Fußkasten: Benimm-Kurse - ein Boom in unruhigen Zeiten
Kniggen Sie auch vor der Krise ein?
Benehmen war lange Zeit Glückssache. Welche Vorbilder sollten wir auch haben, wenn testosterongesteuerte Alphamännchen in Polit-Talkshows ihren Gastgebern über den Mund fuhren? Unanständig, schien es, war immer nur das Benehmen der anderen...
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Benehmen war lange Zeit Glückssache. Welche Vorbilder sollten wir auch haben, wenn testosterongesteuerte Alphamännchen in Polit-Talkshows ihren Gastgebern über den Mund fuhren? Unanständig, schien es, war immer nur das Benehmen der anderen. Das soll sich, glaubt man der Deutschen Knigge-Akademie, geändert haben. Plötzlich wird der Dame wieder in den Mantel geholfen, Senioren in der U-Bahn wieder ein Platz angeboten.
"In Zeiten der Krise", sagt Ober-Kniggologe Hans-Michael Klein, lege die Nation wieder Wert auf gutes Benehmen. Benimm-Kurse sind gefragt wie lange nicht, es werden schon Wartelisten geführt. Grundregeln werden in vielen Lebensbereichen eingefordert - es gibt den Telefon-Knigge, Mieter-Knigge, Schüler-Knigge und sogar einen Knigge für Bundesligaprofis.
Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge - immerhin mit deutlich weniger Vornamen belastet als der aktuelle Wirtschaftsminister - schrieb sein Standardwerk "Über den Umgang mit Menschen" zwischen 1788 und 1790, also in der Zeit der Französischen Revolution. Auch jetzt leben wir in unruhigen Zeiten, die den Menschen vielleicht nicht ans Haupt, aber doch an den Geldbeutel gehen.
Sind Sie auf dem Laufenden? Knigges Erben legten bei ihrer jüngsten Tagung fest, dass man niesenden Menschen endlich wieder das mitfühlende "Gesundheit" entgegenwerfen und bei Tisch locker "guten Appetit" wünschen darf. Im Grunde gilt, was der olle Knigge schon vor 220 Jahren sagte: "Sei ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig. Rede nicht zu viel. Und nie von Dingen, wovon du nichts weißt." Gut, dass er unsere Politiker nicht kannte. Was der Freiherr von E-Mails gehalten hätte, wissen wir nicht. Seine Erben jedenfalls bezeichnen die Flut der Kürzel und Symbole im virtuellen Briefverkehr als eine Unsitte: "Lasst diese blöden Smileys weg!"
Ein Spruch Knigges wäre übrigens ein perfekter Ratgeber in der Finanzkrise: "Es ist besser, das Alte mit Stumpf und Stiel auszurotten, als ewig zu flicken und nie ein vollkommenes Ganzes zustande zu bringen."





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