Hamburger Symphoniker: Millionen-Aufstockung - der Intendant im Interview
Daniel Kühnel fordert eine starke Musikszene
Die Symphoniker bekommen 50 Prozent mehr Etat - ein klares Bekenntnis zur Musikstadt. Intendant Daniel Kühnel über Strahlkraft, Potenzial und die hohe Kunst der Zeiteinteilung.
Hamburg. Das sanfte, oft ein bisschen verträumt wirkende Erscheinungsbild könnte einen leicht in die Irre führen. Denn Daniel Kühnel ist zwar tatsächlich ein sehr feinsinniger Mensch - aber auch ein äußerst zielstrebiger Macher. Das hat er als Intendant der Hamburger Symphoniker eindrücklich unter Beweis gestellt: Zum Einstand 2004 präsentierte er nicht nur ein runderneuertes Outfit des traditionsreichen Orchesters, sondern mit Andrey Boreyko auch einen profilierten Chefdirigenten. Für dessen Nachfolge konnte er zur kommenden Saison den renommierten Maestro Jeffrey Tate gewinnen. Und als bisherige Krönung seines Verhandlungsgeschicks hat er nun eine millionenschwere Aufstockung des Symphoniker-Etats erreicht. Im Abendblatt-Interview spricht Kühnel über die Auswirkungen der Erhöhung und Perspektiven der Musikstadt Hamburg.
Abendblatt:
Die Symphoniker sollen schrittweise zu einem "A-Orchester" werden - was bedeutet das konkret?
Daniel Kühnel:
Der Unterschied zwischen B und A ist an sich keine Qualitätsangabe, sondern eine Einstufung im Tarifvertrag. Allerdings wirkt sich diese Einstufung unmittelbar auf die Qualität aus, denn es streben die besten Musiker natürlich eher dorthin, wo die Bezahlung besser ist. Es geht also letztlich um Sicherung von Qualität und Konkurrenzfähigkeit der Orchesterlandschaft in Hamburg. Allerdings ist mit dem A die Endstufe nicht erreicht; bei vielen großen Orchestern sind übertarifliche Verträge die Regel.
Abendblatt:
Ihre Subventionen wurden nun kräftig erhöht ...
Kühnel:
Wir erhalten seit Jahren eine Zuwendung von knapp 3 Millionen Euro - im Vergleich sehr wenig. Avisiert ist daher eine Verdopplung auf sechs Millionen, es war klar, dass das nicht in einem Ruck passieren wird. Ein erster Schritt ist die Erhebung auf 4,5 Millionen, was zeigt, dass unsere Arbeit gewürdigt wird. Den A-Status haben wir damit allerdings noch nicht; das würde auch eine Anhebung der Planstellenzahl von heute 67 und auf mittelfristig 85 bedeuten. Es stimmt, dass wir es mit einem im besten Sinne singulären Fall zu tun haben - mir ist keine andere Stadt bekannt, in der es in der Orchesterlandschaft prozentuell betrachtet so eine Erhöhung gegeben hätte.
Abendblatt:
Wie kommt das?
Kühnel:
Wir haben versucht, so gut zu sein, wie wir behandelt werden wollen. Das zahlt sich jetzt aus. Mit der Erhöhung der Subventionen können wir einen wesentlichen Bereich der Musikstadt Hamburg betreuen: Eine Hauptaufgabe der Symphoniker ist es, neben der künstlerischen Exzellenz auch für die Basisarbeit zu sorgen. Das heißt, eine Verstärkung der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Musikvermittlung - wobei wir hier bereits die Richtung gewiesen haben, zum Beispiel mit den Kleinstkinderkonzerten oder den erfolgreichen "Close up"-Veranstaltungen.
Abendblatt:
Es muss auch einen dezidierten politischen Willen gegeben haben, oder?
Kühnel:
Sicher, die Zuwendungserhöhung wäre ohne den politischen Rahmen, ohne das Vorhaben, Musikmetropole zu werden, wohl nicht denkbar. Da sind wir von der Kultursenatorin und den Regierungsfraktionen der Bürgerschaft sehr unterstützt worden. Das Unternehmen Elbphilharmonie hat nur Sinn, wenn es dazu beiträgt, dass die lokale Kulturszene eine hohe Strahlkraft entwickelt - nicht nur nach Lübeck und Hannover. Weltweit.
Abendblatt:
Wie lässt sich so eine Strahlkraft dauerhaft installieren?
Kühnel:
Ein Bauwerk alleine reicht dafür sicher nicht. Wenn es ausschließlich um schöne Architektur und eine gute Akustik ginge, könnte es sein, dass die Arabischen Emirate uns irgendwann den Rang ablaufen - finanzielle Grenzen gibt es da nicht. Was diese Orte aber nicht schaffen werden, ist, eine lebendige, eigenständig gewachsene Musikszene zu etablieren. Dazu gehört es zwar auch, dass die berühmtesten Orchester der Welt hier zu Gast sind. Aber sie sollten sich mit etwas messen können, was hier ist. Dafür braucht es eine starke lokale Musikszene. Und dazu gehören in Hamburg vor allem die Chöre und die Orchester, die ja als Kompetenzzentren für Musik verstanden werden können.
Abendblatt:
Was verbinden Sie mit dem Anspruch einer "Musikstadt"?
Kühnel:
Eine Musikstadt ist nicht einfach nur eine Stadt, in der mehr Musik stattfindet, sondern eine Stadt, in der Musik eine elementare Rolle spielt und auf ein breites Interesse stößt. Ich glaube darüber hinaus fest daran, dass eine Musikstadt ein qualifiziertes Verhältnis zu Zeitfragen haben muss - denn Musik ist nichts anderes als die hohe Kunst der Zeiteinteilung, das Bewusstsein dafür, was war, woher man kommt, welche Rolle die Gegenwart hat und welche Erwartung man an die Zukunft haben kann. Es ist eine Frage der Perspektive.
Abendblatt:
Wo sehen Sie noch Nachholbedarf auf dem Weg zur Musikmetropole?
Kühnel:
Das entscheidende Ziel für mich ist eine allgemeine Musikalisierung der Stadt. Dazu bedarf es nicht nur vieler Vermittlungsprojekte, sondern auch eines grundlegenden Umdenkens - man muss in die formende Kraft von Kunst und Musik vertrauen lernen! Diesen Vorgang politisch zu erlauben und mit Freude zu begleiten ist ein Bereich, in dem Hamburg Entwicklung vertragen kann.





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