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Kultur & Live

Peter Brooks

Musikfest Bremen: Zauberflöte unplugged

Das Musikfest Bremen präsentiert die deutsche Erstaufführung von Peter Brooks zauberhafter Mozart-Deutung. Der Regisseur liebt die Reduktion.

Pamina im Bambuswald: Peter Brooks "Eine Zauberflöte" wird mit drei verschiedenen Besetzungen gespielt (hier: Jeanne Zaepffel)
Foto: Musikfest Bremen

Bremen.

"Eine Zauberflöte" - der Titel sieht nach grammatischer Unschärfe aus, enthält aber eine wichtige Botschaft. Er sagt: Hier opfert nicht jemand leichtfertig eines der kanonischen Werke der Opernliteratur der eigenen Vision, sondern hier hat einer Mozarts letzte Oper von der Wurzel her neu gedacht und relativiert gleichzeitig sein Ergebnis. Wer ihn jetzt noch der Willkür des Regietheaters bezichtigen wollte, dem wäre nicht zu helfen.

Peter Brook, der große Weise des Reduktionstheaters, zeigt auch in seiner Abschiedsinszenierung für das Théâtre des Bouffes du Nord in Paris, dass man sich vom Original entfernen muss, will man ihm wirklich nahe kommen. Und dass man dazu Künstler braucht, die möglichst frei sind von rezeptionsgeschichtlichem Ballast und bereit, weit diesseits aller vermeintlich gesicherten Deutungserkenntnisse mit dem Spielen und Verstehen noch einmal ganz von vorn anzufangen. Im BLG-Forum Überseestadt erlebte das Publikum des Musikfests Bremen am Sonntag Brooks im vergangenen November uraufgeführte Fassung erstmals auf einer Bühne in Deutschland.

Zurück zum Zauber des ganz Einfachen, Schlichten, zu einem Theater, das der Theoretiker Brook das "unmittelbare Theater" nennt: Kaum Dekor, statt Entladung durch Applaus Berührung durch Stille, Atem statt Apparat. Kein Wunder, dass in Brooks Zauberflöte unplugged das mit Freimaureriana und ägyptischem Götterkult beladene Libretto Emanuel Schikaneders Federn lassen musste. Der 86-jährige Regisseur kürzte das Personal auf die drei Paar-Konstellationen Tamino/Pamina, Papageno/Papagena, Königin der Nacht/Sarastro sowie den Sklavenaufseher Monostatos und übertrug alle anderen relevanten Figuren zwei Schauspielern.

William Nadylam und Abdou Ouologuem sind die Schlange und die drei Damen, die drei Knaben und die zwei Geharnischten, sie sind die Sklaven des Monostatos, und mit afrikanischer Anmut und Gelassenheit tragen sie auch die Bambusstäbe auf der Bühne umher, die allein die Spielfläche zum Spielraum machen. Das Orchester steht auf der Bühne und ist eine One-Man-Band: Der Pianist Franck Krawczyk, der Mozarts Partitur skrupulös runtergesponnen hat, webt seinen Part wie mit einem seidenen Faden variabler Dicke in die Arien und Rezitative hinein. Man möchte diese intelligente, gewitzte, auf die Essenz gebrachte Fassung sofort als Klavierauszug kaufen.

In 100 Minuten entfalten die jungen, im Opernzirkus noch namenlosen und von Brook während der monatelangen Proben immer wieder zum Leisesingen verdonnerten Akteure eine Geschichte von Freundschaft, Mysterium und Liebe, die trotz der umfassenden Schnitte nichts Wesentliches vermissen lässt. Man spricht Französisch und singt Deutsch. Die Arien tastete Brook nicht an, auch die für die Handlung charakteristische Mischung aus Rätselhaftigkeit und Späßen blieb erhalten.

Die Bambusstäbe sind mal Wald, mal Waffe, mal Versteck, mal Ast für den Strick, mal Tempeltor, mal Spalier. Jede Verwandlung geschieht auf offener Bühne. Und wird doch einmal ein Requisit gebraucht, dann soll jeder sehen, dass unter der achtlos drübergeworfenen Decke nur eine Transportkiste mit Rollen steckt, nichts, wofür es Werkstätten braucht.

Malia Bendi-Merad singt die Königin der Nacht warm, gefährlich und spitz. Man spürt ihre Entschlossenheit zur Rache und wäre jetzt ungern ihre Tochter. Doch Aylin Sezer mit ihren Eidechsenaugen gewinnt der Pamina eine Naturhaftigkeit ab, die durch ihren frei fließenden, vollkommen ungekünstelten Gesang noch gesteigert wird.

Adrian Strooper gibt einen innigen, naiven und sympathischen Tamino. Das jugendliche Leichtgewicht Vincent Pavesi ist als Sarastro weniger glücklich besetzt. Seine Basstöne schenken Samt für die Ohren, doch stellt sich seine Neigung zu Schwelltönen quer in den Fluss des Gesangs. Thomas Dolié (Papageno) kommt seine Herkunft Bordeaux entgegen: Diesseits des Chargierens darf er etwas Bonhommie des Südwestens raushängen lassen - eine Prise domestiziertes Volkstheater.

Alle spielen barfuß, alle bewegen sich mit fast zeremonieller Bedachtsamkeit, was manchmal an die minimalistisch-statuarischen Tableaux von Robert Wilson denken lässt. Doch Brook kann das Tempo urplötzlich anziehen und dem Geschehen die komödiantische Beweglichkeit eines Taschentheaters geben. Man schaut und staunt und hört - und wird zum frohen Kind.

Heute, 20.00, BLG-Forum Überseestadt Bremen, Restkarten unter T. 0421/33 66 99

 

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