Literatur - Leerer Magen, kühler Geist
Tageburch führte eine Berlinerin am Ende des Krieges. Sie hinterließ ein erschütterndes und hellsichtiges Dokument.
Schon der Titel verrät etwas über den Charakter der Verfasserin des Buches: "Eine Frau in Berlin", nicht mehr und nicht weniger. Beiläufig und gleichzeitig die Sprengkraft des Inhalts ahnen lassend dann der Untertitel: "Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945". Notizen also, die mit der Eroberung Berlins durch sowjetische Truppen kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnen. Eine Zeit der Ungewissheit und der Angst. Selbst der "Völkische Beobachter" erschien nicht mehr. Die Nazizeitung hatte zuletzt die Frauen noch auf die Ankunft der Russen in Berlin vorbereitet, mit Schlagzeilen wie diesen: "Siebzigjährige Greisin geschändet - Ordensschwester vierundzwanzigmal vergewaltigt". Die Tagebuchschreiberin fragt sich, wer da mitgezählt habe. Sie, deren Namen wir nicht kennen, die ihre Aufzeichnungen nur unter der Bedingung der Anonymität veröffentlichen wollte, war nicht bereit, sich von der panischen Furcht, die solche Meldungen bei den Berlinerinnen hervorriefen, anstecken zu lassen. Mit leerem Magen und kühlem Verstand beobachtet eine Frau, Anfang 30, ihre zertrümmerte Umgebung, in der Chaos, Willkür, Angst und Hunger herrschen; setzt, was geschieht, ins Verhältnis zu Deutschland und zu sich selbst. Sie vergleicht, wägt ab, verlässt sich auf ihre eigene Urteilskraft. Doch packt auch sie die Angst, als die russischen Soldaten in Häuser und Keller eindringen. Noch nie hat wohl eine Frau über Schändung, die sie am eigenen Leib erfuhr, so distanziert und ohne eine Spur von Hass geschrieben. Freilich gibt es Zeugnisse aus jenen Tagen, aber selbst Margret Boveris "Tage des Überlebens in Berlin" reichen nicht an diese atemberaubenden, sogleich nach dem Erlebten niedergeschriebenen Notizen heran. Jedem Wort haftet die Unmittelbarkeit des Geschehens an. Man sieht die Frau am Morgen danach förmlich vor sich, wie sie geschunden und versehrt und doch voller Kraft, den nächsten Tag zu überstehen, in ihre Kladde einträgt, was ihr widerfuhr. Dass sie dabei im Stande ist, zu reflektieren, grenzt an ein Wunder. Die Autorin, eine weit gereiste Frau aus dem Bürgertum, eine wahre Kosmopolitin, die fotografierte und zeichnete und vor dem Krieg offensichtlich in einem Verlag beschäftigt war, blieb in ihrer Heimat, auch wenn Freunde ihr rieten, auszuwandern. Inzwischen glaubt sie, eine Mitschuld zu tragen. Dennoch fühlt sie sich ihrem Volk zugehörig und will "auch jetzt noch", wie sie schreibt, dessen Schicksal teilen. Dass die feindlichen Soldaten in barer Münze kassieren, wirft sie nicht aus der Bahn. Da sie klug ist, versteht sie, was die Sieger umtreibt, weiß zwischen den verschiedenen Mannstypen zu unterscheiden. Rasch erkennt sie, dass es nur eine Chance gibt, vor Vergewaltigungen verschont zu bleiben: Sie wird aktiv und wandelt sich von der Geschändeten zur Liebesdienerin. Ihre Wahl fällt auf einen, dessen Autorität sie vor den anderen schützt. Ohne ihre Russischkenntnisse, die sie während einer langen Reise durch die Sowjetunion erlangte, wäre ihr dieser Rollentausch kaum möglich gewesen. So aber kommt es, dass in ihrer Hausgemeinschaft mit einer Witwe und deren Untermieter kein Hunger mehr gelitten, Essbares und Schnaps in beinahe fröhlich zu nennenden Runden mit dem "Iwans" konsumiert wird. Trotzdem bleibt die Angst. Die Russen erscheinen unberechenbar: Zu viel Alkohol oder ein falsches Wort von den Besiegten, das die Eroberer in ihrer Ehre kränkt, und die freundlichen, kinderlieben Männer verwandeln sich in gefährliche Bestien. Die Frau in Berlin, die sich durch eine innere Starre schützen konnte, hat uns ein ergreifendes wie erstaunliches Dokument hinterlassen. Erstaunlich, weil sich in ihm keine Spur von Hass findet. Und das mag ein gewichtiger Grund dafür sein, dass sie keinen Moment ihre Würde, ihre Integrität verliert. Titel: Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945 Autorin: Anonyma, mit einem Nachwort von Kurt W. Marek Verlag: Eichborn Preis: 27,50 Euro, 291 Seiten Inhalt: Bericht aus dem Chaos




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