Kampnagel
Eine Pauschalreise ins Bewusstsein
In ihrer neuen Performance "Delusion" verarbeitet die amerikanische Musikerin und Künstlerin Laurie Anderson den Tod ihrer Mutter und ihres Hundes
Laurie Anderson, 63, bringt ihre neue interdisziplinäre Show "Delusion" zum ersten Mal nach Deutschland in die Kulturfabrik Kampnagel
Foto: Juergen Joost
Kampnagel. Superman machte Laurie Anderson berühmt. Nicht die Comicfigur mit dem roten S auf dem blauen Anzug, sondern ein minimalistischer Song namens "O Superman". Acht Minuten und 21 Sekunden dauert das Lied mit einer permanenten Schleife, auf der sie nur ein gleichförmiges "ha, ha, ha" singt und darüber einen durch einen Vocoder verfremdeten Text spricht. Der Song ist die Bearbeitung einer Arie aus Jules Massenets Oper "El Cid". Ein irritierendes Klangexperiment, das überraschenderweise enorm erfolgreich war. 1981 erreichte die Nummer Platz zwei der britischen Single-Charts und fand weltweit große Beachtung. Die Feuilletons rissen sich damals um die schmale New Yorkerin mit den strubbeligen Haaren und machten sie zur Ikone einer intellektuellen New-Wave-Bewegung.
Die 1947 in der Nähe von Chicago geborene Künstlerin hatte bereits seit Beginn der 70er-Jahre Multimedia-Performances mit Dia- und Filmprojektionen, Musik, Tanz und Lichteffekten kreiert. 1977 war sie mit "For Instants - Part 4" zur documenta 6 eingeladen worden. Immer wieder befasste sie sich mit der gesellschaftlichen und politischen Situation in den USA. 1983 führte sie die sechsstündige Performance "United States I-IV" auf, 1986 kam sie zum ersten Mal nach Deutschland und gastierte beim Jazzfest Berlin. Ihr jüngstes Album "Homeland" erschien im vergangenen Jahr auf dem Nonesuch-Label. Auch darin setzt sie sich sehr kritisch mit den Fehlentwicklungen in den USA unter der Regierung von George W. Bush auseinander, macht sich über selbst ernannte Fachleute lustig und sorgt sich um die selbstzerstörerische Art der Menschheit.
Nachdem sie einige Jahre lang nicht mehr in Hamburg aufgetreten ist, kommt sie an diesem Wochenende mit der neuen Performance "Delusion", was "Irrglaube" oder "Illusion" bedeutet, in die Hansestadt. Diese interdisziplinäre Arbeit hatte im Rahmen der Olympischen Winterspiele im vergangenen Jahr in Vancouver Premiere und kommt jetzt zum ersten Mal nach Deutschland.
"Delusion" ist sehr viel privater als frühere Performances. Anderson verarbeitet darin sowohl den Tod ihrer Mutter als auch den ihres geliebten Hundes Lolabelle. Sie taucht in ihre Träume ein und versucht die surrealen Bilder über Videoeinspielungen sichtbar zu machen. "Delusion" ist eine Meditation über die Freuden und Leiden des Lebens und ihre persönlichen Traumwirklichkeiten. Das Mythische und nicht Fassbare verschwimmt mit dem Alltäglichen. Laurie Anderson singt und spielt Violine, ein kleines Kammerensemble sowie tibetanische Tempelhörner erzeugen den Sound von "Delusion". "Ich möchte das Publikum auf eine Reise mitnehmen, bei der das Bewusstsein freien Lauf hat", sagt sie über das etwa 90 Minuten dauernde Stück.
Politische Aussagen finden sich weniger als in anderen ihrer Stücke. Ihr männliches Alter Ego Fenway Bergamot, der auf "Homeland" mit seiner tiefen Stimme der Erzähler in dem elfeinhalbminütigen "Another Day In America" ist, taucht jedoch auch in "Delusion" auf. Immer wieder schlüpft Anderson in andere Rollen und Figuren und macht sich so selbst zur Kunstfigur. Und Anderson ist keine Performerin vorn an der Bühnenrampe, sondern sie wird zum lebendigen Bestandteil ihrer Bühnenbilder und Projektionen.
Diese Verbindung verschiedener Medien und die daraus entstehende visuell-akustische Welt lassen jedes Werk von Laurie Anderson zu einem einzigartigen Experiment werden, aus dem man anders herauskommt, als man hineingegangen ist.
Laurie Anderson Fr/Sa 20./21.5., jeweils 20.00, Kampnagel (Bus 172, 173); Jarrestraße 20-22, Karten ab 17,-; Internet: www.laurieanderson.com





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