Wer sich über Anglizismen im Alltag noch erregen kann, sollte in Deutschland blutdrucksenkende Mittel nehmen. Seit Werber, Medien und...

Wer sich über Anglizismen im Alltag noch erregen kann, sollte in Deutschland blutdrucksenkende Mittel nehmen. Seit Werber, Medien und Unternehmensberater den Zeitgeist prägen, spricht man selten Deutsch, oft Englisch - am liebsten aber Denglisch. Das ist quasi die Große Koalition unter den Sprachen - maximales Flügelgeschlage mit minimalem Erfolg.

Man trinkt Kaffee zum Weglaufen namens Coffee to go, radelt durchs Flachland mit dem Mountainbike und "shoppt" im "Sale". Ja, Denglisch ermöglicht es selbst Praktikanten, per Visitenkarte zum "Content-Manager" aufzusteigen. Jeder blamiert sich eben so gut, wie er kann.

Da wollte offenbar Kultursenatorin Karin von Welck nicht hintanstehen. Sie lädt nun zu einem Leserummel, den sie sprachlich aufgepeppt hat. "Harbour Front Literaturfestival" heißt das Fest in fast babylonischer Sprachverwirrung - ein bisschen Englisch hier, ein bisschen Deutsch dort. Offenbar ist der Kulturbehörde selbst der Hafen zu provinziell geworden. Dabei fielen uns mit Hafenklang oder Wasserseite gleich zwei passendere Namen ein. Die Kulturbehörde betont aber, man wolle mit dem Titel internationale Gäste locken. Offenbar schreckt Deutsch, das Jean Paul einst als "Orgel unter den Sprachen" bezeichnet hatte, nur noch ab.

Zumindest sollte Hamburg meiden, wer Deutsch lernen möchte. Die S-Bahn fährt nicht zum Flughafen, sondern zum Airport, der neue Stadtteil HafenCity bekommt ein Cruise Center und vielleicht ein Science Center - wenn sich ein Public Private Partnership ermöglichen lässt. Ja, selbst Germanisten lernen an der Hamburger Universität längst im "Department Sprache". Und erst das Abendblatt konnte die Stadtentwicklungsbehörde jüngst von der Idee abhalten, "Gemeinschaftsstraßen" Shared Space zu taufen. Wer sich so international gibt, merkt vermutlich gar nicht mehr, wie provinziell er ist.

Aber freuen wir uns trotzdem auf das Harbour Front Literaturfestival - frei nach dem Motto der Fußball-Weltmeisterschaft: Die Welt zu Gast bei Sprachlosen.