Von Liebe, Pathos und Betrug
Oskar Roehler: Ein Gespräch mit dem Regisseur und Drehbuchautor über seinen neuen Film "Der alte Affe Angst".
Schauspieler sagen, Filme seien eine Form von Therapie. Wenn das stimmt, dann ist Oskar Roehler kein ganz leichter Fall, so viel lässt sich nach "Der alte Affe Angst" sagen. Wie schon in seinem bisher erfolgreichsten Film "Die Unberührbare", als er sich mit dem schwierigen Leben seiner Mutter Gisela Elsner auseinander setzte, greift er wieder auf die eigene Biografie zurück. Das Beziehungsdrama um einen kaputten Regisseur (Andre Hennicke) und eine Kinderärztin (Marie Bäumer), die verzweifelt um ihre Liebe kämpfen, verarbeitet auch den Krebstod seines Vaters. Gisela Elsner und Klaus Roehler galten als Traumpaar der Gruppe 47, der auch Günter Grass, Uwe Johnson und Heinrich Böll angehörten. Der Titelfigur aus Grass' Roman "Die Blechtrommel" verdankt der 1959 geborene Oskar Roehler, der seit "Die Unberührbare" zu den Hoffnungsträgern des deutschen Kinos zählt, auch seinen Vornamen. ABENDBLATT: Der Titel Ihres Films "Der alte Affe Angst" hakt sich im Gedächtnis fest. Wie kam er zu Stande? OSKAR ROEHLER: Titel fallen mir oft beim Schreiben ein, ich habe noch nie nach ihnen gesucht. Gefühlsmäßig kann mit diesem jeder etwas anfangen. Ich mag das, wenn Titel nicht so greifbar sind, dabei sind die greifbareren immer die erfolgreicheren. Am liebsten mag ich die, die sich anhören wie Titel für Gedichtbände. ABENDBLATT: Die Handlung trägt autobiografische Züge. Was passiert mit persönlichen Erinnerungen, wenn man sie künstlerisch verarbeitet? ROEHLER: Wenn man eine Geschichte schreibt, egal, wie persönlich die ist, muss man immer eine Moral im Kopf haben. Hier geht es um zwei Menschen, die ihre Liebe sehr hoch halten, um Pathos und Betrug. Der große Gedanke dahinter war aber weder destruktiv noch dekadent, sondern kämpferisch. Deshalb habe ich den Film eigentlich auch gemacht. Wenn man in einer Beziehung das Gefühl von innerer Leere erlebt und denkt, der andere hat einem nichts mehr zu sagen, gibt es immer auch Zeugnisse dafür, was man einander irgendwann mal versprochen hat. ABENDBLATT: Lautet die Botschaft Ihres Films "Kämpfen um jeden Preis"? ROEHLER: Natürlich nicht. Es ist ja noch viel da bei den beiden. Sie reiben sich nur auf, weil es um so essenzielle Dinge geht. Sie funktioniert für ihn auch als Muse, und sie können miteinander wie Kinder sein. Beide haben ihr Außenseitertum begriffen und fühlen sich zueinander gehörig. Es sind keine vordergründigen Frustgeschichten, sondern ganz ungewöhnliche Menschen. Sie sind nicht exemplarisch für den Rest der Bundesrepublik. ABENDBLATT: Steckt in Ihrer Darstellung dieser privaten Krise auch Gesellschaftskritik? ROEHLER: Die Symptome werden gezeigt, aber die Ursache wird nicht untersucht. Manchmal denke ich am Ende eines Films darüber nach, wie ich das Thema anders hätte aufarbeiten können. Aber dann müsste ich einen zweiten Film machen. Den würde ich intelligent, ironisch und soziologisch anlegen. ABENDBLATT: Wie führen Sie Schauspieler in extremen Szenen? ROEHLER: Man kann nur eins machen: die richtigen aussuchen. Wenn man das nicht schafft, kann man alles auf den Müll werfen. Man kann nichts inszenieren, was die in ihrer kindlichen Freude spielen. Das passiert einfach. Bei den extremen Sachen tastet man sich gemeinsam vor. Vom Format her ist dies ja eher ein Fernsehfilm. Nur die Inhalte und wie der Film gemacht ist, haben sich davon weit entfernt. ABENDBLATT: Braucht man Schutzmechanismen, um solche teils hoch emotionale Szenen zu inszenieren? ROEHLER: Man ist schon in einem gefährdeten Bereich. Es kann da manchmal ganz schön krachen, und es gab auch ganz schöne Krisen am Set. Wir hatten heftige Auseinandersetzungen, es kam zu Verweigerungshaltungen und Hysterie. Man konnte, anders als zum Beispiel bei der "Unberührbaren", nirgendwohin ausweichen und musste ständig Höchstleistungen bringen. Das war sehr anstrengend. ABENDBLATT: Hat es sich gelohnt? ROEHLER: Wird sich weisen. Ich bin selbst sehr gespannt. Die Reaktionen auf den Film sind ja gespalten. ABENDBLATT: War mal ein anderer Schluss im Gespräch? Dieser ist geradezu kitschig im Vergleich zum Rest des Films. ROEHLER: Nein. Das heißt: Da fehlt irgendwas. Ich wollte den Schluss schon so haben, aber ich bin nicht zufrieden damit, wie er aufgenommen wird. Ich habe leider nicht erreicht, was ich erreichen wollte. ABENDBLATT: Was machen Sie als Nächstes? ROEHLER: Ich verfilme Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen". Das soll im Frühjahr losgehen. Ich drehe in Deutschland. ABENDBLATT: Schon wieder eine Depri-Geschichte. ROEHLER: Es wird aber auch lustig. Bernd Eichinger und Oliver Berben sind die Produzenten. Der ganze Frust soll in der Geschichte drinbleiben, aber so, dass die Leute es selbst nicht frustrierend finden. Eichinger hat mir ein Foto von sich und Berben geschickt mit Teufelshörnern. Die gucken mich jetzt am Schreibtisch an. Interview: VOLKER BEHRENS Heute, 20 Uhr, stellt Marie Bäumer "Der alte Affe Angst" im Abaton vor.



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




