Literatur: Neuer Roman von Arno Geiger erschienen
Mit Stützstrümpfen ins Ehebett
Die Protagonistin von "Alles über Sally" will das Erreichte behalten und doch noch einmal neu anfangen.
Hamburg. Eines gleich vorweg: Arno Geigers mit Spannung erwarteter neuer Roman "Alles über Sally" ist ein herrliches Buch, eine Ehegeschichte, die mit viel Empathie und Aufmerksamkeit für kleine Ereignisse mitten aus einem Leben berichtet, das viele von uns, also Menschen, die noch Bücher lesen, führen. Geiger gelingt es mit diesem Roman, uns mit unserem eigenen Alltag zu überraschen. Verblüfft denkt man, er blicke genau auf uns und die Menschen, die uns durchs Leben begleiten und die er doch unmöglich kennen kann.
Sally und Alfred sind ein durchschnittliches intellektuelles Ehepaar, in dessen Leben es keine großen Katastrophen gibt. Aber es gibt Irritationen über das, was der Lebensgefährte mag und tut, Missverständnisse im Umgang miteinander, Unglauben über das, was die dem Alter nach bereits erwachsenen Kinder interessiert, es gibt die Lust auf Sex mit anderen Partnern und einen Einbruch in das Einfamilienhaus, der Wut und Hilflosigkeit auslöst, zumindest bei Alfred. Das ganz normale, mühsam verwaltete Chaos und den Versuch, alles im Leben zu behalten und alles doch noch einmal neu zu machen. Zumindest für Sally.
Alfred ist ein wichtiger Mann am Völkerkundemuseum, jemand, der das Schöne bewahren will, der Zeit braucht und Vergangenheit. Er ist leidenschaftlicher Tagebuchschreiber - "bemüht, dem vorangegangenen Tag Zusammenhang und Bedeutung zu geben" - und seiner Frau Sally, einer lebenslustigen Lehrerin, oft nicht mehr gewachsen. "Man merkt, wir sind beide über fünfzig", schreibt er, "aber Sally eindeutig auf der guten Seite des Jahrzehnts, ich schon eher auf der schlechten". Gegen seine Krampfadern trägt er einen Stützstrumpf. Eine Szene im Ehebett gestaltet sich so: "Sally schaut herüber, sieht, dass Alfred den Kompressionsstrumpf am rechten Unterschenkel auch in der Nacht getragen hat, er präsentiert ihr diese Nummer kombiniert mit einer weißen Unterhose, die Fußsohlen geradeaus auf Sally gerichtet, rechts, der grau verschmutzte, ursprünglich hautfarbene Stoff, links die nackte, verhornte Haut des breiten Kuratorenfußes". Tja, so ist es wohl mit eingespielten Paaren, die zu viel Nähe kennen und zu wenig Geheimnis. Kein Wunder, Sally beginnt eine Affäre mit dem Nachbarn, Erik. Doch Sally ist wie alle Frauen - und vielleicht auch alle Männer. Sie will Eskapaden mit dem Liebhaber und ein harmonisches Eheleben.
"Alles über Sally" spielt in Wien, aber oft wähnt man sich in England oder den USA, mitten im Updike-Land bei Alison Lurie oder Julian Barnes. Es geht um zwei Menschen, die sich lieben, die aber auch schon reichlich lange miteinander verheiratet sind.
Geiger beschreibt Menschen, die Lebensgeschichte und -geschichten gesammelt haben, die Illusionen leben und brauchen. Und die deshalb spannend sind. "Ich hatte das Gefühl, dass Frauen um die 50 in unserer Gesellschaft im positiven Sinn immer auffälliger werden", sagt Arno Geiger in einem dem Roman vorangestellten Interview. "Diese Frauen sind mit einem Bein noch in der konservativen Nachkriegsgesellschaft aufgewachsen, haben als junge Menschen sehr engagiert neue Lebensentwürfe mitgetragen. Neu ist, dass eine Frau von Anfang 50 noch diese große erotische Wahlfreiheit hat." Alfred ist nur noch auf das neugierig, was er liebt. Sally liebt die Neugier auf die ganze Welt.
"Familie ist nicht immer ein Schoß, der Geborgenheit bietet. Manchmal ist sie auch eine Last!", hat Arno Geiger über seinen Roman "Es geht uns gut" gesagt, für den er 2005 mit dem ersten Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Er beschreibt in kleinen Geschichten die großen Tragödien des 20. Jahrhunderts.
Aufmerksamkeit für kleine Ereignisse, die uns aus der Bahn werfen, hat der Schriftsteller auch in diesem Roman wieder im Überfluss. Einschränkend dürfte man sagen, dass die Passage über die Zeit, als Sally und Alfred sich in Ägypten kennenlernten, zu lang geraten ist. Natürlich kann Sally sich nicht mit den Ehebrecherinnen der Weltliteratur messen, mit Madame Bovary, Anna Karenina oder Effi Briest. Dafür muss sie auch nicht an der Gesellschaft scheitern und ihr Leben lassen.
Verblüffend komisch ist der Wendepunkt im Roman. Als die Nachbarin und Ehefrau ihres Liebhabers Erik Sally erzählt, er wolle sich scheiden lassen, ergreift Sally Panik, Freude, Angst. Und dann erfährt sie, dass Erik die Trennung wegen einer ganz anderen Frau will. Eben noch im Liebesrausch, jetzt hintergangen und nicht mal jemand, mit dem man alles besprechen kann. Arno Geiger beschreibt das meisterhaft. Und schließlich kann Sally dies alles ja mit uns Lesern teilen.
Arno Geiger: Alles über Sally. Hanser Verlag, 363 S., 22,10 Euro




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