Mick rockt, und das Stadion rollt
Rolling Stones: Die Legende lebt, die AOL-Arena bebt.
Hamburg. Steinzeit in Hamburg. Wenige Wochen nach Grönemeyer, Springsteen und Eminem wurde wieder richtig gerockt in der AOL-Arena. Die seit Jahrzehnten als "größte Rock-'n'-Roll-Band der Welt" gefeierten Rolling Stones spielten gestern Abend in Hamburg. Bislang 333 500 Besucher haben Mick Jagger & Co. seit Beginn der Deutschland-Tour am 4. Juni in der Münchner Olympiahalle bei sieben Konzerten an fünf Orten (München, Oberhausen, Berlin, Leipzig, Hockenheim) zugejubelt. Die Begeisterung für die "alten Rocksäcke" kennt diesen Sommer kaum Grenzen. Rund 45 000 Fans feierten die dienstälteste Rockband im HSV-Stadion. Dennoch: Das Hamburg-Konzert war der einzige nicht ausverkaufte Stones-Auftritt in Deutschland. Zahlreiche Schwarzmarkthändler boten ihre Tickets wie sauer Bier an. Der Stones-Bedarf bei den überwiegend erwachsenen Konzertgängern war natürlich rechtzeitig gedeckt. Man blickte dem Ereignis relaxt entgegen. Viele waren nicht zum ersten Mal in einem Konzert der Rolling Stones, andere führten ihre Kinder in die Rockwelt der Glimmer Twins Jagger & Richards ein. Eine 54 Meter breite Bühne mit ausfahrbaren Videoleinwänden, eine fette Lightshow mit 500 Strahlern und ein Laufsteg auf einer separaten Minibühne mitten im Publikum bestimmen das Erscheinungsbild der aktuellen "Licks World Tour". 53 Trucks hatten das mächtige Equipment von 350 Tonnen in den letzten Tagen in die Hansestadt gerollt. 265 Leute arbeiteten hinter und vor den Kulissen für diesen ersten Auftritt von Mick Dschägger, Kies Ritscherts, Tschahli Wotts, Ronn Wudd plus Begleitmusiker nach dem letzten Open-Air-Auftritt auf der Bahrenfelder Trabrennbahn 1998. Damals kosteten die Tickets einheitlich 98,50 DM, fünf Jahre später mussten die Fans das Doppelte berappen. Auch in den Händen der Konzertveranstalter ist der Euro zum Teuro mutiert. Auf der Bühne sind die Stones auch nach 40 Jahren nicht auszurechnen. Jedes ihrer Konzerte 2002/03 begann mit einem anderen Song. Am 16. August 2002 beim Welttourneestart vor 900 Gästen in Toronto war es "It's only Rock 'n' Roll", anderswo starteten die Grauen Panter des Rock mit "Street Fighting Man", "Brown Sugar" oder "Start Me Up" durch. Das Repertoire von 200 abrufbaren Songs eröffnet reichlich Spielraum. Nach dem eher geduldeten Vorprogramm der Pretenders hallte um 21.05 Uhr nach einem dumpfen Trommelintro das bekannte Gitarrenriff zu "Brown Sugar" durchs Stadionrund. Ein emotionaler Schub ging hörbar durch die Ränge, der Sturm der Begeisterung überrollte die harten Stones-Rhythmen. Keith Richards stieg gleich in seinen bekannten Gitarrenspagat, Mick Jagger im türkisen Mantel knöselte die ersten Songzeilen zwischen seinen Markenlippen heraus. Über der Bühne wurde eine gigantische Leinwand mit knallig roten Stones-Lippen aufgezogen. Die Rock-'n'-Roll-Maschine kam sofort auf Touren. "Start Me Up" kachelte quasi als Motto von der Bühne ins Publikum, umgehend übertrumpft von einem satten Groove zu "You Got Me Rocking". Auf riesigen Videoleinwänden über der Bühne war jede Bewegung der Stones-Musiker zu verfolgen. Vor dem neuen Song "Don't Stop" versprach Mick Jagger auf Deutsch: "Das wird ein schöner Abend." Keine leeren Worte, wie sich rasch herausstellte. Die Rolling Stones sind trotz ihres hohen Alters, oder vielleicht gerade wegen ihrer mehr als 40-jährigen Erfahrung, in souveräner Spielform. Der Schmachter "Angie" erweicht jedes noch so steinharte Stones-Herz, auch "You Can't Always Get What You Want" haut voll in die Gefühlskerbe. Doch dann schlagen wieder unvermittelt die Rocker zu: "Can't You Hear Me Knocking" ufert zur Supersession aus mit einem furiosen Solo von Ron Wood. Danach "Tumblin' Dice" mit satten Bläsersätzen. Jaggger ist begeistert: "Ihr seid ein geiles Publikum!" Leider darf auch der Gitarrist mal ans Mikro. Keith Richards nuschelt sich im rauchigen Whiskey-Timbre durch "Slipping Away". Das ist gesanglich äußerst dürftig, macht den bemühten Versager am Mikro aber irgendwie noch sympathischer. Was wären die Stones - und die Fans - ohne "Sympathy For The Devil"? Dieser geniale Rock-Hit rauscht wie eine Dampflok durchs Stadion. Kein Song hat solch eine Stones-Eigenart wie dieser teuflische Allzeithit. Unter einem Sonnenschirm auf der Minibühne rockt und "bluest" die Kernmannschaft mit Jagger, Richards, Wood, Watts, Darryl Jones und Chuck Leavell eine kurze Power-Session mit "Respectable", "Wanna Make Love To You" und "Street Fighting Man". Es ist nur der musikalische Vorbote für ein großes Finale, das die Rolling Stones wieder auf der Hauptbühne abziehen. Und zum Finale die wahre Befriedigung: "Satisfaction" im Konfetti-Regen.



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