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Kultur & Live

Judith Rakers: Sie präsentiert seit einem Jahr die 20-Uhr-Ausgabe der "Tagesschau"

"Über Schönheit zu reden langweilt mich"

Sie ist mehr als nur die "Tagesschöne": Judith Rakers ist diszipliniert, nett - und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Judith Rakers ist in Paderborn geboren und lebt in Othmarschen. Im August 2005 begann sie bei den Nachtausgaben der "Tagesschau".
Foto: DPA

Hamburg. Was eine bestimmte Uhrzeit für eine Karriere bedeuten kann, ließ sich vor genau einem Jahr beobachten: Judith Rakers sagte einen Satz, den sie schon viele Hundert Male zuvor gesagt hatte; einen Satz, der einem eigentlich nur noch auf der Bühne begegnet, in der Lautsprecherdurchsage der Deutschen Bahn oder eben im Fernsehen: Guten Abend, meine Damen und Herren. Weil sie ihn aber um punkt 20 Uhr sagte, in der Hauptausgabe der ARD-"Tagesschau", der mit zehn Millionen Zuschauern erfolgreichsten deutschen Nachrichtensendung, verursachte der Satz, besser gesagt: die Frau, aus deren Mund er kam, einigen Wirbel in den Medien. Viel wurde da geschwärmt und tief in die Superlativkiste gegriffen. Die schönste News-Lady. Der blonde Engel. Die bildhübsche Nachrichtensprecherin. Solche Sachen.

Die Etiketten sind nicht mal falsch - und vergessen trotzdem das Wesentliche: Judith Rakers wäre nicht da, wo sie jetzt ist, nämlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, wenn sie nicht auch eine ganze Menge richtig gemacht hätte in den vergangenen 14 Jahren. So lange arbeitet sie schon als Journalistin; sechs Jahre beim Hörfunk, sechs Jahre beim Fernsehen liegen hinter der 33-Jährigen. Man hat sie nicht aus dem Hut gezaubert, hinein ins "Tagesschau"-Studio, weil sie zufällig blond ist und ein Grübchen auf der linken Wange hat, wenn sie lächelt. Sie war in den entscheidenden Momenten wohl das entscheidende Bisschen besser als der Rest.

Ein Glück für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dass sie nicht auf ihren Vater gehört hat, damals, als es um ihre Berufswahl ging. Bei ihm ist Judith Rakers aufgewachsen, in Bad Lippspringe bei Paderborn, nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Dafür gab es komische Blicke von den Mitschülern, "aber wir waren ein gutes Team und sind es immer noch", sagt sie. Ihr Vater jedenfalls hätte es gern gesehen, wenn die Tochter Lehrerin geworden wäre, "aber ich wollte keinen Job ergreifen, bei dem schon feststeht, wo er mich hinführt", sagt Rakers. Sie redet mit warmer Stimme; beugt sich zwischendurch nach vorne, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, und man denkt nach dem Gespräch: Aus Judith Rakers wäre bestimmt eine prima Lehrerin geworden.

Stattdessen ist sie jetzt eine öffentliche Figur, ein Sendergesicht - und sie muss damit leben, dass jede Veränderung, auch jeder Versprecher, nicht nur wahrgenommen, sondern in Publikum und in den Medien diskutiert wird - der tödliche Unfall ihres damaligen Freundes ebenso wie ihre bevorstehende Hochzeit am 6. Juni. Judith Rakers hat sich damit arrangiert; die Öffentlichkeit ist nicht ihr Feind, sondern Bestandteil ihres Jobs. "Ich kann verstehen, dass der Zuschauer wissen möchte: Was ist das für eine Person, die ich in mein Wohnzimmer lasse", sagt sie. Rakers spricht oft von "dem Zuschauer": sie will den Zuschauer einbeziehen, ihn mitnehmen in ihren Moderationen. Das sind unsere Zuschauer, sagt sie und schwenkt den Arm entlang einer Regalwand, in der sich Fanpost stapelt. Die Menschen schicken ihr selbst gemalte Bilder, Glückwunschkarten oder ein Nutellaglas, weil sie in einem Interview erzählt hat, dass sie den Brotaufstrich gerne pur aus dem Glas löffelt. Rakers' Kollege Alexander Bommes, mit dem sie im Wechsel das "Hamburg Journal" moderiert, sammelt, nur zum Vergleich, in seiner Regalhälfte leere Pfandflaschen.

Wenn man mit Judith Rakers verabredet ist, ruft sie zehn Minuten vorher beim Pförtner an - nur für den Fall, dass man schon da ist und wartet. Teewasser hat sie schon aufgesetzt. "Finden Sie allein raus?", fragt sie nach dem Gespräch - und wenn man jetzt zögern würde, würde sie einen vermutlich bis zur Bushaltestelle begleiten, obwohl sie in einer halben Stunde vor der Kamera stehen muss. Unvorstellbar, dass sie einmal nicht vorbereitet ist. Sie sei "superdiszipliniert im Job", sagt sie - aber wer Perfektionismus für überwertet hält, ist als Nachrichtensprecherin wohl ohnehin fehl am Platze.

Rakers' Fehler kann niemand mehr korrigieren; wenn ihr etwas misslingt, sehen Millionen von Menschen dabei zu. Das ist die Krux am Sprecherjob, sagt sie. Sie hat schon erlebt, dass im Studio das Licht ausfällt und dass der Teleprompter rückwärts läuft, so dass sie erst unters Stehpult krabbeln musste, um das eingeklemmte Knöpfchen zu drücken; sie hat schon erlebt, dass die Redaktionsassistentin ins Studio rauschte und ihr Papiere reichte - alles, während sie auf Sendung war. In solchen Momenten hilft nur: "Bloß nicht den Kopf verlieren!"

Die Sendungen mit Judith laufen immer sehr professionell ab, sagt "Tagesthemen"-Moderator Tom Buhrow über seine Kollegin: "Sie ist das, was die Amerikaner einen 'life long learner' nennen." Ein Ausdruck, der gut zu Judith Rakers passt, die oft über ihre "Weiterentwicklung" redet. Die betont, dass sie sich "ausprobieren" konnte in ihrem Beruf - immer auf der Suche nach der nächsten Herausforderung. Und immer mit dem Wissen, dass sich die größten Chancen im Leben ohnehin nicht planen lassen. Wie etwa der Anruf von "Tagesschau"-Chefsprecher Jan Hofer im Februar 2008 mit dem Angebot, die 20-Uhr-Ausgabe zu präsentieren. Der richtige Anruf zur richtigen Zeit.

Man könnte nun annehmen, diese Beförderung habe ihr Leben gründlich verändert, aber das stimmt nur ein bisschen. In Wahrheit ist vor allem die Arbeit mehr geworden: "Tagesschau" und "Hamburg Journal" parallel, Frühdienste und Nachtschichten im Wechsel, zunehmend mehr Pressearbeit, die neuerdings eine Agentur für sie erledigt; außerdem zwei Kolleginnen im Babyurlaub und eine Hochzeit, die geplant werden will. Tour de force. Und wenig Zeit fürs Privatleben: "Wenn ich keine Freunde hätte und müsste jetzt welche finden, es wäre aussichtslos", sagt sie.

Selbst wenn Rakers müde ist, weil sie um halb vier Uhr morgens aufgestanden ist: Sie wirkt supergesund. Zur Verabredung im Cafe erscheint sie ungeschminkt. Sie sieht in Wahrheit viel weniger barbiepuppenhaft aus als auf ihren Autogrammkarten; sie ist freundlich, ohne Allüren, als Mensch und Moderatorin. Bei ihren Kollegen, vom Maskenbilder bis zum Chefredakteur, ist sie "die Judith". Und all das, ohne gefallsüchtig zu sein. Rakers weiß, dass es Menschen gibt, die ihr den Erfolg nicht gönnen - na und? Sie ist nicht everybody's darling. Sie sagt, was sie will und vor allem: was sie nicht will. Mit Journalisten über das Thema Schönheit reden, zum Beispiel, was so häufig gewünscht wird. Sich öffentlich äußern nach ihrem Online-Wahlsieg zur "hübschesten Nachrichtensprecherin". Oberflächliches wie Aussehen hat sie nie sonderlich interessiert.

Judith Rakers, die Moderatorin, ist von einer bemerkenswerten Ruhe. Das ist zum einen auffällig, weil ein Nachrichtenstudio ein Ort ist, an dem man reflexartig Schweißausbrüche und Herzrasen bekommt. Aus Ehrfurcht. Zum anderen ist es bemerkenswert, weil Rakers sagt, sie sei "furchtbar selbstkritisch", schon immer gewesen. Während der Schulzeit hat sie mit ihrem Vater gerätselt, warum sie sich Fehler so zu Herzen nimmt. Heute fragt sie sich, "warum Kollegen, wenn sie Mist bauen, pfeifend aus dem Studio gehen und ich mich so dermaßen über mich selbst ärgere."

Vielleicht auch ein Grund, weshalb sie nichts dem Zufall überlässt: Sie läuft zur Chefin vom Dienst, wenn sie Fragen zu einer Agenturmeldung hat; sie prüft den Namen des sudanesischen Präsidenten in der Aussprachendatenbank und spricht ihn laut vor sich hin, konzentriert, während um sie herum im Großraumbüro telefoniert, gerufen, getrampelt wird. Eine halbe Stunde, bevor sie auf Sendung geht, hat Judith Rakers das, was sie "den Tunnelblick" nennt. Dann gibt es nur noch die Handvoll Seiten mit den wichtigsten Nachrichten des Tages. Sie hat die Brille gegen Kontaktlinsen getauscht, die Strickjacke gegen einen dunkelroten Blazer. Der Maskenbildner hat sie 20 Minuten lang geschminkt und ihre Haare toupiert, und sie sieht jetzt aus wie Judith Rakers mit zu viel Schminke im Gesicht. Im Fernsehen wird sie später genau richtig herüberkommen, nämlich so, dass man sie gerne ansieht, ohne ihr allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Sie soll den Beiträgen nicht die Show stehlen, sondern sie einrahmen. Man könnte sagen: Judith Rakers ist der Rahmen, ohne den das Bild von der Wand fallen würde. Die Uhrzeit ist dabei ausnahmsweise mal egal.

 

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