Lessingtage
Kraftvoll, ehrwürdig und wirklich komisch
Großer Beifall für das Gastspiel des chinesischen Star-Regisseurs Lin Zhaohua im Thalia-Theater. Bereits die Einführung war ein Publikumserfolg.
Eine Szene aus Lin Zhaohuas Inszenierung "Der Unterhändler".
Foto: Thalia-Theater/LI Yan/Thalia-Theater
Hamburg. China, der Gigant Ostasiens, gilt noch immer als schwarzes Kunst-Loch, in das sich allerlei Befremdliches hineinvermuten lässt. Manch einer kennt die ritualisierte Peking-Oper oder hierzulande erfolgreiche Wuxia-Filmepen wie "Heroes" von Zhang Yimou. Aber wie soll man sich um Himmels willen das Theater der Gegenwart vorstellen?
Kraftvoll, ehrwürdig, keineswegs verstaubt und bisweilen sehr komisch. Das zumindest lehrt das zweitägige Gastspiel von Xu Yings "Der Unterhändler" bei den Lessingtagen am Thalia-Theater, eingerichtet von Star-Regisseur Lin Zhaohua und den Darstellern seines Pekinger Lin Zhaohua Theatre Studios. Die Neugier der Hamburger war schon zur Einführung derart groß, dass das Rangfoyer wegen Überfüllung geschlossen werden musste. Die Kraft des Theaters überwindet jeden scheinbar noch so tiefen kulturellen Graben.
Das gilt auch für die Nöte, die zur Zeit des Konfuzius vor mehr als 2000 Jahren verhandelt werden. Das kleine Reich Lu, Heimat des Philosophen, wird von Soldaten des mächtigen Staates Qi belagert. In die Enge getrieben, entschließt sich Konfuzius, den Schüler und schlitzohrigen Geschäftsmann Zi Gong als Unterhändler zu schicken. Der chinesische Superstar Pu Cunxin gibt ihn mit der furchtlosen Grandezza eines Mannes, der weiß, dass seine Erfolgschancen gering sind, und der sie zu nutzen gedenkt.
Eine schlichte, schwarze Bühne dient als Blackbox für die Begegnungen und einen kurzen Tai-Chi-Tanz der Wächter. Beherrscht wird die Szene allein von den akkurat agierenden gut zwei Dutzend Schauspielern und ihrem erstaunlich wenig befrachteten, deutsch übertitelten Text. "Mit morschem Holz kann man nicht schnitzen", heißt es in diesem Duell Mitmenschlichkeit versus Gewaltherrschaft. Nie wirkt der Szenenminimalismus statisch. Auch dank der Musik (Live-Gesang und Klarinette) und der anspielungsreichen Kostüme von A Kuan. Beide zitieren Tradition, ohne zu erstarren. Eine Kunstpracht aus Verschwendung, Verschnürung und Verpackung.
Allein, es hilft dem Frieden nicht. Zi Gong redet sich um Kopf und Kragen, spielt schwache und starke Regime gegeneinander aus und spinnt mit seinen Intrigen ein taktisch-strategisches Netz, in dem die Friedensmission letztlich hängen bleibt. Die "Zeit der Streitenden Reiche" (403-221 v. Chr.) bricht an, und damit endet das Stück.
Vorhang auf für das Nachspiel. Der Beifall im Thalia-Theater will kein Ende nehmen. Besucher mit chinesischen Wurzeln winken dem Regisseur zu. Junge Mädchen belagern Hauptdarsteller Pu Cunxin mit klickenden Digitalkameras und Autogrammwünschen. Die Faszination des Theaters und ihrer Macher, sie ist eben universell.
Allzu auskunftsfreudig gibt sich der Regisseur beim Publikumsgespräch seinem Ruf gemäß nicht. Es gehe doch um den Tod in dem Stück, warum es dennoch eine Komödie sei? "Ach, das ganze Leben geht auf den Tod zu und ist damit immer ein Drama", sagt Lin Zhaohua. "Aber solange wir leben, ist es für uns eine Komödie."
Wie die heimatliche Zensur auf die implizite gesellschaftliche Kritik in dem Stück reagiert habe? "Nun", wiegelt der Regisseur ab, "es ist doch nur eine kleine Kritik." Das ist sie vielleicht nicht. Geht es doch um nichts weniger als das rechte Leben und humanistische Ideale in Zeiten der Bedrohung. Krieg schafft als Antwort stets neuen Krieg. Das wusste nicht nur Lessing. Das wusste auch Konfuzius.





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