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. . . und er tut noch immer Wunder

Verklärt und verehrt: Was wissen wir eigentlich von St. Nikolaus, den wir auch heute wieder so groß feiern?

Hamburg. Unter all den Heiligen, die die christlichen Kirchen verehren, ist er der populärste: Nikolaus. Der wundertätige Alte aus jener Spezies, die der sarkastische Amerikaner Ambrose Bierce einst als "tote Sünder, bearbeitet und neu herausgegeben" verspottete, führt als einer der 14 Nothelfer ein ganzes Alphabet von Patronaten an: Er ist Schutzheiliger der Alten und Apotheker, der Bäcker, Bauern, Bierbrauer, Brückenbauer, Diebe, Fährleute, Fassbinder, Feuerwehr, Fischer, Flößer, Gefangenen, Jungfrauen, Kaufleute, Kerzenzieher, Korn- und Samenhändler, Knopfmacher, Mädchen, Matrosen, Metzger, Ministranten, Müller, Notare, Parfümhersteller, Pilger, Rechtsanwälte, Reisenden, Seeleute, Schüler, Steinmetze, Steinbrucharbeiter, Tuchhändler, Weinhändler, Wirte und Zigeuner.

Nikolaus ist Patron von Lothringen und Russland, hilft gegen Hochwasser, Seenot, Diebe - denen er als Schutzheiliger eigentlich ein gutes Händchen bescheren soll - und steht für glückliche Heirat und die Wiedererlangung verlorener Gegenstände.

Entsprechend groß ist die Verehrung des wundersamen Heiligen aus Lykien; an diesem 6. Dezember feiern ihn Christen aller Konfessionen. Dabei führte der Patron ein für einen Heiligen eher unspektakuläres Leben. Er starb nicht den Märtyrertod wie seine Kollegen Sebastian oder Petrus, auch fiel er nicht durch plötzliche Eingebungen auf wie Saulus, der zum Paulus wurde, oder der reiche Franz von Assisi, der eines Tages seine prächtigen Kleider fallen ließ und beschloss, fortan in Armut zu leben. Nein, von Nikolaus von Myra ist wenig überliefert, mehr noch: So, wie ihn die Nachwelt verklärend verehrt, hat es ihn gar nicht gegeben. Er war eben aus jenem Holz geschnitzt, das die Französin Regine Pernoud in ihrem Standardwerk "Die Heiligen im Mittelalter" (erschienen bei dtv) wie folgt beschreibt: "Ein Heiliger ist ein Mensch, der seinen Ruf bis zum Schluss deutlich hört, bei dem dieser Ruf alle anderen Geräusche übertönt, so dass dieser Getaufte, gleichgültig, was er ursprünglich gewesen ist, alles erwirbt, was eine eigenständige Persönlichkeit ausmacht; erstarkt durch etwas, das er in sich trägt und das zum Ferment wird, neue Energien in ihm wachsen lässt und freisetzt, zu seinen Lebzeiten und noch öfter nach seinem Tod. Wer sich ihm nähert, nimmt etwas davon mit."

Dennoch - oder gerade deshalb - gelang es der Wissenschaft nicht, die Spuren des großen Mannes zu verfolgen. Durch Textanalysen kam man zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem Wundermann, der seit dem 6. Jahrhundert in Legenden auftaucht, um eine fiktive Figur handelt, kompiliert aus zwei historischen Personen. Da ist einmal der Bischof Nikolaus von Myra (Kleinasien), der um 350 gestorben ist. Und da ist der gleichnamige Abt von Sion bei Myra, der Bischof von Pinora war und 564 in Lykien starb. In Myra selbst erinnert heute kaum noch etwas an den einstigen Bischofssitz. Das Städtchen heißt heute Kale (Demre) und liegt auf halber Strecke zwischen Antalya und Dalaman an der türkischen Südküste.

Ob aber nun der Bischof von Myra oder jener von Pinora - beide müssen außergewöhnlich starke Persönlichkeiten gewesen sein. Denn schon bald nach deren Tod begannen die Legenden zu blühen, die den Ruf des späteren Heiligen begründeten. Dazu gehört vor allem das so genannte Stratelatenwunder, bei dem Nikolaus dem Kaiser Konstantin im Traum erschien und dafür sorgte, dass drei zu Unrecht zum Tode verurteilten Offizieren im letzten Moment Gerechtigkeit widerfuhr. Ein andermal rettete er die Besatzung eines Schiffs allein dadurch vor dem Untergang, dass er Segel und Schoten berührte, "Hand anlegte". Einmal - und der Ursprung dieser Legende wird im Gegensatz zu den griechischen im Frankreich des 11. Jahrhunderts vermutet - erweckte er in einem Gasthaus drei Knaben zum Leben, die von einem Metzger erschlagen und bereits in Salzlake eingelegt worden waren.

In einer anderen Begebenheit wird der Ursprung jenes Brauchs vermutet, zum Nikolaustag Gaben in Socken zu verschenken: Ein verarmter Adeliger wollte seine drei Töchter in ein Freudenhaus schicken, damit sie ihre Aussteuer verdienen könnten. Nikolaus warf darauf des Nachts drei Goldklumpen durchs Fenster - sie landeten in der vor dem Feuer zum Trocknen aufgehängten Wäsche der jungen Damen. Und in einem im wahrsten Wortsinn legendären Ruf steht eine Aktion, mit der er die Bürger von Myra vor einer Hungersnot bewahrte: Damals lagen Schiffe im Hafen, die Weizen für den Kaiserhof in Byzanz geladen hatten. Nikolaus bat die Schiffer, ihm jeweils 100 Maß Weizen abzugeben. Die jedoch wollten nicht, und so geschah das "Kornwunder": Der wundertätige Bischof behauptete, am Ziel würde es niemand merken, weil nichts von der Ladung fehlen würde. Er bekam den Weizen, und er behielt Recht. Zwei Jahre lang vermehrte sich der Weizen in Myra immer aufs Neue, bis wieder bessere Zeiten angebrochen waren.

Schon bald wurde Nikolaus heilig gesprochen. 1087 starteten 62 Seeleute auf drei Schiffen aus Bari in Apulien nach Myra unter dem Vorwand, dort Getreide zu kaufen. Von wegen: Sie wussten, dass der Heilige aus Myra einst auf einer Reise nach Rom in Bari Station gemacht und dort verkündet hatte: "Hier werden meine Gebeine ruhen." Die angeblichen Getreidehändler fanden an ihrem Ziel vier Mönche, die den Sarkophag bewachten und das Skelett natürlich nicht hergeben wollten. Sie hatten keine Chance gegen die reliquiensüchtige Übermacht.

In Bari wurde dem toten Heiligen 1196 eine Basilika gebaut; in San Nicola ruht er noch heute. Und tut weiter Wunder. An seinem Grab sammelt sich regelmäßig eine Flüssigkeit, genannt "Manna di San Nicola". Sie soll Blinde wieder sehend machen. Pro Jahr werden etwa acht Liter an die Hunderttausende von Pilgern verkauft, die regelmäßig nach Bari strömen.

Ein anderes Wunder geschah vor nicht einmal 100 Jahren. Damals überlegten die Werbestrategen von Coca Cola, wie die Brause immer eiskalt auch zur Weihnachtszeit in aller Munde sein könnte. Sie erfanden den Santa Claus mit weiß abgesetztem roten Outfit. Heute "schmückt" er jedes Kaufhaus auf der Welt und ist ohne Jingle Bells nicht mehr zu denken. Die Amerikaner nahmen ihm auch die ursprüngliche Bischofsmütze und versahen Father Christmas mit der so genannten phrygischen Mütze aus der kleinasiatischen Antike, die schon Heinrich Hoffmann im "Struwwelpeter" benutzt hatte, um aus dem guten einen bösen Nikolaus zu machen, der drei Knaben ins Tintenfass versenkt.

Nicht genug damit: Der gute alte Nikolaus hat sogar mit dem Gartenzwerg eines gemeinsam: Der stammt aus der Türkei. Dort ist sein Markenzeichen die nach oben spitz zulaufende, die phrygische Mütze. Sie trug einst der sagenhafte König Midas, um seine Eselsohren zu verdecken, mit denen ihn Apoll gestraft hatte. Wer allerdings auf die in unserer Event-orientierten Zeit nahe liegende Idee kommen sollte, Knecht Ruprecht als Gartenzwerg mit Eselsohren darzustellen, den wird vermutlich der Krampus holen, des Nikolaus teuflischer Begleiter. Denn Aura und Autorität des Heiligen aus Myra sind seit Jahrhunderten ungebrochen. Allen profanen Begleiterscheinungen zum Trotz hat er sich den Mythos bewahrt, wird er doch Jahr für Jahr gefeiert wie keiner seinesgleichen.

 

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