Graphic Novel: Reinhard Kleists kubanisches Reisetagebuch
Streitgespräch mit Fidel
Mitten in der Altstadt von Havanna, in einer dieser engen, unglaublich pittoresken Straßen, die von ebenso prächtigen wie heruntergekommenen...
Foto: Carlsen
Mitten in der Altstadt von Havanna, in einer dieser engen, unglaublich pittoresken Straßen, die von ebenso prächtigen wie heruntergekommenen Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert gesäumt sind, steht ein hellhäutiger Mann und zeichnet. Mit schnellem Strich fängt er die einzigartige Atmosphäre dieser Stadt ein, die vor Lebenslust vibriert, aber dennoch voller Melancholie ist. Er zeichnet die bröckelnden Fassaden der Kolonialvillen, die allgegenwärtigen Propagandaplakate mit den Ikonen der Revolution, die uralten amerikanischen Straßenkreuzer, vor allem aber die Menschen, die Tag für Tag mit den Absurditäten des sozialistischen Alltags fertig werden müssen und dennoch ihre Fröhlichkeit und ihre Würde nicht verloren haben.
Im Frühjahr 2008 ist der Berliner Comic-Autor Reinhard Kleist für mehrere Wochen nach Kuba geflogen, wo er bei Freunden und Bekannten gewohnt hat und so tief in den Alltag eintauchen konnte, wie es einem Ausländer mit Rückflugticket möglich ist. Resultat dieser Reise ist sein Comic-Reisejournal "Havanna. Eine kubanische Reise". Es erzählt zum Beispiel von den alten Damen Katia und Maria, von denen die eine noch immer die Errungenschaften der Revolution preist, die andere aber längst ernüchtert ist. Kleist zeichnet, wie zwei kubanische Freunde ohne erkennbaren Grund auf der Straße verhaftet werden, und wie eine unangepasste Frau davon träumt, ihr Land endlich zu verlassen.
Immer wenn er empört ist, tritt er mit Fidel Castro, dessen Porträt ihm an jeder Straßenecke begegnet, in ein fiktives Streitgespräch - ein großartiger Kunstgriff, der es dem Autor ermöglicht, die Zwiespältigkeit seiner Kuba-Erfahrung ganz unmittelbar zum Ausdruck zu bringen.
Reinhard Kleist: Havanna. Eine kubanische Reise. Carlsen, 100 Seiten, 19,90. Noch bis zum 18. Januar zeigt der Kunst- und Kulturverein LINDA (Hein-Hoyer-Str. 13) eine Auswahl der originalen Zeichnungen und Aquarelle.




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