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Kultur & Live

Uraufführung an der Staatsoper

Auf der Opernbühne muss die Musik dem Theater dienen

Erst die Musik, dann die Geschichte? Für den Komponisten von "Le Bal" ist das Umgekehrte richtig. Am Sonntag wird sein Werk aus der Taufe gehoben.

Hamburg. Er hat lieber nicht zu viel nachgedacht, als vor zwei Jahren das überraschende Angebot von Simone Young kam, eine Oper für Hamburg zu schreiben. Oscar Strasnoy (39) ist zwar ein gefragter Komponist, aber für so ein großes Haus wie das in Hamburg mit all seinen Möglichkeiten hat er noch nie gearbeitet. "Die einzige Richtung, die man mir gab, war: Frauen. Und dass mein Stück von Arnold Schönbergs 'Erwartung' und Wolfgang Rihms 'Gehege' flankiert sein würde." Hamburgs Generalmusikdirektorin hat sich für den Vorabend des Internationalen Frauentags am 8. März dieses klingende Triptychon der Moderne arrangiert. Der Beitrag von Oscar Strasnoy dazu ist die erste Auftragskomposition ihrer Intendanz - entsprechend hoch sind die Erwartungen.

Nach Überwindung einiger urheberrechtlicher Hindernisse machte sich Strasnoy mit dem Librettisten Matthew Jocelyn an eine Opernfassung des Romans "Le Bal" von Irène Némirovsky. Metaphysiker werden sagen, dass dies Fügung war, denn schon Jahre zuvor hatte ihm ein Freund prophezeit, er werde eines Tages eine Oper über eben dieses Buch komponieren. "Le Bal" ist eine traurige Groteske aus dem Paris der 20er-Jahre; eine präzise Gesellschaftsminiatur über aufkeimenden Antisemitismus, Adoleszenzprobleme und Parvenüs. "Die Musik, die ich dazu komponiert habe, hat so viele Verwandte", erzählt Strasnoy, "und nicht nur seriöse."

Der in Buenos Aires geborene und ausgebildete Musiker, der mit 19 Jahren nach Paris ging, um dort bei Gérard Grisey zu studieren und später bei Hans Zender in Frankfurt, nennt Rossini und Richard Strauss als Paten seines Werks, aber eben auch Johann Strauß und die Demi-monde der Operette.

"Der Abend gibt eine gute Postkarte dessen ab, was das 20. Jahrhundert war", sagt Strasnoy. "Schönbergs 'Erwartung' vor dem ersten Weltkrieg, die künstliche Happiness zwischen den Kriegen bei 'Le Bal', schließlich die postdepressive Stimmung in Rihms 'Gehege' am Ende. Dieses Jahrhundert ist die Geschichte enttäuschter Hoffnungen."

Weil sich Oscar Strasnoy mehr als Theatermann sieht denn als Komponist, der sich im vermeintlich autonomen Reich der Musik bewegt, folgt er in hohem Maß den Anforderungen des Stoffs. Für "Le Bal" hat er Charlestons komponiert und falsche irische Folklore, je künstlicher, desto richtiger - für dieses Stück. Da die erste Orchesterprobe am 23. Februar im Beisein des Komponisten stattfand und Strasnoy seitdem Tag für Tag aus der Nähe den Fortgang der Proben verfolgt, konnte er laufend Korrekturen an seinem Werk anbringen. Manchmal ließ er auch bei den "extrem virtuosen" Gesangspartien Gnade walten: "Ich habe nicht gegen die Stimme geschrieben, aber ein paar Passagen erwiesen sich als zu schwierig, die habe ich dann modifiziert."

20 Jahre hat Strasnoy in Paris gelebt. Vor drei Tagen hat er mit seiner Frau in Berlin Wohnung genommen - die Stadt übe dieselbe Anziehungskraft aus wie New York in den 70er-, 80er-Jahren, sagt Strasnoy. "Ich bin der letzte auf der Liste, der noch nicht dort lebt."

Vom argentinischen Tango blieb Strasnoy nahezu unbeeinflusst. Astor Piazzolla lässt ihn kalt, den 93-jährigen Tango-Pianisten Horacio Salgan verehrt er umso mehr. "Ich habe keinerlei nostalgische Empfindungen, wenn ich Tango höre. Aber wenn das Stück es verlangt, werde ich natürlich Tangos komponieren."

 

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