Biennale
In Gedenken an Schlingensief: Vielleicht gibt es ja gute Kunst
Der deutsche Pavillon auf der Biennale im italienischen Venedig erinnert an Leben und Werk des verstorbenen Künstlers Christoph Schlingensief.
Christoph Schlingensief, 1960-2010
Foto: dpa/DPA
Venedig. Die Kunst war zu groß für das Leben, das Leben zu kurz für die Kunst. Und die Unverhältnismäßigkeit hat ihren eigenen Namen: Christoph Schlingensief, Filmemacher, Performer, Opern- und Theaterregisseur, Künstler, eingeladen zur Biennale in Venedig, gestorben, bevor die Projekte über die Skizze hinaus gedeihen konnten. Es war richtig, dass Susanne Gaensheimer, die deutsche Kommissarin und Frankfurter Museumsdirektorin, an ihrer Schlingensief-Kür festgehalten und dabei aller Versuchung widerstanden hat, den Nachlass im Memorial zu adeln. Ihre venezianische Ausstellung, zusammen mit Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz eingerichtet, gibt auf angemessenste Weise Einblick in ein ausuferndes, bis heute nicht vollends verstandenes Werk.
Dass man hinter dem mit einer rohen Bretterwand verstellten Portal in eine veritable Kirche gerät, sollte niemanden auf allzu viel Innerlichkeit hoffen lassen. Das Bühnenbild erweist sich rasch als brüchig sakrale Kulisse für die Selbstbegegnung des Künstlers mit seiner Krankheit, dem drohenden Tod, mit den maßlosen Ansprüchen an die Kunst als verzehrende Lebensform.
Seltsam lebendig scheinen die Projektoren, deren nervöser Bilderwurf in alle Richtungen noch einmal an die sprunghafte Ästhetik des Künstlers erinnert. Im Altarraum verfließen die Filmsequenzen zu einem großen Rondo vom Leben und Sterben. Und es ist, als blätterte einer schnell und ohne viel System durch sein Lebensalbum und stellte beim hastigen Blättern fest, wie eine Seite die andere aufschlägt und ein Bild in das andere übergeht und eine Phase die andere mit Energie versorgt.
Wer Schlingensief-erfahren ist, entdeckt alte Motive wieder. Die katholischen Wurzeln, die Symbolik des Opfers, die Arbeit mit Kleinwüchsigen und Behinderten als den eigentlichen Schmerzfiguren des beschädigten Lebens. Das verwehte Kinderglück. Die Selbststilisierung des Künstlers als Parsifal. Anleitung braucht man da keine und nicht viel Übersetzung fürs internationale Publikum. Es ist schon geistvolle Dramaturgie, wie der Künstler den toten Hasen noch einmal belebt, dem Beuys in einem Akt visionärer Schöpfungsdemut die Bilder erklären wollte. Nicht ohne Ironie schlüpft Schlingensief in den Pelzmantel, den der Priesterkünstler zur Hasenkur anzulegen pflegte, und in einer "Fettecke" der Kirche hängt der Hase, als sei er vom Jäger gerade zur Strecke gebracht worden, und auf dem Altar steht er ausgestopft und lässt die Löffel hängen, und im Film verwest er langsam und grauslich vor sich hin. Und wenn er dann nicht mehr ist, der Hase, wenn er ganz zerfressen, ganz aufgelöst ist, dann blendet der Film rasch zum Leben über, es wird geboren, und aus dem Off tönt Wagner, "Lohengrin", und schwillt an und bricht ab. Alles in diesem unvergleichlichen Werk zielt auf Übergang, Grenzunschärfe, Fließen und Verfließen.
Kunst ist bei Schlingensief nichts weniger als eine Zustandsform der unvollendbaren Handlung. Der Mann programmierte sich sein eigenes Betriebssystem.
Man hat den Kunst- und Lebensentwurf Schlingensief zuweilen als naiv beschrieben. Und tatsächlich weht durch das Werk zuweilen eine verblüffende Unschuld, eine Kindlichkeit auch, die gerade in den Filmen aus den Achtziger- und Neunzigerjahren von fragiler Poesie zu provozierenden Träumen und wieder zurück in die Seligkeit des Bilderbuchs führen kann.
Auch der Einsatz des Künstlers in den letzten Jahren für sein "Operndorf" in Burkina Faso scheint nicht ganz frei von verletzlicher Gutartigkeit. Schlingensief ging es ja nicht um Erzwingung eines Festspielhauses, nicht um den Export hehrer Ideen ins Notstandsgebiet. Der Künstler wollte seine schwarzen Mitspieler zu Selberspielern machen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte der ganze Biennale-Auftritt auf der rötlich braunen Erde von Ouagadougou gründen sollen. Jetzt ist Remdoogo neben Kirche und Kino der andere Flügel des Schlingensief-Triptychons. Ein kleines Dokumentationszentrum informiert über den Stand des von Aino Laberenz weiter betriebenen Projekts. Die Schule ist im Bau, ein Krankenhaus soll folgen und das "Opernhaus".
Man kann auch in Remdoogo den Geduld fordernden Rundgang beginnen. Es gibt keine Führungslinie. So wenig, wie es Entwicklung im Werk des Christoph Schlingensief gibt. Von Anbeginn war alles kämpferische Verweigerung der überlegenen Künstlerrolle, Selbstauslieferung bis an die Schmerzgrenze und über sie hinaus, erschöpfende Hingabe ohne den Beweisdruck des politischen Aktivisten, ohne das Pathos selbstloser Entwicklungshilfe.
Vielleicht gibt es ja gute Kunst, so, wie es gute Menschen gibt. Aber dass die Kunst nicht besser würde, wenn ihr das Gewissen schlägt, davon war Christoph Schlingensief überzeugt. "Soziale Plastik", das Zauberwort aus dem Beuys-Fundus, klang im Oberhausener Idiom des Künstlers wie wilde Entschlossenheit. Soziale Plastik ist das Gegenteil von Kunst zum überwältigenden Gebrauch. So gesehen ist es keine geringe Leistung, der Kunst standgehalten zu haben, die zu groß war für das Leben.
Und dass dann das Leben zu kurz war für die Kunst, ist nicht das Schlechteste, was man über die Kunst sagen kann.





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