Fleetstreet Theater
Hamburger City-Bühne muss Spielplanbetrieb einstellen
Nur der Name des Fleetstreet-Theaters bleibt erhalten. Die letzte Produktion in der Admiralitätsstraße handelt vom Aussterben der City.
Die Schauspieler und Regisseure Christopher Weiss (r.) und Kai Fischer in ihrem Stück "Die Nightbreezers - eine Innenstadt Paläontologie".
Foto: dapd/DAPD
Hamburg. Nachts streifen sie durch die Straßen der Hamburger Innenstadt, suchen nach Überbleibseln des Tages und tragen sie im Fleetstreet Theater zusammen. Im Müll wollen die Schauspieler etwas über das Leben hier herausfinden. Großstadtpaläontologie nennen sie das. Das Problem ist nur: In der Hamburger City gibt es keinen Müll und mit dem Leben ist es auch nicht weit her.
Das Stück „Die Nightbreezers – eine Innenstadt Paläontologie“, das diesen Sonnabend Premiere hat, befasst sich mit dem Aussterben der Hamburger Innenstadt. Es ist die letzte Produktion des Fleetstreet Theaters, bevor das kleine Off-Theater zwischen Rathaus und Alsterfleeten seinen Spielplanbetrieb einstellen muss.
Der Urban Art Künstler Rudolf Klöckner hat lange suchen müssen, bis er ein paar Grashalme in der Betonwüste der Innenstadt finden konnte. Als er endlich welche entdeckt hatte, baute er eine kleine Berglandschaft um das Gras. Ein Alpenpanorama am Bordstein machte den Hintergrund, ein blauer Farbklecks auf dem Asphalt suggerierte einen Talsee. „Nach nur fünf Minuten wurde das Kunstwerk von einem privaten Reinigungsunternehmen entfernt“, sagt Klöckner. Etwa 15 solcher „Miniaturfreiräume“ habe er im Vorfeld der „Nightbreezers„ Aufführung entworfen. Keines überlebte länger als eine halbe Stunde.
Die Hamburger Innenstadt ist so aufgeräumt, wie ein Stadtteil nur sein kann. Viele Bereiche werden als sogenannte Business Improvement Districts (BID) von privaten Anlegern mit Sicherheits- und Reinigungsfirmen rein gehalten. Kaum jemand wohnt hier noch. Im Stadtteil Altstadt sind es laut Statistischen Landesamt beispielsweise nur 653 pro Quadratkilometer. In der Münchner Innenstadt sind es dagegen 6.018 Menschen pro Quadratkilometer, in der Kölner Innenstadt sogar 7.701 Menschen pro Quadratkilometer. Wenn die Geschäfte an der berühmten Mönckebergstraße in der Hansestadt abends ihre Rollläden runterlassen, wirkt die City wie eine Geisterstadt.
Das Fleetstreet Theater war da lange ein Lichtschein. Das vor viereinhalb Jahren von der Regisseurin Angela Richter („Der Fall Esra„) gegründete Kulturhaus lockte regelmäßig mit experimentellem Theater und jungen Produktionen Menschen aus der ganzen Stadt ins Zentrum. Doch damit ist jetzt erst einmal Schluss. Mit dem Wegzug von Angela Richter und ihrem Mann, dem Maler Daniel Richter, aus Hamburg verlor das Theater seine prominenten Leitfiguren. Der Absprung eines privaten Geldgebers besorgte das Übrige. Der Raum bleibt als Spielstätte zwar erhalten, aber Ende des Jahres stellt das Theater seinen Spielplanbetrieb ein. Damit wird es keine regelmäßigen eigenen Produktionen mehr geben, der Name des Theaters bleibt aber erhalten.
In „Nightbreezers“ füllt ein riesiges weißes Modell die Bühne. Das Publikum blickt in einen Nachbau der Innenstadt. Es riecht nach Kaffee. In eines der Häuser ist eine Kaffeemaschine integriert, die jetzt vor sich hin blubbert. Leere Kaffeebecher seien das Einzige, was die Nightbreezers auf ihren Streifzügen durch die City gefunden hätten, sagt Regisseur Kai Fischer. Aber aus Kaffeebechern, immer nur Kaffeebechern ließen sich keine Geschichten erzählen. Deshalb habe man Müll aus anderen Stadtteilen importieren müssen. Anhand der Exponate wollen die Schauspieler und die Regisseure Fischer und Christopher Weiß Geschichten erzählen, die sich in der Innenstadt abspielen könnten, wenn sie denn nur wieder belebt werden würde.
Es ist eine Mischung aus Trash und Poesie, die sie darbieten: Da singt eine alte Klobürste im Stil eines Gewerkschaftsliedermachers über Arbeitslosigkeit, ein Schattentheater erzählt die Geschichte zweier Landschnecken auf Wohnungssuche in Hamburg und eine Klopapierrolle bekommt nach jahrelanger Zusammenarbeit mit „den Arschlöchern der Branche“ ein Burnout-Syndrom.
Wenn die Sonne über der Innenstadt aufgeht, zieht Schmidt an einem Flaschenzug eine Lampionlampe über die Bühne. Ein in das Modell eingearbeiteter Overheadprojektor wirft psychedelische Bilder an die Wand eines Hochhauses und langsam verwandelt sich das Modell der klinisch reinen Innenstadt in ein lebendiges Mosaik aus Geschichten.
Erst am Schluss löst sich die Utopie wieder auf. Hinter dem Modell öffnet sich ein riesiger Vorhang, kalte Luft weht hinein und die Zuschauer blicken auf die offene Straße hinaus. Sie wird leer sein und man wird nicht das Gefühl haben, sich im Zentrum einer Großstadt zu befinden.
Weitere Vorstellungen von „Nightbreezers“ finden am 17., 29., 30., 31. Oktober sowie am 13. und 14. November um jeweils 20.00 Uhr statt. Der Eintritt kostet elf Euro, ermäßigt acht Euro.





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