Die Magie des Augenblicks
Steve Winwood und Eric Clapton ließen in der O2 World die Ära der späten 60er-Jahre aufleben
Hamburg. Ein kurzes Gitarrenriff in d-Moll, abfallend - und zwei Oktaven hochspringend. Elektrisierend. Ja, das ist doch ... Dann die erste Textzeile: "I'm a voodoo chile ..." Richtig. Eric Clapton und Steve Winwood erweisen einem der großen Rockgitarristen die Ehre und spielen Jimi Hendrix' "Voodoo Chile". Die mehr als 15 Minuten lange Nummer wird zum Höhepunkt ihres Konzerts in der Hamburger O2 World. Jeder Gitarrist, der versucht, es mit Hendrix' Genialität aufzunehmen, läuft Gefahr zu scheitern. Fast jeder, Eric Clapton nicht. Er fühlt sich in diesen Blues ein und findet den richtigen Ton, ohne Hendrix zu kopieren. Am Ende der Nummer reißt es das Publikum in der ausverkauften Arena von den Sitzen, es applaudiert begeistert, weil es die Magie des Augenblicks gespürt hat.
Als Jimi Hendrix "Voodoo Chile" 1968 für sein Album "Electric Ladyland" aufnahm, gehörte Steve Winwood als Organist übrigens mit zu Hendrix' Studioband. Passend also, dass die Nummer im Programm dieser beiden Superstars auftaucht.
Vor 41 Jahren musizierten Eric Clapton und Steve Winwood gemeinsam bei Blind Faith. Das war die erste Super-Band der Rockmusik, zu der noch der Schlagzeuger Ginger Baker und der 1990 verstorbene Bassist Rick Grech gehörten. Doch das Quartett hielt es nur vier Monate miteinander aus, ein einziges Album existiert aus der Zeit, vier Songs daraus haben Clapton und Winwood im Repertoire. 2008 fanden sie nach vier Jahrzehnten im New Yorker Madison Square Garden wieder zusammen und absolvieren jetzt eine gemeinsame Europatournee.
Der zweistündige Auftritt ist eine Erinnerung an die späten 60er- und frühen 70er-Jahre, einer Ära, in der innerhalb kürzester Zeit in der noch jungen Rockmusik Meilenstein an Meilenstein gesetzt wurde. Clapton und Winwood waren damals mittendrin in diesen Zentren der Kreativität, der eine mit seinem Power-Rock-Trio Cream und später als Solist, der andere mit seiner versponnenen Popband Traffic.
In Hamburg schlendern sie lässig und selbstbewusst auf die Bühne, sie brauchen keine Pyrotechnik oder Konfettikanonen als "big bang". Sie hängen sich einfach die Gitarren um - und los geht's. Mit traumwandlerischer Sicherheit hauen sie einen Kracher nach dem anderen raus und nehmen das Publikum mit auf ihre Reise. Mit "Had To Cry Today" beginnt der Abend, es folgen "Low Down", "After Midnight", "Presence Of The Lord", "Glad" und die Buddy-Holly-Nummer "Well All Right", die Blind Faith damals gecovert hat. Aber auch J.J. Cales Anti-Drogen-Song "Cocaine", von Clapton 1977 zum Hit gemacht, seine unverwüstliche "Layla", diesmal als Akustik-Version, und Winwoods "Gimme Some Lovin'" gehören zum Repertoire des Abends.
Steve Winwood, inzwischen 62 Jahre alt, umgibt immer noch etwas Jungenhaftes wie zu der Zeit, als er 1965 als 17-Jähriger mit der Spencer Davis Group im "Beatclub" von Radio Bremen mit "Keep On Running" die Herzen nicht nur weiblicher Fans verzauberte. Damals wurde diesem lockigen Wunderkind die schwärzeste Stimme attestiert, die ein Weißer nur haben konnte. Nicht viele Sänger haben "Georgia On My Mind" mit einer derartigen Intensität interpretiert wie er. Hoagy Carmichaels 1930 geschriebener Klassiker bereitet dem Publikum auch jetzt noch durch Winwoods unter die Haut gehenden Gesang erregende Schauer. Auch "Pearly Queen" und "Can't Find My Way Home", diese Ballade aller Verlorenen und Entwurzelten, erzielen den Gänsehaut-Effekt.
Ebenso wie Steve Winwood zeigt sich Eric Clapton als großer wie bescheidener Musiker. Der 65 Jahre alte Ausnahmegitarrist mit dem Beinamen "Slowhand" muss sich nicht in den Vordergrund drängen, mit seinem variablen Spiel und den nie versiegenden Ideen ist er ohnehin das zweite Zentrum auf der Bühne.
Die fünfköpfige Band nimmt man angesichts der Aura der beiden Hauptakteure kaum wahr. Clapton macht die Songs mit seinem tief empfundenen Blues erdiger. Selbst die psychedelischen Traffic-Songs holt er mit seinen markanten Soli aus ihrem Schwebezustand auf den Boden zurück, ohne sie zu dominieren. Zu jedem Moment ist das Gleichgewicht zwischen dem Gitarristen und dem Sänger und Multi-Instrumentalisten gewahrt, denn Winwood beherrscht neben Orgel und Klavier auch die Gitarre. Sprechen müssen die beiden nicht miteinander, um dieses innige Verständnis auf der Bühne zu erreichen.
Mit "Georgia On My Mind" beginnt in der zweiten Hälfte des 125 Minuten langen Abends ein akustischer Teil, in dem die beiden Engländer den archaischen Blues ausloten. Bis in die 20er-Jahre gehen sie zurück und holen den "How Long Blues" und den "Drifting Blues" hervor, Lieder darüber, wie das Leben und die Frauen einem übel mitspielen können. Erfahrungen, die auch Clapton und Winwood gemacht haben. Beide hatten mit Drogen zu tun, Clapton hat einen fünfjährigen Sohn verloren, Winwood eine gescheiterte Ehe hinter sich. Man muss kein armer Baumwollpflücker sein, um den Blues in sich zu spüren. Eric Clapton und Steve Winwood haben ihn in manchen Momenten durchlitten und die wunderbare Gabe, ihn in ihrer Musik auszudrücken. Wahrhaftig und in gegenseitigem Respekt.



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