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Kultur & Live

Porträt: Der Autor Frank Schulz

Ein demütiger Dichter aus Eimsbüttel

Am 22. Februar liest der Hamburger Frank Schulz aus seinem neuen Buch "Mehr Liebe. Heikle Geschichten" im Literaturhaus.


Foto: Michael Rauhe

Hamburg. Das Haus stammt aus den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, Eimsbüttel ist hier weniger schön als anderswo. Der Aufzug, erst kürzlich stecken geblieben, ist ein Jahr älter als der Herr, den wir besuchen. Er rumpelt nach oben in den siebten Stock. Frank Schulz (53) wohnt hier nicht, er schreibt: ein kleines Zimmer, ein großes mit Fensterfront. Drei längs gestreckte Tische stehen an der Wand, darüber eine riesige Pinnwand. Dieser Mann braucht viel Fläche. "Früher", sagt Schulz, "musste ich meine Manuskripte in der gesamten Wohnung verteilen."

Schulz, den manche als Kultautor bezeichnen und andere treffender als brillanten Erzähler, bezahlt sein Büro vom Vorschuss seines Verlags, der dieser Tage auch sein neues Buch herausbringt: "Mehr Liebe. Heikle Geschichten."

Schulz und das Schreiben, das ist keine einfache Beziehung. Der schlaksige Mann mit Vollbart, der intellektuell wirkt, aber nicht intellektuell schreiben will, hat sich seine kleinen Erfolge in der Branche hart erarbeitet. Schulz ist Autor der "Hagener Trilogie", des süffig erzählten Bildungsromans über den wie sein Schöpfer aus Hagen bei Stade stammenden Bodo Morten, der sich durch Hamburg und Griechenland säuft und dabei beinah auch erwachsen wird.

Die sprachmächtige und köstlich-absurde, burleske und in ihrem blühenden Schwachsinn doch ernsthafte Beschreibung dieses Lebenskünstlers war auch die Charakterstudie eines hoffungslosen Eskapisten. "Schriftsteller werden wollte ich, seit ich elf war", sagt Schulz und blickt dabei fast demütig. Er hat Ehrfurcht vor dem Begriff. Er ist zurückhaltend, ein zufriedener Dichter, der auch bittere Realitätshappen kosten musste.

Er ist ein Zweifelnder, der bislang kaum von seinem Schreiben leben konnte und doch einer der wichtigsten Hamburger Autoren ist. Als "Morbus fonticuli" 2001 erscheinen sollte, machte der alte Verlag pleite. Aus der Traum, dachte Schulz, und kam in die Nervenheilanstalt. Jetzt, viele Literatur- und Förderpreise später, ist das eine Anekdote, aber wenn man mit dem gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann spricht, merkt man: Der Weg war steinig.

Im neuen Erzählband, das erste Buch seit fünf Jahren, taucht Bodo Morten nur noch manchmal auf. Die anderen Figuren sind der Wirklichkeit entlehnt. Wir treffen einen älteren Herrn auf Dienstfahrt, er will es noch einmal wissen, auch bei den Frauen. Eine Frischverheiratete, die auf der Hochzeitsreise der Liebe ihres Lebens begegnet. Einen arbeitslos gewordenen Journalisten, der im Jobcenter die Realität kennenlernt.

Es geht um Sozialkritik und Liebesleid, um das Jungsein und das Älterwerden, um Begegnungen und Abschiede. Er habe durchaus Zweifel, gesteht Schulz, "ob mir meine Leser auf diesem Weg nun folgen". Der Spott darüber, nun als ernsthafter Schriftsteller renommieren zu wollen, der Spott all derer, die lieber weiter mit Bodo Morten auf Sinnsuche sein wollen - er wird nicht kommen.

"Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen", das Bonmot von Marie von Ebner-Eschenbach, hat Schulz seinen Erzählungen vorangestellt. Man könnte auch sagen: Die meisten Schriftsteller verdienen mehr Aufmerksamkeit als sie bekommen, und Schulz ganz bestimmt.

In seinen nun erscheinenden Erzählungen brilliert Schulz mit alten Qualitäten: der Einfühlung in Charaktere, der trennscharfen Beobachtung, stets eingebettet in raffinierte Dynamik. Die Kindheit ist in ihrer süßen Unwiederbringbarkeit immer wieder Sehnsuchtsort in seinen Geschichten. Später, im Erwachsenenleben, geht sowieso alles vor die Hunde. Oder mindestens: manches.

Die Neigung, immer wieder Loser zu seinen Helden zu machen, lebt Schulz auch in seinem aktuellen Projekt aus. Ein Krimi mit dem Titel "Schupf, Onno, schupf", der natürlich in Hamburg spielt, soll Ende des Jahres fertig sein. Onno, ein Hartz-IV-Empfänger, dem in seinem Leben nichts so richtig gelingen will, entschließt sich, Detektiv zu werden - dadurch kommt er erst recht in Kalamitäten. Klingt nach einer Fundgrube für Menschliches, allzu Menschliches. Schulz, zu dessen größten Fans Harry Rowohlt (der das Hörbuch von "Mehr Liebe" eingelesen hat) zählt, ist mit seinem Buch wieder Außergewöhnliches gelungen. Er ist jetzt Humorist und ernsthafter Schriftsteller.

Eine Stunde schreiben noch, dann macht er Mittagspause, schlüpft in seine "Hamburg"-Jacke und geht raus in seinen Kiez, nach Hause oder zu einem Mittagstisch. Der Fahrstuhl wird ihn wohlbehalten nach unten bringen. Und später wieder hoch.

Frank Schulz: Mehr Liebe. Heikle Geschichten. 292 Seiten. Galiani-Verlag, 19,95 Euro

Der Autor liest: 22.2., 20 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38, Restkarten zu 8/6/4 Euro

 

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