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Kultur & Live

Belcanto-Gala: Lucia Aliberti sang in der Laeiszhalle

Gänsehaut, jetzt gleich!

"O patrizi, tremate" - "Erzittert, oh Patrizier": Wenn eine Primadonna wie Lucia Aliberti die Hansestadt Hamburg heimsucht, diese furiose Verdi-Arie...

Hamburg. "O patrizi, tremate" - "Erzittert, oh Patrizier": Wenn eine Primadonna wie Lucia Aliberti die Hansestadt Hamburg heimsucht, diese furiose Verdi-Arie auf den Lippen, dann darf das direkt als ein Versprechen aufgefasst werden. Gänsehaut bitte, jetzt gleich! Tatsächlich gelang der sizilianischen Diva in der Laeiszhalle, die hohen Erwartungen sogar noch zu übertreffen. Angetan mit einem seidigen Traum in Violett und Rose, riss sie die zahlreich erschienenen Zuhörer von Beginn an zu großem Jubel hin.

Das Konzert bot einen reizvollen Querschnitt durch das Stimmfach der Koloratursopranistin. Paradepartien wie Bellinis "La Sonnambula" oder Donizettis "Maria Stuart" erklangen im ersten Teil, Auszügen aus ihrem aktuellen Verdi-Album im zweiten. Gerade dessen frühe, recht unbekannte Opern wie "Attila" oder "Aroldo" erwiesen sich als ergiebige Steinbrüche bei ihrer Suche nach Belcanto-Edelsteinen.

Für die stimmliche Fassung der Preziosen kann man sich kaum eine passendere Interpretin vorstellen. Stets besticht die Aliberti durch Stimmschönheit und Gestaltung. Koloraturen sind bei ihr niemals nur schmückendes Beiwerk, sondern selbst in höchster Lage präzise gesetzt und bewusst phrasiert.

Wie glockenhelles Lachen erklingen Triller, Spitzentöne erreicht sie mühelos, gleich ob im volltönenden Forte oder delikaten Pianissimo. Nur in tiefer Lage legt sich bei starkem Forcieren ein merkwürdiger metallischer Schatten über ihre Stimme, die sonst geschmeidig und niemals schneidend die Laeiszhalle erfüllt. Variabilität in Dynamik und Ausdruck sind erstaunlich, mal haucht sie dem Liebsten ein "Addio" hinterher, mal ruft sie zum Kampf. Als Mina in Verdis "Aroldo" überrascht sie gar mit abgründig-tonlosem Parlando.

Soweit es der enge Rahmen der konzertanten Aufführung zulässt, untermalt Aliberti ihre Vokalpartien gestisch. Oft legt sie konzentriert die Stirn in Falten, markiert Sforzati mit kessem Hüftschwung und wirft bei Tonabschlüssen den Kopf seitlich in den Nacken, als wollte sie Russell Harris über ihre linke Schulter hinweg vom Dirigentenpult singen. Der steigt dann lieber freiwillig ab - zum Applaudieren.

Ohnehin ist seine Philharmonie Südwestfalen zum musikalischen Türenaufhalter degradiert, eine Rolle, die man mit prächtiger Klangentfaltung und bewundernswerter Flexibilität ausfüllt. Harris und seine Musiker erspüren jedes noch so spontane Rallentando der Diva und reagieren entsprechend sensibel. Die Chance, in den Orchesterstücken ungebremst italienisches anstatt westfälisches Temperament zu zeigen, wird allerdings vergeigt. Die Streicher haben mit dem Intermezzo aus Puccinis "Manon" oder dem durchbrochenen Begleitwerk der Mina-Szene hörbar zu kämpfen.

Ebenfalls etwas unglücklich gerät die Abfolge der Stücke. Mascagnis "Ave Maria" - ein dem "Cavalleria Rusticana"-Intermezzo aufgepfropftes Gebet - ist nicht nur Kitsch hoch zwei. Als Auftrittsstück zum Warmsingen eignet es sich mit seinen heiklen Sprüngen und zäh zerdehnten Phrasen hörbar nicht. Unklar auch, warum im zweiten Teil des Abends die Arien stets vor den dazugehörigen Ouvertüren erklingen. So weit dürfte man den Verdi-Raritäten bei allem Potpourri-Überschwang dann doch entgegenkommen. Was soll's; spätestens als die Aliberti in der vierten Zugabe zu "Traviata"-Walzerklängen durchs Orchester tänzelt, ist die Belcanto-Welt in Ordnung.

 

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