Samy Deluxe: Neues Album des Rappers
"Es gibt viele Dinge, die ich an Deutschland liebe"
Die Zeit der schweren Goldketten, der Angeber-Sprüche und der Selbstdarstellung ist vorbei. Der Hamburger Hip-Hopper Samuel Sorge definiert sich neu.
Foto: Laible
Hamburg. Die Zeit der schweren Goldketten, der Angeber-Sprüche und der übertriebenen Selbstdarstellung ist vorbei. Samuel Sorge, den die Hip-Hop-Szene als Samy Deluxe kennt, definiert sich neu.
Auf seinem dritten Soloalbum "Dis wo ich herkomm" bekennt Samy sich zu Deutschland, wie das bisher noch kein Rapper getan hat.
Seine neuen Songs lesen sich wie ein Entwurf gegen Krisen und Krisengerede, sie sollen Mut machen und fordern auf, mit anzupacken. "Und auch wenn alles so grau ist, alles so kalt ist / Die Bevölkerung schlecht drauf ist und die Kultur so veraltet / hat dieses Land das Potenzial, ein buntes Land zu sein. Wir brauchen viel mehr Farben im Land", heißt es in "Bis die Sonne rauskommt".
Hip-Hop ist in Deutschland immer eine Anti-Bewegung gewesen. Die Reime richten sich gegen Establishment und Spießertum, die Protagonisten der Szene wollen mit aggressiven und sexistischen Texten provozieren und immer eine Außenseiterposition einnehmen. "Es gab genug Gründe, Deutschland nicht cool zu finden", sagt Samy. "Ich bin viel gereist, aber ich habe keinen Ort gefunden, der besser ist. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich festgestellt, wie viele Dinge ich an Deutschland liebe."
Samy, Sohn eines sudanesischen Vaters und einer deutschen Mutter, ist inzwischen 32 Jahre alt. Im Interview wirkt er abgeklärt und ernsthaft und entspricht so gar nicht dem Klischee des dauerbekifften Rappers und Provokateurs. Aufgewachsen ist Samuel Sorge in Eppendorf, ein Stadtteil, weit entfernt davon, ein Getto zu sein. Die Getto-Herkunft mit ihren Auswüchsen an Gewalt und Kriminalität dient besonders den Rap-Artisten der Berliner Szene als Aushängeschild und ist doch nur eine Kopie amerikanischer Hip-Hop-Stars und ihres Macho-Gangster-Gehabes. Samys Geschichte ist die eines braunhäutigen Jungen, der in einer relativ armen Familie in einem reichen Stadtteil aufwächst. Auch davon erzählen einige der neuen Songs. "Mit zehn Jahren habe ich zum ersten Mal frische Bohnen gegessen, vorher kannte ich Bohnen nur aus der Dose in salziges Wasser eingelegt", sagt Samy. In der Schule galt der als cool, der das neueste Rennrad hatte. "Einige meiner Freunde haben zu Ostern mehr bekommen als ich an Weihnachten und zum Geburtstag zusammen."
In der Rückschau erscheint ihm Eppendorf als ein Stadtteil, der sehr viel multikultureller geprägt gewesen ist als andere Viertel. "Hier lebten viele Leute aus Ex-Jugoslawien und aus der Türkei. Ich war zwar der Einzige mit afrikanischen Wurzeln, doch diese ethnischen Unterschiede zählten nicht. Wir waren alle Kids aus Eppendorf." Weil er eben nicht die Erfahrungen wie jemand aus Steilshoop und Neukölln gemacht und eine von bürgerlichen Werten geprägte Sozialisation erlebt hat, ist der frühere Exot jetzt in der Lage, eine positive Haltung zu seiner Heimat einzunehmen. Der Titelsong des neuen Albums liest sich wie ein ganzes Sozialprogramm. Kinder brauchen Perspektive, Aufmerksamkeit und Liebe, der Mittelstand ist Basis gesellschaftlicher Entwicklung: Samy fordert dazu auf, das Klagen zu lassen und zu handeln. "Das Land hat mir etwas gegeben, ich will was zurückgeben", singt er in "Dis wo ich her komm".
Seinen Worten hat er bereits Taten vorangeschickt. Zusammen mit dem Basketballer Marvin Willoughby und Julia von Dohnanyi gründete er 2007 den Verein Crossover, der die Integration von Jugendlichen aus Problemvierteln verbessern soll. Dazu werden Klassen aus unterschiedlichen Stadtteilen eingeladen und gemeinsam in einem Workshop unterrichtet. "Wir haben zum Beispiel eine 7. Klasse aus St. Pauli, in der nur fünf deutsche Kinder waren, mit einer 7. des Klein Flottbeker Gymnasiums Hochrad unterrichtet, in der es nur zwei ausländische Kinder gab. Das war das Zusammenbringen von zwei Welten."
Sicher ist Samy nicht, ob die kritische Hip-Hop-Szene seine neuen Inhalte und seinen um Soul, Funk und Reggae erweiterten Sound goutiert. "Ich musste das Risiko aber eingehen. Wenn ich in Zukunft nur noch vor 400 Erwachsenen ohne den Hype und das Gekreische spiele, bin ich auch zufrieden."




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