06.03.03

Frau Senatorin - Reicht ihr "Glanz" für Hamburg?

Dana Horáková: "Soll ich von nun an in jede Theater-Premiere gehen?"

Foto: Bodig
Dana Horáková wird seit Monaten mit Vorwürfen konfrontiert

ABENDBLATT: Sie sind jetzt etwa ein Jahr in Amt und Würden, wie empfinden Sie das Amt heute - als Würde oder als Belastung? DANA HORÁKOVÁ: Ich habe es noch nicht bereut, keine Sekunde. Noch nicht einmal in den Momenten, als ich mich ungerecht behandelt fühlte. Je länger ich im Amt bin, desto lohnender ist es, mich für die Hamburger Kultur einzusetzen. ABENDBLATT: Fühlen Sie sich wohl in der gewachsenen Kulturszene der Stadt, oder haben Sie das Gefühl, man arbeitet gegen Sie, die Außenseiterin vom Boulevard? HORÁKOVÁ: Die Szene ist ja nicht homogen, aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass ich auf Sympathie und Akzeptanz treffe, weil man merkt, dass ich auch offen bin für völlig neue, auch skurrile Ideen. ABENDBLATT: Sie denken also nicht darüber nach, ob Sie sich die Kontroversen um Ihre Arbeit und Ihre Persönlichkeit noch länger antun sollen? HORÁKOVÁ: Nein. ABENDBLATT: Müssten Sie angesichts der Sparzwänge nicht den Mangel möglichst kompetent und schmerzarm verwalten, anstatt mit Verve immer wieder neue Ideen auf den Markt zu werfen? HORÁKOVÁ: Ist das denn ein Widerspruch? Ja, ich habe neue Ideen, aber ich verwalte auch täglich ab acht Uhr morgens. Wie kompetent, lässt sich schon daran erkennen, dass wir das einzige Bundesland sind, in dem der Kultur-Etat erhöht wurde. ABENDBLATT: Durch Umschichtungen aus anderen Etatposten. HORÁKOVÁ: Aber: Wir mussten nicht kürzen. Über die Sorge der Theater, die Zuwendungsgarantie, wird jetzt verhandelt. Und: Der Staat übernimmt die Tariferhöhungen. ABENDBLATT: Bis zu einer Höhe von zwei Prozent . . . Lassen Sie uns zum Grundsätzlichen kommen: Müssen Sie nach den Dauerquerelen der letzten Monate Ihre Arbeitsweise nicht grundlegend überdenken und ändern, eine Zäsur machen und von nun an das konkrete Gespräch suchen? HORÁKOVÁ: Ich rede ununterbrochen mit sehr vielen. Es wird aber immer wieder die gleiche Hand voll Protestierer genannt, weil sie sich gekonnt artikulieren . . . ABENDBLATT: Und wichtige Posten haben. HORÁKOVÁ: Dies stimmt. Aber in Hamburg leben mehr als 3500 bildende Künstler, Tausende Dichter und Musiker, Designer und Filmemacher. ABENDBLATT: Man wirft Ihnen mangelnde Akzeptanz seitens der Kulturschaffenden vor, die Ihre Orientierungslosigkeit bemängeln. Sind Sie sich inzwischen Ihrer Fehler bewusst? HORÁKOVÁ: Ich habe lange nachgedacht und meine Fehler gesucht. Ist der geplante Umzug der Zentralbibliothek ein Fehler? Das zusätzliche Geld für die Symphoniker? Die Rettung der Gundlach-Sammlung? Die Kinderkultur-Beilage? Die Aktion "Eine Stadt liest ein Buch"? Die Regelung für Neuengamme, die Neustrukturierung der Filmförderung? Die Entwicklung der HafenCity? Gut, es fehlen noch private Geldgeber für das Neumeier-Ballettmuseum, die Zuwendungsgarantie für die Staatstheater ist noch nicht durchdiskutiert, die Museen sind noch nicht finanziell stabil, und ich bin außerdem in die Zeit reingerutscht, in der alle Intendantenverträge neu verhandelt werden müssen. ABENDBLATT: Dass Intendant Tom Stromberg kein Ideal-Programm fürs Schauspielhaus macht, sagen viele. Doch inzwischen hat sich ein Teil der Theater-Szene, obwohl sie gegen Stromberg ist, mit ihm solidarisiert, weil Sie so gar nicht mit ihm können. Was ist da für Sie schief gelaufen? HORÁKOVÁ: Ich hatte durchaus die Vorstellung einer Lösung für das Haus, aber dann habe ich den Fehler begangen, Strombergs Programm als "wenig inspirierend" zu bezeichnen. Das war eine inhaltliche Wertung. Wenn ich das nicht gesagt hätte, wäre wohl alles anders gelaufen. Aber das ändert nichts daran, dass Stromberg eine klare Aufgabe hat: das Haus so zu führen, dass es nicht in rote Zahlen rutscht. ABENDBLATT: Haben Sie es nicht auch versäumt, Allianzen zu schmieden und sich Verbündete zu suchen? In der Kulturszene war stets Verlass auf gepflegtes Hauen und Stechen, aber angesichts des momentanen Ausmaßes dieser Querelen denken viele, dass dafür Sie als Behördenchefin verantwortlich sind. HORÁKOVÁ: Ja. Vielleicht hätte ich mehr Zeit und Energie für Lobbying aufbringen sollen. Ich hatte zuvor nie eine Behörde geleitet, ich wusste nicht, was eine Akte ist, und habe einen Job übernommen, der auch erst handwerklich zu erlernen ist . . . ABENDBLATT: Ihren Amtsvorgängern Christina Weiss und Ingo von Münch ging es nicht anders. HORÁKOVÁ: . . . und ich habe auf Fairness vertraut. Ich hatte ein Erbe mitbekommen, das man mir heute noch vorwirft: einerseits die problematischen Umstände meiner Berufung, andererseits meine Arbeit bei "Bild". Außerdem habe ich den Fehler begangen, nicht jeden Abend dort zu sein, wo man mich wahrscheinlich erwartet. Soll ich von nun an in jede Theater-Premiere gehen? Das kann ich nicht tun! Ich teile mich lieber auf zwischen Konzerten, Kunst, Theater und Museen, weil diese Sparten für mich gleichberechtigt sind. Der "Unmut" über mich ist wohl auch entstanden, weil ich Tabu-Themen angefasst habe. ABENDBLATT: Welche wohl? HORÁKOVÁ: Die Kulturpolitik von heute ist nicht nur für die Produzenten von Kultur verantwortlich, sondern auch für die Konsumenten. Im Zuge der 68er-Debatte ist ein Anspruchsdenken auf Subventionen bei vielen Kulturschaffenden entstanden, ohne dass sich jemand genötigt fühlte zu fragen: "Verstehen diejenigen, die mich bezahlen, meine Arbeit?" Auch das sollte ein Aspekt der Kunstvermittlung sein. ABENDBLATT: Wie sieht Ihr eigenes Kulturverständnis aus, abgesehen von der hartnäckigen Vorliebe für die Vokabel "Glanz"? HORÁKOVÁ: Alle reden inzwischen von Glanz, und ich bin dafür so geprügelt worden, als wäre es obszön. Für mich bedeutet es aber, dass man das, was man hat, strahlen lässt. In Hamburg ist vieles vorhanden, aber verstaubt und polierbedürftig. ABENDBLATT: Was ist denn Glanz: eine Filmpremiere mit George Clooney oder das Bewusstsein, am Schauspielhaus das beste Ensemble des Landes zu sehen? HORÁKOVÁ: Beides. Aber auch, dass man in gewissen Situationen die Künstler ehrt. Dass man ihrer Leistung Respekt erweist und nicht in Jeans und Pullover in eine Premiere geht. ABENDBLATT: Wir waren gerade bei Ihrem Kulturverständnis. HORÁKOVÁ: Kultur hat nicht mehr die fast monopolartige Stellung für die Freizeitgestaltung, die sie einst innehatte. Aber die Menschen haben nach wie vor Sehnsucht nach Musik und Bildern, nach Happy End, nach ästhetischen Visionen, nach Auseinandersetzungen mit aktuellen Themen und ethischen Botschaften. Die Frage ist: Haben die Kultureinrichtungen diesen Paradigmenwechsel wahrgenommen? ABENDBLATT: Danke für das Stichwort. Sie sind, ganz anders als Ihre Amtsvorgängerin, mit einem eher populistischen Kunstverständnis angetreten. Sie wollten Kultur für diejenigen, die "nicht mit Goethe unterm Ärmchen geboren" wurden. Mittlerweile haben Sie auch gesagt: "Wir müssen herausfinden, welche Kultur der Steuerzahler wünscht und braucht." Aber Kultur ist weder nur der Event noch nur die klassische Hochkultur. Wissen Sie inzwischen, wie Sie Ihren Schlingerkurs beenden können? HORÁKOVÁ: Wenn ich deutlich beides für wichtig halte und vermitteln will, dann ist das kein Schlingerkurs. Ich bin nie mit Populismus angetreten, da verwenden Sie ein Klischee. Aber ich will endlich wissen, was der Mensch, der sie finanziert, unter Kultur versteht. Deswegen überlegen wir ja auch, eine Umfrage zu diesem Thema zu machen. ABENDBLATT: Ist das nicht das Ende von seriöser und gestaltender Kulturpolitik? Bedienen Sie damit nicht bloß den Populismus, den man Ihnen vorwirft? HORÁKOVÁ: Nein! Ich würde mich nicht nur an den Ergebnissen orientieren wollen, ich möchte sie nur wissen. ABENDBLATT: Das kann doch nicht schon alles sein, was Sie als Arbeitsgrundlage benötigen wollen. HORÁKOVÁ: Nein, wir brauchen auch eine Debatte zwischen Kulturschaffenden und Politikern über die Situation, über die Frage, was ist möglich und was ist unverzichtbar. Ich sehe auch ein und verspreche, dass ich über diese Themen noch mehr Dialog möchte und suchen werde. ABENDBLATT: Haben Sie sich zu spät oder gar nicht Allianzen in der Szene gesucht, um für Ihre Ziele einzunehmen? HORÁKOVÁ: Zu spät. Wir haben hier in der Behörde vieles oft diskutiert, aber Tatsache ist, dass vieles davon nicht mit Leuten von außen besprochen wurde. Ich habe hier Strategiegespräche eingeführt, bei denen man losgelöst von der Tagesordnung über langfristige Ziele nachdenkt. Das ist schon ganz wesentlich, aber ich habe auch versucht, die vitalsten Bereiche Hamburger Kultur zu finden und herauszuarbeiten. "Hamburg hat vieles, aber zu viel von allem", meinte einer meiner Gesprächspartner. ABENDBLATT: Die Resultate der Gespräche lassen aber noch zu wünschen übrig. HORÁKOVÁ: Zugegeben, es reicht nicht, wenn wir uns hier nach interner Absprache auf eine Idee einigen, ich muss mir auch Verbündete suchen. Es wird deswegen demnächst einen Gesprächskreis geben, der dabei helfen soll, sich von der Tagesagenda zu lösen und auf der Meta-Ebene zu fragen, was sind heute die Aufgaben der Kulturpolitik. ABENDBLATT: Momentan ist sie in Hamburg vor allem mit offenen Fragen verbunden. Was passiert zum Beispiel mit dem Hanse-Fest? Die von Ihnen angekündigten Andock-Manöver beim Schleswig-Holstein Musik Festival sieht dessen Chef Rolf Beck nicht auf sich zukommen. HORÁKOVÁ: Wir sind in Gesprächen und diskutieren das Modell, eine Dach-GmbH mit den Töchtergesellschaften SHMF, JazzBaltica und Hanse-Fest zu gründen. Die Grundfinanzierung werden wir leisten, ohne jemandem etwas wegzunehmen, und für den Rest werden Sponsoren gesucht. Bis Ende März muss die Finanzierung stehen, damit wir es schaffen, 2004 an den Start zu gehen. Das Programmkonzept zum Thema "Wasser" hat sich verdichtet.

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