Ein begnadeter Lügner
Gespräch mit dem Shootingstar über seinen Film "Good Bye, Lenin", den Mauerfall und neue Pläne
Berlin. Daniel Brühl ist ein Schauspieler, der eher mit leisen Tönen auf sich aufmerksam gemacht hat. Der nachdenkliche, manchmal auch der etwas verträumte Blick des immer noch jugendlich wirkenden 24-Jährigen gibt ihm manchmal etwas Entrücktes. Bei der Berlinale hatte nun Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin!" Premiere. Brühl spielt zusammen mit Katrin Saß die Hauptrolle. In der Komödie versucht ein Sohn kurz nach der Wende 1989 in Berlin seiner dem DDR-Regime treu ergebenen und gerade aus dem Koma erwachten Mutter vorzugaukeln, alles sei noch beim Alten. Brühl hat im vergangenen Jahr den Deutschen Filmpreis gewonnen. Außerdem ist er von der Export Union des Deutschen Films zum Shootingstar gekürt worden und tritt damit die Nachfolge von so erfolgreichen Kollegen wie Franka Potente, Jürgen Vogel, Maria Schrader und Moritz Bleibtreu an. ABENDBLATT: Wo waren Sie, als die Mauer fiel? DANIEL BRÜHL: Ich war elf Jahre alt und habe in Köln gelebt. Ich weiß noch, dass die Berichte dar-über in den Nachrichten liefen und meine Eltern darüber gesprochen haben. Was da eigentlich passiert ist, haben wir später im Geschichtsunterricht erfahren. Wobei die Ereignisse da so nüchtern präsentiert wurden, dass man sich als Schüler davon eher malträtiert fühlte. Erst als ich mit Schauspielern so gegen 1996 darüber gesprochen habe, sind mir der Wahnwitz und die Absurdität der Ereignisse so richtig klar geworden. ABENDBLATT: Wie war Ihre Reaktion auf das Drehbuch? BRÜHL: Ich habe gleich eine starke Verbundenheit mit meiner Figur gespürt, habe herzhaft gelacht und zum Schluss fast geheult. Das ist mir vorher noch nie passiert. Ich habe es wie im Rausch gelesen. Es kam mir auch sehr entgegen, weil ich leise Komik und Zwischentöne gerne mag. ABENDBLATT: Sie sind 'ne Kölsche Jong und spielen einen Ostberliner. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? BRÜHL: Alex war durch seinen Charakter so nah, dass ich meine Ängste vergessen habe. Am aufschlussreichsten war es aber, mit Ost-Kollegen zu sprechen. Die wussten Sachen, die standen in keinem Geschichtsbuch und waren in keinem Dokumentarfilm zu sehen, so ganz private Geschichten. Sie haben uns sehr geholfen. ABENDBLATT: Sie spielen jemand, der einem anderen Menschen eine Wirklichkeit vorspielt, die nicht mehr existiert. Das ist sozusagen die Verdoppelung Ihrer Berufssituation. Lag darin ein besonderer Reiz? BRÜHL: Auf jeden Fall. Ich habe den Alex so normal wie möglich angelegt, auch wenn das jetzt vielleicht bescheuert klingt. Weil ich privat ein begnadeter Lügner bin, habe ich lieber noch etwas von mir selbst eingebracht. ABENDBLATT: Sind Sie durch Ihre Schwindeleien in Schwierigkeiten geraten? BRÜHL: Ja klar, aber wenn man etwas Übung darin hat, kann man auch eine ganze Menge damit erreichen. Ich habe in der Schule damit gearbeitet, es aber auch angewendet, um zu gucken, wie Leute überhaupt reagieren. Es war also nicht immer aus einer Boshaftigkeit heraus. Ich habe mich zum Beispiel einmal tot gestellt für meine Mutter. ABENDBLATT: Und das Gewissen? BRÜHL: Ist rein. Wenn es ernst wurde, habe ich die Wahrheit gesagt. ABENDBLATT: Sie sind Halbspanier. Reizt Sie das Ausland? BRÜHL: Ich möchte schon seit langem dort arbeiten, weil ich Spanisch spreche, aber ich möchte nicht als Nobody dorthin gehen. Deshalb freue ich mich auch, dass unser Film jetzt auf der Berlinale läuft. ABENDBLATT: Ihr Jugendheld war Alain Delon? BRÜHL: Er war für mich der Auslöser, dass ich Leinwandheld werden wollte. Ich würde zwar gern mal einen düsteren Genre-Film machen, aber in Zukunft möchte ich vielleicht doch eher Regie führen oder Drehbücher schreiben. ABENDBLATT: Haben Sie konkrete Pläne? BRÜHL: Ich habe Vanessa Jopp eine eigene Geschichte vorgeschlagen, und die war so begeistert, dass sie gleich eine Drehbuchautorin dafür gewonnen hat. Ich stelle es mir wahnsinnig reizvoll vor, alles in der Hand zu haben. Interview: VOLKER BEHRENS "Good Bye, Lenin!" kommt am 13. 2. in die deutschen Kinos. Eine Kritik lesen Sie am Donnerstag in unserer Beilage Hamburg LIVE.



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