25.02.11

Bundeswettbewerb "creole"

Weltmusik? Wollsocken, oder was?

Im Goldbekhaus spielen zehn Bands beim Regionalentscheid von "creole", einem Wettbewerb für globale Musik. Mit dabei: Danube's Banks.

Von Birgit Reuther
Foto: HA / A.Laible
"Hot Gypsy Fire" heißt das aktuelle Album von Danube's Banks. Der Titel ist Programm.
"Hot Gypsy Fire" heißt das aktuelle Album von Danube's Banks. Der Titel ist Programm.

Goldbekhaus. Weltmusik, das hat so eine ungute Note von Gutmenschentum", sagt Steph Klinkenborg. Ein wenig belustigt schaut sie durch ihre markante Brille. Blonde Haarsträhnen schauen unter ihrer blauen Strickmütze hervor. Ihr ist anzumerken, dass sie schon oft über dieses Thema gesprochen hat. Über die Klischees, die dem Begriff anhaften. Das Wort Weltmusik, das auf den Popkünstler Peter Gabriel in den 80er-Jahren zurückgeht, sei schlichtweg "wollsockig belegt", findet Klinkenborg. Und noch während sie ihr Urteil fällt, wandert ihr Blick auf die Füße von Timo Zett. Der Musiker hat sich mit seiner Band Danube's Banks im Feldstraßenbunker zur Probe getroffen. Grinsend hockt er auf einem Stuhl vor den Instrumenten. Ohne Schuhe. In Wollsocken. Mit Ringeln.

Klinkenborg lacht laut los. Und auch wenn sie vom Sound der Weltmusik spricht, der grob alle nicht westlich genormten Stile umfasst, klingt sie weder verdrossen noch verbissen. Mit gelassenem Missionseifer erzählt sie von "creole": Zusammen mit Mücke Quinckhardt organisiert sie für Hamburg und Schleswig-Holstein den "einzigen bundesweiten Wettbewerb für globale Musik aus Deutschland". Diese Formulierung ist im Programmheft des Projekts zu finden. Und sie zeigt das Dilemma, in dem die Szene steckt. Einerseits wollen sich viele Musiker und auch Hörer von der eurozentrischen Perspektive des Begriffs Weltmusik lösen. Andererseits stiften neue Verbalvehikel, die das Genre umreißen sollen, eher Verwirrung, als dass sie zu einer Version führen, die politisch korrekter und zugleich griffig ist.

Auch die Danube's Banks hantieren mit allerlei Begrifflichkeiten und Stilen. Das 2008 gegründete Sextett nennt seine Musik "Gypsy Swing, durchwirkt von Klezmer, Balkan-Pop, Latin und Hip-Hop". Doch wenn die Mittzwanziger aufspielen, lösen sich Genres und ihre Grenzen ohnehin auf.

"Eins, zwei", zählt Timo Zett an. Der Kopf mit dem kurzen blonden Haar nickt kurz. Und schon ertönen betörende Melodien. Sein Kompagnon Benjamin Dau und er lassen ihre Hände über die Akustik-Gitarren schnellen. Drummer Lorenz Schmidt trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Holy Noise". Dabei ist sein Spiel keineswegs krachig. Sondern knackig. Unterstützt wird sein Rhythmus von den bauchbetonten Klängen, die Alex Szustak auf seinem Kontrabass zupft. Der Fuß zuckt automatisch mit. Jonathan Wolters versenkt sich an der Klarinette mit geschlossenen Augen in die Musik, Tenorsaxofonist Jan-Hendrik Erbe verleiht dem Song zusätzlichen Druck. Bis der Fluss durch ein kräftiges "Heiahhei" von Zett unterbrochen wird.

Als letzte Band präsentiert Danube's Banks diesen Sonnabend ihre schmissigen Stücke beim Vorentscheid für Hamburg und Schleswig-Holstein, eine von acht "creole"-Regionen. Zuvor gehen am Sonnabend und Freitag neun weitere Formationen als global-musikalische Lokalmatadore ins Rennen (siehe Kasten). Fans und eine fünfköpfige Jury küren zwei Finalisten, die im Mai in Berlin beim Bundeskonzert um den "creole"-Titel wetteifern.

"Der Konkurrenzgedanke ist bei uns nicht so ausgeprägt, aber wir freuen uns auf Feedback und den Dialog mit anderen Bands", sagt Dau, der Swing-Legende Django Reinhardt Weiß auf Schwarz auf seinem T-Shirt trägt. "Seine Coolness, die Zigarette im Mund - das ganze Lebensgefühl passt zu uns", sagt Dau. Und Zett ergänzt, während er wie angewachsen ein Plektron in der Hand hält: "So ein bisschen vagabundenmäßig." Bei Danube's Banks ist solch ein Satz nicht bloß romantisierend dahergesagt.

Ihren Namen gab sich die Band, nachdem sie entlang der Donau straßenmusizierend gen Osteuropa getourt war. 2009 traten die Hamburger sogar bei dem rumänischen Kunst- und Musik-Festival IRAF auf. Und das, obwohl sie Gadje sind, also keine Roma-Wurzeln haben. Klinkenborg liefert auch gleich den theoretischen Background zu dem, was die Musiker ganz intuitiv praktizieren: "Wir sehen die Ethnisierung von Musik ganz kritisch, daher machen es die Danube's genau richtig."

Auch wenn der impulsive Sound bestens geeignet ist, um spontan Straßen und Plätze zu beschallen, sorgt Danube's Banks ebenso in zahlreichen überdachten Orten für Stimmung. In Eigenregie organisierten sie Auftritte vom Mobile Blues Club über Thalia und Knust bis zur Soul Kitchen. Zudem begleiten die sechs Freunde den Lüneburger Kinderzirkus Allegro.

"Wir haben immer grundverschiedene Zuhörer. Vom Laufpublikum bis zum Balkanpartygänger", erzählt Schlagzeuger Schmidt. Eine Aussage, die auch zu den Worten von Schirmherrin Audrey Motaung passt: "Wenn ich auf die letzten 30 Jahre Hamburger Musikgeschichte zurückblicke, hat sich das musikalische Gesicht der Stadt sehr verändert, und ich bin stolz, daran mitgewirkt zu haben", sagt die Musikerin, die sich stark für den interkulturellen Austausch einsetzt. Auf einen guten Gäste-Mix hofft auch Klinkenborg bei den "creole"-Konzerten am Wochenende. Wollsocken sind natürlich erlaubt.

Danube's Bank - weitere Livetermine: 2.4. Jalla-Club im Altonaer Museum, 15.4. Kiez Zirkus im Docks; www.myspace.com/danubesbanks

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