker noch genügend derartige Möglichkeiten? MASUR: Das Instrumentarium dafür ist schon gegeben: Es gibt das Bundesjugendorchester, die Deutsche Stiftung Musikleben oder auch die guten Möglichkeiten, die das Schleswig-Holstein Musik Festival bietet. Andererseits lässt sich vieles, was eigentlich nötig wäre, kaum noch finanzieren. ABENDBLATT: Wie abhängig ist der Nachwuchs von der Gunst von Musikmanagern? MASUR: Bis vor einiger Zeit konnte fast nur der erfolgreich sein, der von Schallplatten-Managern groß herausgebracht wurde. Das waren manchmal sehr gute, manchmal auch weniger gute Musiker. Heute bietet das Internet Nachwuchstalenten sehr gute Möglichkeiten, sich vorzustellen. Jeder kann eine Web-Seite ins Netz stellen, dort werden Talentsucher dann auch fündig. ABENDBLATT: Das heißt aber, dass junge Musiker auch lernen müssen, sich gut zu verkaufen. MASUR: Wenn sich etwa junge Dirigenten bei mir beklagen, dass keiner sie einlädt, sage ich ihnen: Dann sorg dafür, dass du dich im Internet mit ordentlichem Material vorstellst. Es gibt genügend Leute, die junge Talente suchen. ABENDBLATT: Schadet da Bescheidenheit nur? MASUR: Bescheidene Künstler machen heute selten Karriere, früher gelang ihnen das häufiger. ABENDBLATT: Überzeugt nicht letztlich doch allein die Leistung? MASUR: Ja, aber machen wir uns trotzdem nichts vor: Nigel Kennedy lässt sich besser vermarkten als ein Geiger, der zwar hervorragend spielt, aber auf alle Extravaganzen verzichtet. ABENDBLATT: Was würden Sie denn jungen Musikern als Rat mit auf den Weg geben wollen? MASUR: Dass es nicht nur darauf ankommt, formal gut zu sein. Eine gut gespielte Sonate allein zieht heute nicht mehr. Musiker müssen darüber hinaus ihrem Publikum etwas vermitteln, ein Erlebnis, etwas, was fasziniert. Natürlich besteht da auch die Gefahr der Äußerlichkeit, aber wenn ein Musiker Tiefe hat und in seinem Spiel etwas von sich preisgibt, wird das Publikum es spüren. Vielleicht gehört auch eine gewisse Schamlosigkeit dazu, aber das, was am Ende wirklich zählt, ist die Persönlichkeit. Interview: M. GRETZSCHEL

  • Konzertbeginn im Michel: 19 Uhr, Restkarten an der Abendkasse.

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