Berlinale: Goldener Bär für einen Exoten - einen Film aus Peru
Das Festival der faszinierenden Frauen
2009 wurden mehr Tickets als je zuvor verkauft. Mit Birgit Minichmayr gewann wieder eine deutschsprachige Schauspielerin den Preis als beste Darstellerin.
Berlin. Eigentlich hätte Birgit Minichmayr mit dem Silbernen Bären rechnen müssen - zumindest, wenn sie der Statistik der letzten Jahre getraut hätte: Zum vierten Mal in Folge gewann eine deutschsprachige Schauspielerin den Berlinale-Preis als beste Hauptdarstellerin; nach Julia Jentsch ("Sophie Scholl"), Sandra Hüller ("Requiem") und Nina Hoss ("Yella") wurde am Sonnabend Minichmayr für ihre Darstellung in Maren Ades feinsinnigem Beziehungsdrama "Alle Anderen" ausgezeichnet. Auf den A-Filmfestivals Cannes und Venedig gibt es Preise für deutsche Schauspieler nur in Ausnahmefällen; auf der Berlinale haben sie anscheinend Heimvorteil - nicht in dem Sinne, als dass man dem Gastgeberland ein Geschenk bereiten wollte, sondern als gerechtfertigte Würdigung für grandios verkörperte unbequeme, kompromisslose Frauenfiguren.
Überhaupt war die diesjährige Berlinale ein Festival der Frauen, die den roten Teppich (Michelle Pfeiffer, Renee Zellweger, Julie Delpy, um nur drei von Dutzenden zu nennen) ebenso dominierten wie die Leinwand. "Jeden Morgen hielt das Kino neue Frauen für uns bereit - und jedes Mal hat man sich gefreut, wenn wieder eine von ihnen einen Mann fertiggemacht hat", sagte Jury-Mitglied Christoph Schlingensief. Treffender lässt sich das Spiel von Birgit Minichmayr wohl nicht beschreiben, die als Gitti ihren Freund Chris (Lars Eidinger) mit allen Mitteln aus seiner Indifferenz und Unverbindlichkeit aufzurütteln versucht - und ihn, je weiter der Film fortschreitet, immer blasser aussehen lässt.
Es ist der erste Filmpreis für die 31-jährige Österreicherin, die am Wiener Burgtheater und der Berliner Volksbühne spielt - und so überrascht und gerührt wie Minichmayr mit ihrer Bären-Trophäe auf der Bühne stand und sich mit heiserer Stimme bei ihrer Regisseurin für die gemeinsame Drehzeit bedankte ("Ich liebe dich so!"), war man sich sicher: Gehofft hat sie vielleicht, mit dem Silbernen Bären gerechnet hat sie nicht.
"Ein bisschen Hässlichkeit ist immer gut - irgendetwas, das einen wachhält" hatte Jurypräsidentin Tilda Swinton als Kriterium für die Preisvergabe in diesem Jahr ausgegeben - und in diesem Sinne muss wohl auch der Hauptpreis für den peruanischen Beitrag "La Teta Asustada (Milk of sorrow)" verstanden werden. Die 32-jährige Claudia Llosa, eine Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa, umkreist in ihrem zweiten Spielfilm das kollektive Trauma Perus, die Spätfolgen des Terrors der Militärjunta - und wer immer noch den Fehler machte zu glauben, Kritikerspiegel könnten die tatsächlichen Chancen bei der Bärenvergabe abbilden, wunderte sich auch in diesem Jahr. Ganz so, wie es bereits bei "Tuyas Ehe", dem Familiendrama aus China vor zwei Jahren, oder im vergangenen Jahr bei dem brasilianischen Film "Tropa de Elite" der Fall war. Und was "U-Carmen eKhayelitsha - Carmen in Khayelitsha" betrifft, den südafrikanischen Beitrag, der 2005 den Goldenen Bären gewann - es soll heute noch Menschen geben, die steif und fest behaupten, der Film sei niemals im Wettbewerb gelaufen.
Aber es sind nicht die Preise, die über eine gelungene Berlinale entscheiden - genauso wenig wie die Tatsache, ob ein Film gut ist oder nicht, Einfluss hat auf die Qualität der anschließenden Party. Fest steht: Die Berliner haben 2009 wieder mehr Eintrittskarten für die Festivalfilme gekauft als je zuvor, nach Angaben der Festivalleitung rund 270 000 Tickets und damit rund 30 000 mehr als im Vorjahr.
Deutschland war mit einer Rekordanzahl von 98 Filmen (bei insgesamt 366) vertreten; bei jedem vierten Beitrag handelte es sich also um eine heimische Produktion.
Hans-Christian Schmid ging mit seinem viel gelobten Wettbewerbsbeitrag "Sturm" bei der Bären-Vergabe leider leer aus; an seiner Stell konnte Maren Ade mit "Alle Anderen" ein zweites Mal punkten: Sie gewann den großen Preis der Jury, der zu gleichem Teil an die Tragikomödie "Gigante" von Adrian Biniez aus Uruguay ging.
Und so gerührt wie Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr wirkte auch die junge Regisseurin, die sich mit den Worten bedankte: "Ich bin sehr glücklich - auch wenn ich vielleicht nicht so wirke." Geglaubt haben ihr trotzdem alle.



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