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Kultur & Live

"Mein bester Feind"

Moritz Bleibtreu: "Eigentlich kann ich das doch gar nicht"

Und trotzdem brilliert Moritz Bleibtreu in "Mein bester Feind" wieder mit seiner Schauspielkunst. Eine Begegnung mit dem Schauspieler.

"Ich versuche nicht groß, mit meinen Rollen zu verschmelzen, sagt Schauspieler Moritz Bleibtreu vor der Premiere seinen neuen Films "Mein bester Feind", und auch nicht "während der Dreharbeiten das Leben der Filmfigur zu führen."
Foto: dapd/DAPD

Hamburg. Moritz Bleibtreu hat keine Angst vor heiklen Themen. Sonst hätte er sie wohl kaum angenommen, die Rolle in seinem neuen Film "Mein bester Feind", der an sich schon eine Herausforderung ist, eine Herausforderung sein muss für jeden deutschen Schauspieler: Es ist eine Nazikomödie, erzählt aus österreichischer Perspektive; ein Spiel um das Sein und den Schein, um Gut und Böse und was man selbst dafür hält.

Bleibtreu spielt Victor, den Sohn eines jüdischen Kunsthändlers, dessen Freund, der Arbeitersohn Rudi, in die SS eintritt und dafür sorgt, dass Victor und seine Familie ins KZ deportiert werden. Bis Rudi ihn dort wieder herausholen muss, weil die Nazis scharf sind auf ein Bild von Michelangelo, das Victors Vater versteckt hat. "Der Film lebt vom Humor, der sich vor einem hochdramatischen Hintergrund entfaltet, und diese Mischung mussten wir unbedingt richtig temperieren", sagt Moritz Bleibtreu.

"Der dramatische Unterbau sollte erhalten bleiben. Wir wollten ja nicht den Respekt vor den Geschehnissen verlieren." Ständig wurde am Set darüber diskutiert, ob man schon zu weit gegangen sei oder noch nicht weit genug. Nach dem dritten oder vierten Tag "haben wir dann immer zwei Varianten der Szenen gedreht: eine ernste, dramatische und eine, die wir die Charlie-Chaplin-Variante genannt haben. Wir dachten, die Chaplin-Szenen hätten wir in erster Linie für uns gemacht, aber sie sind dann doch fast zur Hälfte im Film gelandet."

Für einen Schauspieler bietet dieser doppelte Ansatz natürlich viel Reiz. Wer wollte nicht einmal Opfer und Täter zugleich spielen und mehrfach die Seiten wechseln? Vielleicht hinterlässt der Film aber auch gerade deshalb einen zwiespältigen Eindruck. "Mein bester Feind" ist eine ziemlich wilde Komödie mit ernsten Untertönen. Weil die Gräuel des Konzentrationslagers wenig glaubhaft wirken, fehlt den lustigen Szenen der dramatische Gegenpol. Die Balance aus Komik und Tragik in einer KZ-Geschichte gelang auch Ernst Lubitsch mit "Sein oder Nichtsein" sowie Roberto Benigni in "Das Leben ist schön"; Dani Levy dagegen weiß seit "Mein Führer", dass man bei dem Thema auch auf die Nase fallen kann.

Dabei ist der Regisseur Wolfgang Murnberger eigentlich ein Virtuose des schwarzen Humors. Das hat er in den Filmen "Komm, süßer Tod" und "Silentium" gezeigt. Hier reicht es nicht zur Schwärze, der Humor bleibt grau. Kein guter Farbton für eine Farce. Das räumt auch Moritz Bleibtreu ein. "Während der Dreharbeiten war unser Respekt vor der Geschichte sehr groß. Als wir mit dem Film fertig waren, haben wir beide gesagt, es hätte schon noch krasser sein dürfen."

"Mein bester Feind" spielt auch die Extreme einer Freundschaft in extremen Zeiten durch. Victor Kaufmann wird erst von seinem Freund verraten, aber als es darauf ankommt, rettet er ihm den Kopf. Ist Victor einfach nur naiv, weil er immer wieder auf Rudi zurückkommt? "Er kann eben nicht aus seiner Haut. Eine Freundschaft bekommt man nie ganz weg aus dem Herzen. Das kenne ich von mir selbst. Wenn man sich mal so nahe gewesen ist, muss sehr viel passieren, bevor man sich total voneinander entfernt."

Bleibtreu hat in Wien gedreht, für ihn ein Ort voller Erinnerungen. Seine Mutter Monica Bleibtreu kam von dort, Vater Hans Brenner aus Innsbruck. "Ich bin also eigentlich Österreicher. Früher bin ich oft nach Wien gefahren, um meine Oma zu besuchen. Ich fühle mich in der Stadt sehr heimisch."

Vor wenigen Tagen ist Moritz Bleibtreu, der mit seiner Freundin Annika und dem gemeinsamen zwei Jahre alten Sohn David in Reinbek lebt, 40 Jahre alt geworden. 34 davon ist er schon im Filmgeschäft. Mit öffentlichen Auftritten hält er sich zurück, aber er wirkt trotzdem nahbar und neugierig. Als einer der wenigen deutschen Schauspieler kann er es sich leisten, nur in Kinoproduktionen zu spielen. Fand er es doof, 40 zu werden? Da leuchtet das immer noch sehr jugendliche Moritz-Bleibtreu-Grinsen auf, von dem Tom Tykwer einmal gesagt hat, es zähle für ihn zu den hoffnungsvollen Aspekten des deutschen Kinos - ansonsten beschere es ihm manchmal Albträume. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich schon 40 bin. Irgendwie warte ich immer noch darauf, erwachsen zu werden. Mit 35 dachte ich: 70 wäre eigentlich kein schlechtes Alter. Aber wenn ich mir jetzt vorstellen soll, dass das, was noch kommt, weniger sein könnte als das, was ich bisher erlebt habe, dann ist das schon komisch."

Ruhiger geht er mit 40 Jahren aber trotzdem nicht durch die Welt. Die "Realität im Leben" kann Bleibtreu nach wie vor in Rage bringen. "Ich war ein wütender Jugendlicher und bin es auch jetzt noch." Er regt sich über die Währungsquerelen auf und Angstmacherei. "Damit zwingt man Menschen in die Isolation und tötet so ihre Empathie. Ich erzähle auch deshalb Geschichten, weil ich hoffe, dass sie kleine Realitätsfluchten bieten." Bleibtreu hat nicht aufgehört zu träumen. Davon, dass die Welt ein anderer Ort ist als der, der sie jetzt ist.

So leidenschaftlich Moritz Bleibtreu seinen Beruf ausübt, so sehr erstaunt die Verwunderung, die ihn darüber noch immer befällt. "Vor jedem neuen Film stehe ich vor demselben Problem: Ich denke, ich kann das eigentlich gar nicht. Ich bin kein guter Vorbereiter, versuche nicht groß, mit meinen Rollen zu verschmelzen oder während der Dreharbeiten das Leben der Filmfigur zu führen." Wenn er einen Junkie spielt, dann nimmt er halt auch kein Heroin. "Ich glaube einfach, dass eine spielerische Realität anders ist als die im Leben."

Seit Bleibtreu 1977 in der TV-Serie "Neues aus Uhlenbusch" als kleiner Moritz debütierte, hat er sich über Dutzende von Filmen zu Regisseuren wie Steven Spielberg, Paul Schrader und den Taviani-Brüdern hochgearbeitet. Zuletzt stand er für "360" vor der Kamera, eine Neuverfilmung von Artur Schnitzlers "Reigen" mit Anthony Hopkins, Rachel Weisz und Jude Law. Zurzeit dreht Bleibtreu "Die Quellen des Lebens", die Verfilmung von Oskar Roehlers Autobiografie.

Nächstes Jahr will der Schauspieler erstmals selbst Regie führen. Wird es ein Heimspiel? Bleibtreu bedauert, dass so viele deutsche Produktionen nach Berlin ziehen: "Abgesehen von Vorabendserien, dem 'Tatort', Wüste Film und Fatih Akin ist in Hamburg nicht mehr viel los. Zentralisierung gibt es wohl in jedem Land, aber es ist schade. Hamburg ist so eine schöne Kulisse! Es gibt dort viele Winkel, die noch keiner abfotografiert hat. Ich würde gern mal wieder vor meiner Haustür drehen."

 

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