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Kultur & Live

Andrea Maria Schenkel: Für ihren Hamburger Verlag war sie ein Glücksfall

Erfolgsautorin geht die Luft aus

In dieser Woche erscheint der neue Roman "Bunker". Vermutlich wieder ein Bestseller. An der Qualität liegt's nicht.


Foto: DPA

Hamburg. Erfolg ist wie ein bunter Luftballon. Schön anzuschauen allemal, und hat man ihn gefangen, endlich, so will man ihn behalten wie das Flirrende und den Glanz, den er verspricht. Doch irgendwann entweicht ihm die Luft. Langsam zuerst. Man merkt es kaum.

Mit der Qualität verhält es sich ähnlich. Womit wir bei Andrea Maria Schenkel wären. Erfolg und Qualität paarten sich auf das Schönste in ihrem Kriminalromandebüt "Tannöd". Als das Buch im Februar 2006 erschien, nahmen es zunächst nur eine Handvoll Kritiker zur Kenntnis, wenngleich sehr positiv. Was dann, außerordentlich langsam, begann, war bis dato vielleicht singulär in der Geschichte des deutschen Buchmarkts: In einer Branche, in der die Halbwertszeit eines "normalen" Romans durchschnittlich sechs oder sieben Monate beträgt, kletterte Schenkels schmales, in der dunklen bayerischen Provinz verortetes Werk knapp ein Jahr nach seiner Veröffentlichung ans Licht der medialen Aufmerksamkeit - so kam "Tannöd" unter die Bestseller. Bis heute sind rund eine Million Exemplare verkauft, in 20 Sprachen ist das Buch übersetzt, zurzeit wird es mit Monica Bleibtreu in der Hauptrolle verfilmt. Und der so kleinen wie ambitionierten Edition Nautilus, in jenen erstaunlichen Tagen noch ansässig in einem schlichten Bürohaus in der Bergedorfer Fußgängerzone, bescherte es einen Geldsegen, der so unverhofft wie reichhaltig auf das silbergraue Haupthaar von Verleger Lutz Schulenburg niederging. Der nun ließ sich - als Altlinker die guten Ideale durchaus bewahrend - nicht lumpen: Bonuszahlungen waren für die Angestellten der Edition Nautilus bis dahin aufgrund der wirtschaftlichen Lage des Kleinverlags wahrlich nicht der monetäre Alltag.

Und heute? Die Edition Nautilus hat sich aus Bergedorf verabschiedet und sich in einer Villa in Bahrenfeld niedergelassen. Schenkel sei Dank, die Zweite. Erfolg und Qualität trugen Früchte, auch das kein klassisches Modell in der Literaturbranche.

Mittlerweile war "Kalteis" erschienen, der zweite Roman von Andrea Maria Schenkel, die, Jahrgang 1962, in der Nähe von Regensburg als Ehefrau eines Arztes lebt, der anfangs gar nicht so recht einverstanden war mit den literarischen Ambitionen seiner Frau. So sind Männer halt, manchmal. Heute mag der wackere Mann es durchaus anders sehen, denn auch "Kalteis" entwickelte sich zu einem respektablen Erfolg. Gut 260 000 Bücher sind bislang verkauft worden. Davon träumen die meisten deutschen Krimiautoren.

Nun erscheint der dritte Schenkel-Roman, im Titel so schlicht wie die Vorgänger: "Bunker". Diesmal greift Schenkel auf keinen historisch belegten Stoff zurück - ihre Geschichte einer rätselhaften Entführung ist rein fiktiv. Weshalb sie ja nicht schlechter sein muss, eigentlich.

Gleichwohl ist in dem neuen Roman ein qualitativer Abstieg zu erkennen. In dem von ihr bekannten lakonischen Ton erzählt die Autorin die Geschichte Mann entführt Frau - warum, bleibt vorläufig im Dunkeln. Die Frau, Angestellte einer Autovermietung, wird eines Nachts von einem Mann überfallen. Er verschleppt sie zu einer alten Mühle, die tief in einem Wald liegt und auch einen Bunker beherbergt. Dort hält er sie gefangen, was Schenkel aus wechselnder Perspektive erzählt, mal schlüpft sie in die Rolle des Mannes, mal in die der Frau.

Der Wechsel der Erzählperspektive, der die Eindeutigkeit der Täter- und Opferrolle offenbar relativieren soll, schürt jedoch nicht die gewiss von der Autorin intendierte Spannung. Die Tragik der Geschichte liegt letztlich darin, dass die eigentliche traumatische Erfahrung des Entführungsopfers mit der Tat seines Entführers in keinerlei Zusammenhang steht - die tatsächliche Dramatik also letztlich projektiv bleibt. Ein Kunstgriff, der Künstlichkeit atmet und wenig Leben.

So bleibt der bunte Ballon von einst, dem allmählich die Luft zu entweichen scheint, denn nach dem faszinierenden "Tannöd" und dem geglückten Nachfolger "Kalteis" wirkt Schenkels "Bunker" wie ein zwar durchaus gut zu lesender, gleichwohl bemühter Griff mitten hinein ins Herz des kriminalliterarischen Erzählens. Die Hand, die sie wieder hinauszieht, umfasst nicht allzu viel. So scheint die Autorin angekommen zu sein im Mainstream des Genres. Doch warten wir den nächsten Roman ab. Es ist wieder viel Luft nach oben.


Andrea Maria Schenkel: Bunker. Edition Nautilus, 122 Seiten, 12,90 Euro.

Der Roman erscheint am 28.2., die Autorin liest am 17.3. im Rolf-Liebermann-Studio, Oberstraße 120.

 

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