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Kultur & Live

L'Infedeltà delusa

Musikhochschule: Flotte Biene sucht große Liebe

Rasend komisch auf dem Rasen: Anthony Pilavachis Inszenierung von Haydns "L'Infedeltà delusa" im Forum der Musikhochschule.

...und als spinnerte Alte, die mit vollem Körpereinsatz auf Filippo (Yongho Choi) einzetert
Foto: Horst Warneyer

Hamburg. Hach ja, Studentenaufführung, ganz niedlich. Bei diesem Pauschalurteil klingt gern auch der Vorwurf des Selbstgeklöppelten und ja nur Semiprofessionellen mit. Doch von rechtschaffen oder gar bemüht ist die aktuelle Inszenierung im Forum der Musikhochschule Welten entfernt. So weit, dass sich die Staatsoper, an der man in den letzten Jahren schon zu oft Gutgemeintes mit ansehen durfte, bei aller Unvergleichbarkeit der Apparate, Ausmaße und Ansprüche selbstkritisch fragen sollte, woran das wohl liegen könnte, oder an wem.

Mit Haydns Brautschau-Burleske "L'Infedeltà delusa" in der Regie von Anthony Pilavachi stellte die Pöseldorfer Nachwuchs-Bühne eine hinreißende, hochprofessionelle Produktion ins Rampenlicht, die bestens geeignet ist, für hiesige Opernfreunde (und alle, die das in zweieinhalb flott vergehenden Stunden werden möchten) zum letzten Pflichttermin vor der nahenden Sommerpause zu werden.

Pilavachi? Da war doch was? Stimmt. Mit seinen Lübecker "Ring"-Teilen hatte er viermal in Folge bewiesen, dass auch kleinere Opernhäuser als Hamburg Großartiges leisten können. Danach eine kleine, feine Fingerübung für ein fünfköpfiges Ensemble und handliches Orchesterchen - und ausgerechnet Haydn, der bei seinen Bespaßungs-Lustspielen für die Hofbühne der Esterházys stets so leicht und mühelos klingen soll, dass er unglaublich schwer zu meistern ist, das ist nun wirklich ganz große Kunst.

Wie sehr, hörte man hin und wieder den Hamburger Symphonikern an. Sie konnte Werner Hagens arg durchkonfektionierte Zeichengebung und Partitur-Abfertigung nicht so recht auf die notwendige mediterrane Betriebstemperatur bringen. Auch bei der Rezitativbegleitung durch Adam Szvorem hätte eine kleine Dosis Continuo-Slapstick für größeres Vergnügen sorgen können.

Pilavachi topfte die drollige Geschichte über zwei ungleiche Paare und einen Brautvater aus dem toskanischen Dorfidyll der Vorlage auf Grasnarbenhöhe um. Und ganz offenkundig hat er in seiner Jugend sehr viele Nachmittage mit der Zeichentrickversion von "Biene Maja" verbracht. Die Geschwister Vespina (Nora Friedrichs) und Nanni (Kihwan Sim) verpackte er in flauschige Maja- und Willi-Kostüme.

Patriarch Filippo (Yongho Choi) entpuppt sich als muffelige Motte. Seine pubertierende Tochter Sandrina (Hyerim Park) wird zum Schmetterling mit Flügge-Flausen im Kopf, und der neureiche Nencio (Fakai Tang) hoppelt als Double von Grashüpfer Flip durch das farbenfrohe Bühnenbild, das der Regisseur mit seinem Ausstatter Markus Meyer entworfen hat. Dazu noch eine Riesenstreichholzschachtel als Rückzugs- und Requisitenversteck und fertig ist die Landlust-Laube.

Vor Beginn eingestimmt wurde das Publikum im Saal durch Grillenzirpen und Vogelzwitschern aus den Lautsprechern im Saal, um die Illusion noch ein bisschen perfekter zu machen. Das amouröse Hin und Her des Stückchens ist konfus genug, um es nicht detailliert erklären zu müssen. Am Ende jedenfalls, nach etlichen Verkleidungen und Verschwörungen, setzt es, wie es sich gehört, für alle Heiratsfähigen ein Happy End wie aus dem Zeichentrick-Bilderbuch.

Absolute Abräumerin des Premierenabends war von Anfang an Nora Friedrichs als Vespina, die flotte Biene vom Lande auf der Suche nach der großen Liebe. Friedrichs kostete ihre Paraderolle nicht nur stimmlich voll aus und wurde von Soloauftritt zu Soloauftritt freier, mutiger und charmanter. Sie warf sich auch wie die sprichwörtlich unbremsbare Rampensau auf die Chance, zu Beginn des zweiten Akts eine depperte Alte zu geben und durch deren Wehwehchen-Arie zu krakeelen, zu rotzen und zu röcheln.

Auch als deutscher Diener des Marchese - gut erkennbar an der Verkleidung als tumb-teutonische Kräuterlikörflasche - kassierte sie verdienten Szenenapplaus. Darf man jetzt schon eine beachtliche Karriere voraussagen? Nach diesem Auftritt muss man, und das gern.

Ihr Bühnenbruder Nanni (Kihwan Sim) konnte trotz dieser überbordenden Präsenz gut mithalten, Yongho Chois Filippo hatte das nötige Format, um seine Rolle mit maliziöser Wucht auszufüllen; Hyerim Park als Sandrina emanzipierte sich im Laufe des Abends vom braven Stimmchen zum Charakter mit Höhe und Tiefe. Einzig Fakai Tang blieb leicht hinter den Erwartungen zurück, ihm hörte man an, dass auch kleinere Rollen anspruchsvoll sein können. Doch all das sind letztlich Petitessen, denn was hier noch fehlte, wurde durch das temperamentvolle Miteinander bravourös ausgeglichen.

Mit der nächsten Regie nach dieser Opern-Comedy bleibt Pilavachi übrigens im floralen Bereich. Im September eröffnet er die Lübecker Opernsaison mit Strauss: dem "Rosenkavalier".

 

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