Todestag
Heinrich Böll, der gefährdete Klassiker
Heute vor 25 Jahren starb der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein Mahner und Moralist, der nicht mehr populär ist, dessen Lektüre jedoch lohnt.
Schriftsteller Heinrich Böll (r) zusammen mit seinem Kollegen Günter Grass (l) am 1. Februar 1973 im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt.
Foto: picture-alliance / dpa/dpa
Hamburg. Wäre man böse, man könnte sagen: Durch den Einsturz des Kölner Heinrich-Böll-Archivs musste manch einer erst wieder daran erinnert werden, dass es tief versteckt in der deutschsprachigen Literaturgeschichte einen Schriftsteller namens Heinrich Böll gibt. Dem verlieh man immerhin den Nobelpreis für Literatur. 1972 war das, in einem anderen Universum. Damals galt die Maxime "Willy wählen!" Es gab einen Eisernen Vorhang und jede Menge linker Gruppen allüberall. In Deutschland formierte sich die RAF. In Vietnam war Krieg, Heinrich Böll der wichtigste Schriftsteller der Republik. Ein Mann mit Moral. Heute vor 25 Jahren ist er gestorben, und bald kennt ihn vielleicht keiner mehr.
Bölls Bedeutung ist zerbröselt im Mahlstrom der Zeit. Zeitgeschichte ist schnell, nun ja, Geschichte, und wenn nicht manch einem im Deutsch-Leistungskursus - Thema: die Nachkriegszeit - "Ansichten eines Clowns" oder "Billard um halb zehn" vorgeknallt werden würde, Böll hätte vielleicht bald keine Leser mehr. Der KiWi-Verlag schließt demnächst die prächtige 27-bändige Werkausgabe des, nennen wir es so, gefährdeten Klassikers ab. Es ist heute übrigens, wenn die Sprache denn einmal auf Böll kommt, gar nicht von dessen Büchern die Rede. Sondern vielmehr von seinem Engagement, seiner Funktion als politische Stimme. Dies wirkt heute wie aus der Zeit gefallen, weshalb der Moralapostel Böll von den meisten durchaus nicht vermisst wird: Wir haben ja noch Grass.
Böll, 1917 in Köln geboren, war Soldat im Zweiten Weltkrieg und danach in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Als der, der er war, war er so nur vor 40, 50 Jahren möglich, als Bücher gesellschaftliche Ereignisse waren und Schriftsteller viel gehörte Mahner. Böll war einer, der ein Wirklichkeitsbild der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit zeichnete und sich unbequem gerierte. "Billard um halb zehn", wie Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob" und Günter Grass' "Die Blechtrommel" im wichtigen Literaturjahr 1959 erschienen, fing die verhängnisvolle Geschichte der Deutschen vom wilhelminischen Reich bis in die Zeit der frühen Bundesrepublik ein, als das Land gesundete. Böll, den bekennenden Katholiken und Gegner des Nationalsozialismus, interessierte der Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft und ihre langsame Konsolidierung. Die medienkritische Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" ist bis heute mehr als sechs Millionen Mal verkauft worden, Böll war ein Bestsellerautor, dessen Stücke auch regelmäßig verfilmt oder von der Bühne adaptiert wurden. Welcher Schriftsteller kann das heute noch von sich behaupten?
Stilistisch gehörte Böll nicht unbedingt zu den Großen seiner Zunft, er schrieb schlicht wie die so beliebten zeitgenössischen Amerikaner. Deswegen waren die Bücher des vielfach Preisgekrönten zugänglich (zugänglicher als die des Konkurrenten Grass). Vielleicht hat Böll manchmal genervt, auch im Nachgang, als er schon längst tot war: Da schrieb einer zunächst immer vom Krieg und dann von dem, was schlecht war und falsch in unserer Gesellschaft. Man freute sich im Deutsch-Leistungskursus jedenfalls mehr auf Schiller als auf Böll. Romane wie "Gruppenbild mit Dame" und "Billard um halb zehn" wirkten immer seltsam konstruiert und in ihrem Zugriff auf die Welt wie eine Versuchsanordnung. Wie lebt ein moralisches Wesen, ein integerer Mensch in einer wirtschaftlich prosperierenden Gesellschaft, deren verderbte Seite aus Wurzeln wächst, die nicht abgetrennt werden können? Wie Nazi-Land zur Bundesrepublik wurde, und wie es weiterlebte im Neuen: Das konnte man bei Böll gut nachlesen.
Böll verarbeitete die Geschichte der frühen und mittleren Bonner Republik zu seinen Stoffen. Er war selbst einer, der sich einmischte; er geriet in den Verdacht, ein RAF-Sympathisant zu sein. Heute berufen sich hin und wieder auch mal Konservative auf ihn, den kritischen Katholiken. "Schweigen ist ein Argument, das kaum zu widerlegen ist", hat Böll einmal gesagt. Dazu sei zweierlei vermerkt: Zum einen hat er, der selten schwieg und in seinen Texten Stellung bezog, modellhaft den engagierten Schriftsteller als "Gewissen der Nation" verkörpert. Zum anderen kann genau daran nichts Schlechtes sein. Ein wunderbarer Schriftsteller und herausragender Beobachter wie Rainald Goetz ("Klage", "Loslabern") ist eben nur das: ein Kommentator ohne Sendungsbewusstsein, ein Blogger ohne Zwang und Verbindlichkeit. So wie wir Kinder des Medienzeitalters, die wir richtig und falsch oft nicht mehr ohne Weiteres kennen. Vielleicht braucht das Land einen Leuchtturm wie Böll nicht mehr, und ganz sicher ist er gar nicht mehr möglich, dieser Mann, der aus einer Verpflichtung heraus schrieb.
Goetz nannte Grass und Böll mal "präsenile Chefpeinsäcke". Vor 30 Jahren war das provokativ, es forderte das intellektuelle Establishment heraus. Heute, wo man nicht mehr allenthalben auf die Ermahnungen der Dichter stößt, fehlen sie bisweilen.





Branchenbuch Hamburg
Trabrennbahn Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



