Schleswig-Holstein Musik Festival
Jubiläum mit Protestnoten: Musiker kritisieren Sparpläne
Zum Geburtstag des SHMF gab es erstklassige Darbietungen - und heftige Misstöne gegen die Sparpläne der Landesregierung.
"Save Salzau" steht auf den T-Shirts. Damit protestieren die Musiker des Schleswig-Holstein Musik Festivals gegen die Sparpläne der Landesregierung.
Foto: Martin Brinckmann
Kiel. Eigentlich sollte es ein harmonisches Jubiläumskonzert zum 25. Geburtstag des Schleswig-Holstein Musik Festivals werden; die Kieler Sparkassen-Arena war am Sonntagabend mit 6000 Zuhörern fast ausverkauft. Kurz zuvor hatte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) mehrere Festival-Unterstützer der ersten Stunde mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnet - unter ihnen Christoph Eschenbach und Justus Frantz. Doch dann wurde zwischen vielen erstklassigen Darbietungen selbst auf der Bühne sicht- und hörbar, wie gespannt das Verhältnis zwischen Festival und dem unter erheblichem Spardruck stehenden Carstensen derzeit ist.
Orchester, Chor und etliche Solisten des Jubiläumskonzerts wie Bobby McFerrin, Martin Grubinger und Ulrike Payer hatten sich in Sorge um ihre Arbeitsstätte Gut Salzau, die vom Land geschlossen und verkauft werden soll, eine einstimmige Protestaktion einfallen lassen. Kurz vor der ersten Pause traten alle mit T-Shirts auf, die auf der Brust groß die Forderung "Save Salzau" trugen. Nur Dirigent Christoph Eschenbach kam mit einer schwarzen Sonderanfertigung: Er trug den Protest in großen Lettern auf dem Rücken, den er bei seiner Arbeit ja dem Publikum zuwendet. Großer Beifall und breite Zustimmung für das Anliegen der Musiker, 500 Zuhörer kauften ein Protest-Shirt.
Da lagen bei Carstensen die Nerven bereits blank; in der ersten Pause des Sechseinhalb-Stunden-Programms offenbarte er, sichtbar genervt, ein eigenartiges Verständnis von Meinungsfreiheit und demokratischem Protest. Am Getränkestand im VIP-Bereich sprach er eine neben ihm wartende Frau mit "Save Salzau"-T-Shirt an: "Sind Sie nicht auch Mitarbeiterin des Festivals? Warum tragen Sie dann dieses T-Shirt?" Und weiter: "Das müssten wir Ihnen eigentlich von Ihrem Geld nehmen." Eine unorthodoxe Idee, denn Arbeitgeber der Mitarbeiterin ist nicht der Ministerpräsident, sondern die Festival-Stiftung.
Dann ließ er sie stehen. Später kam Carstensen noch einmal auf die immer noch perplexe Frau zu und sagte: "Entschuldigen Sie bitte, was ich eben gesagt habe. Ich find das aber trotzdem nicht in Ordnung." Und fragte gleich auch noch den hinzugeeilten Intendanten: "Wieso erlauben Sie Ihrer Mitarbeiterin, so etwas zu tragen?"
Genervt ist man aber auch beim Festival - über die Beiträge des Landes Schleswig-Holstein. Intendant Rolf Beck listet auf: Die Festival-Rücklagen in Höhe von 1,1 Millionen Euro wurden vom Land kassiert; der Zuschuss zum Festival-Etat wird in den kommenden beiden Jahren um 500 000 Euro gekürzt, der Landeszuschuss zur JazzBaltica auf Gut Salzau über 150 000 Euro ganz gestrichen. Das Gut selbst, derzeit noch Landeskulturzentrum und seit den Gründerzeiten unter Leonard Bernstein und Justus Frantz jeden Sommer Sitz der Orchesterakademie mit 120 jungen Musikern aus aller Welt, soll verkauft werden; die Bindung an kulturelle Zwecke wird aufgehoben.
Zwar signalisierte Beck in einem Bühnen-Talk Verständnis für die Finanznöte des Landes und freute sich über das Angebot von Carstensen, über die Zukunft von Salzau mit dem Festival noch reden zu wollen. Im kleinen Kreis registrierte er aber verstimmt: "Geburtstagsgeschenke sehen anders aus."
+++ Dokumentiert: "Lassen Sie Salzau nicht kaputtgehen" +++
Unabhängig von diesen Auseinandersetzungen geriet das Superkonzert zu einer großartigen Demonstration dessen, was das Festival leistet - auch als Werbeträger für das Land, in dem es angesiedelt ist.
In drei Blöcken spielte Eschenbach mit Frantz Mozarts Es-Dur-Doppelkonzert mit Glasperlenspiel-hingetupften Klavierpartien. Trompeter Michail Nakariakov zeigte, dass ein Flügelhorn locker ein Cello ersetzen kann - in Tschaikowskys Rokoko-Variationen. Martin Grubinger als Springteufel und Percussion-Derwisch verzauberte das Publikum in Avner Dormans Komposition "Frozen in Time" - und sagte als Künstler noch mal im Klartext, wie wichtig das Festival für das Land ist.
Midori interpretierte Tschaikowskys Violinkonzert feinnervig und mit höchster Virtuosität, Bobby McFerrin brillierte neben der Chinesin Yina Tong als vokaler Widerpart zu deren Cello. Alles wohlgemerkt komplett - die Anhänger der Initiative "Das ganze Werk" hätten ihre Freude gehabt. Dazu gab's noch "Römischen Karneval" von Berlioz und Beethovens dröge Fantasie für Klavier, Chor und Orchester. Bariton Matthias Goerne küsste in "Wotans Abschied" eine nicht vorhandene Brünnhilde in den Feuerschlaf, und Bobby McFerrin sang Faurés "Pavane", nachdem er bei Bach/Busonis "Ave Maria" das Publikum zum verträumten Mitsummen animiert hatte. Mit Leonard Bernsteins "Sinfonische Tänze" aus der "West Side Story" setzten Festival-Orchester und Christoph Eschenbach noch einen Knaller zum Abschluss unter ihre gewaltige Leistung.
Man kann nur wünschen, dass die Landesregierung und ihr Vorsteher ein Einsehen haben - so wie das Gewitter, das im letzten Konzertdrittel kräftig donnerte, die Zuhörer aber doch trockenen Fußes nach Hause gehen ließ.
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