23.01.09

Vor 25 Jahren kam der erste Mac-Rechner in den Handel

Der Apfel der Erkenntnis - eine Liebeserklärung

Apple revolutionierte das Verhältnis von Mensch zu Computer. Eine durch und durch subjektive Liebeserklärung an eine Marke, die immer noch viel mehr ist als eine Marke.

Von Joachim Mischke
Foto: HA
Die helle und die dunkle Seite der Macht.

Hamburg. Neulich, morgens in der S-Bahn. Ein junger Mann, weiße Kabelstränge an beiden Ohren, einen Kaffeebecher in der einen Hand, ein iPhone in der anderen. Und an der Jacke einen großen Anstecker. Auf dem waren links in heldenhaftem Weiß US-Präsident Barack Obama und die Worte "I'm a Mac.". Und rechts, in finsterem Darth-Vader-Schwarz sein unterlegener, konservativer Gegen-Kandidat John McCain. Und darunter? "Im a PC.". Das reichte, um ein inneres Band zwischen uns herzustellen. Einfach so. Ohne Worte. Wir beide gehören zu den Guten. Wir beide lieben Apple.

So. Nun ist's raus.

Der entscheidende Unterschied zum Rest der Welt ist für unsereins ganz einfach. Es gibt Computer, und es gibt Macs. Und bevor sich hier jemand bemüßigt fühlt, die Stefan-Raab-Vokabel "Dauerwerbesendung" in diesen virtuellen Raum zu rufen: Ja klar, es gibt auch noch andere Hersteller, die leistungsfähige Computer zu vernünftigen Preisen bauen, mit denen man einige wichtige, viele schöne und noch mehr nutzlose Dinge anstellen kann. Aber die interessieren mich alle nicht. Die haben kein Apfel-Logo. Die sind nicht von Apple. Die sind hässlich und sehen in aller Regel aus wie grausam mutierte Schuhkartons oder plattgebügelte Verteilerkästen. Andere Laptops sind einfach zu, wenn man sie zuklappt, wie tot. Mein MacBookPro nicht. Da atmet ein kleines Lämpchen, liebevoll in den handschmeichelnden Alu-Korpus eingelassen, vorn sanft ein und aus, wie ein cooler Kumpel, der in der Ecke sitzt und entspannt mit einem Bier in der Hand darauf wartet, bis man wieder mit ihm plaudert.


Video: Apple-Werbung von 1984

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Kann man, darf man sich so sehr mit einem schnöden Arbeitsgerät identifizieren, das es je nach Grad der Besessenheit - an Peinlichkeit oder Hirnwäsche grenzt? Oder ist es nur die tägliche, klitzekleine Variante vorgesetztenbestimmter Individuen, mit der sie das biblische Duell David gegen Goliath, sprich: Apple gegen Microsoft, zuhause, im WLAN-Cafe oder im Büro nachspielen? Klein, aber fein gegen groß und schon deswegen böse? Um diesen ideologischen, ja fast schon religiösen Streit zu verstehen, muss man sich ein Vierteljahrhundert zurückversetzen, in eine Zeit, in der alle anderen Computer in etwa so kryptisch waren wie die legendäre "Enigma"-Maschine im Zweiten Weltkrieg. Man konnte sie anfassen, aber man konnte sie nicht begreifen. Wer etwas von ihnen wollte, musste demütig und schicksalsergeben ihre Sprache lernen, die nur leider aus völlig unverständlichen Codes bestand. Zeichen für Fachidioten. Und das wollte niemand sein. Höchstens Fachidioten.

So schlimm war das damals.

Aus heutiger Sicht ist der erste Apple Macintosh natürlich schlimmer als ein Faustkeil, und auch in etwa so ästhetisch. Es war ein kleines, beiges, schweres Kästchen, in dem ein Schwarz-Weiß-Monitor flimmerte. Hatte ein Diskettenlaufwerk, lächerliche 128 Kilobyte Arbeitsspeicher, keine Festplatte, eine Maus mit einer Taste, die eher wie eine rustikale Käsereibe aussah. Aber wenn man die niedliche Kiste unter Strom setzte, wurde man von einem grinsenden Gesicht empfangen. Hey, altes Haus, wieder da? Was soll ich für Dich erledigen? Damals kostete dieser Spaß 2500 Dollar ein stolzer Preis, der ihn dennoch für viele erschwinglich machte. Am 22. Januar 1984 wurde er in einem Werbespot angekündigt, der Geschichte schrieb. Der Spot wurde einmal gezeigt. Nur einmal. Das genügte. Damals sahen die verdutzten US-Zuschauer in einer "Superbowl"-Pause dieses Football-Heiligtums 60 Sekunden, die stolze 900.000 Dollar kosteten, dafür aber viel mehr taten, als nur für ein Produkt zu werben. Das Spielergebnis vergaß man schnell. Den Kurzfilm nicht. Hollywood-Regisseur Ridley Scott zeigte eine athletische, junge Frau, die im Leichtathletik-Dress leichtfüßig durch graue, geknechtete Arbeitermassen sprintete, um schließlich einen Hammer in einen Riesenbildschirm zu schleudern, von der aus eine Big-Brother-Fratze dröhnende Propaganda ausspuckte. Als dieser Spuk vorbei war, erklärte eine Stimme, der Mac würde ab dem 24. Januar dafür sorgen, dass 1984 nicht so wird wie Orwells düster-diktatorische Utopie "1984". Und am Ende taucht ein hippiebunter angebissener Apfel auf. Das Markenzeichen. Alles sollte gut werden. Nur keine Panik. Dieser Rechner ist dein Freund.

Ein Jahr später kam Windows auf den Markt.

Wer mit dem großen Bruder gemeint war, wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte jedem klar, der schon einmal mit den kasernentonartigen Fehlermeldungen eines Microsoft-Programms gemaßregelt wurde oder im Niemandsland von Hotlines Rettung vor Treiber-Chaos erflehte. Muss schlimm sein, so etwas. Ich hatte nie eins von diesen Dingern. Der Rest des Lebens nervt schließlich schon genug.

Alles war auf dem ersten Mac anders. Alle anderen ließen sich davon inspirieren. Wer etwas löschen wollte, ließ es auf der graphischen Oberfläche einfach in einen Papierkorb plumpsen, wie im richtigen Leben eben. Man stapelte Dokumente oder packte sie schön ordentlich in Ordner, man schrieb, malte, druckte einfach so vor sich hin. Kinderleicht. Einfach so.

Eine Kulturrevolution hatte begonnen.

Umberto Eco, Autor von "Der Name der Rose" und ansonsten ein berühmter Semiotiker, also Fachmann für Zeichen und ihre Bedeutung, hat einmal gemeint, die Apple-Fraktion sei katholisch, die Windows-Benutzer hingegen protestantisch. Hier die lebensfröhlichen, freundlichen Zeitgenossen, bei denen jeder, egal wie dämlich er sich auch anstellt, ein Recht auf seine ganz persönliche Erlösung habe. Dort die drögen Calvinisten, die sich damit abfinden, dass, übersetzt gesprochen, nur die Harten in den Garten kommen. Vielleicht.

Da ist auch heute noch viel dran. Apple-Besitzer erinnern die anderen nur zu gern daran, dass sie die leidigen Virenwegputzaktionen nicht kennen, dass in aller Regel alles sofort läuft, wenn man mit einem neuen Rechner zur Jungfernfahrt startet. Das beliebte Gegenargument mit dem Preis wird dann ebenso routiniert weggelächelt oder überhört.

Der Rest der Geschichte seit 1984 ist nicht ganz unkompliziert, aber schnell erzählt. Apple-Rechner wurden Kult. Mal für mehr Menschen, mal für weniger. Aber nie für alle. 1998 kamen die ersten iMacs auf den Markt, bonbonbunte Riesenkiesel, aus denen vorn ein Monitor herausschaute. Dann entdecke Apple die Farbe Weiß und setzte sie radikal in der Formsprache der Produkte ein. Der erste iPod: Weiß. Der erste iPod Shuffle sah aus wie ein klinisch verpacktes Kaugummipäckchen. Und dann: Das iPhone. Das bekam kurz nach seiner langersehnten Wirklichwerdung den Spitznamen "Jesus Phone", obwohl man damit nicht übers Wassser wandeln und auch sonst einiges nicht kann.

In der letzten Zeit kam zum Weiß erst Aluminium als Werkstoff, danach auch die Farbe Schwarz. Das MacBook Air, stellenweise das dünnste, das man für zugegebenermaßen viel Geld kaufen kann, ist so flach, dass ein Tester sein Exemplar versehentlich in einem Stapel alter Zeitungen entsorgt haben soll. Apple-Fans lieben solche Geschichten. Aber Apple-Fans pilgern auch- wie ansonsten nur orthodoxe Wagnerianer nach Bayreuth Januar für Januar zur großen MacWorld-Verkündigung nach San Francicso. Wann immer Firmengründer und Übermythos Steve Jobs (besondere Kennzeichen: schwarzer Rolli, dunkle Jeans und irgendwann die Phrase "One more thing…") dort zum Hochamt bat, drehten die Spekulationsköche in den Gerüchteküchen des Internets vorab durch. Denn Jobs ist viel, viel mehr als nur der Boss. Er ist für seine Anhänger eine fast gottgleiche Gestalt. Was er will, ist Gesetz und wird so gebaut und garantiert nicht anders. Pop und Wirtschaft, Lifestyle und Design, elitärer Dünkel und eine ordentliche Portion Selbstironie, all das kommt dann zusammen, wenn dieser Heilsversprecher seine Messe-Bühne betritt und die Predigt beginnt.

Ein Kollege in der "Frankfurter Rundschau" kam gerade nach viel Nachdenken und einer gehörigen Portion vom Apfel der Erkenntnis zu folgender Einsicht: "Das Einzige, was Apple noch zur rechten Religion fehlt, ist die Transzendenz. Apple hat weder die Aura des Heiligen, noch gibt es einen Himmel, in den man kommen kann oder ein Versprechen auf eine andere Welt. So kann man Apple als Religion des Diesseits verstehen, deren transzendenter Raum der Datenraum ist." Jeder kann Mitglied werden, soll das wohl heißen. Auch geläuterte Konvertiten sind willkommen.

In diesem Jahr ließ sich "iJobs" krankheitsbedingt bei der MacWorld entschuldigen. Die Gemeinde bangt, doch sie wankt nicht. Und während die Welt um uns herum in einer Wirtschaftskrise steckt, meldet Apple gerade ein sattes Umsatzplus. Das kann kein Zufall sein, wenn man mich fragt. Aber ich bin ja auch befangen.

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