Massive Attack
Ein Elektronik-Duo auf dem Weg zum Klassiker
Alles so schön dunkel hier: Mit dem neuen Album "Heligoland" gelingt den beiden Briten nach langer Zeit endlich wieder ein großer Wurf.
Massive Tontüftler: Grant Marshall (l.) und Perfektionist Robert del Naja.
Foto: Warren du Preez & Nick Thronton/Wildeschneider
Hamburg. Schon die ersten Takte des neuen Massive-Attack-Albums "Heligoland" verbreiten die so vertraute Atmosphäre von nagender Beunruhigung, die wir so vermisst haben. Vor dem inneren Auge läuft ein Film ab. Vielleicht ein Horrorkunstfilm wie Danny Boyles Apokalypsenvision "28 Days Later". Vielleicht auch einer wie der Mafiastreifen "Gomorrha", für den Attack-Vordenker Robert del Naja alias 3D die preisgekrönte Abspannmusik lieferte.
Für unsere Schrecken fand er immer die richtigen Töne. Erhob die Angst zum Prinzip einer Kunst, die begeisterte und erlöste. Überhaupt waren Filmvertonungen zuletzt sein liebstes Betätigungsfeld. Mit einem neuen Massive-Attack-Album hatte ja auch, sieben Jahre nach dem letzten, ernsthaft niemand mehr gerechnet. Doch nun ist es da. Wie ein Geschoss: aufwühlend, expressiv, furios.
20 Jahre ist es her, dass aus dem Bristoler Künstlerkollektiv Wild Bunch die Band Massive Attack hervorging und mit ihrer ersten Single "Daydreaming" die Musikwelt in komatöses Dauerwippen versetzte. Gemeinsam mit den befreundeten Kollegen Tricky und Portishead subsummierte man bald ungewollt unter der Stilrichtung Trip-Hop. Mit Liedern wie "Unfinished Sympathy" und "Protection" landeten die Musiker, damals noch als Trio unterwegs, veritable Hits.
In ihren Musikvideos beschritten sie visuelles Neuland. Die Welt bekam nicht genug von ihren mit gehobener Melancholie aufgeladenen Songs. Stars wie Madonna, David Bowie oder Sinéad O'Connor rissen sich um eine Zusammenarbeit oder einen Remix. Dennoch, nach dem vierten Album "100th Window" war die Band 2003 fast am Ende. Andrew "Mushroom" Vowles war im Krach ausgestiegen, Grant "Daddy G" Marshall wollte eine private Auszeit und so frickelte Perfektionist Robert del Naja das Album in einer Notoperation alleine zusammen. So klang es dann auch.
Seither stellte die Band bis auf ein Best-of-Album ihre erprobte Klangkunst nur noch in dramaturgisch ausgefeilten und im Nu ausverkauften Konzerttourneen aus. Robert del Naja kuratierte das Meltdown-Festival 2008 oder agitierte gemeinsam mit seinem Kumpel, Blur-Sänger Damon Albarn, gegen den Irak-Krieg. Immer schon hatte sich Massive Attack auch als eine dezidiert politische Band verstanden. Passend dazu bittet Massive Attack auf dem - zufällig - nach dem norddeutschen Eiland betitelten "Heligoland" im Opener "Pray For Rain" erst einmal um Regen für den darbenden Planeten.
Der Bass wummert wie üblich im Finsteren. Ein paar dissonante Pianoakkorde gesellen sich hinzu. Die Verzweiflung, die majestätische Monotonie, die Dub-Klänge, das Rumpeln, es ist alles da. Fülliger, orchestraler und organischer als zuletzt. Tunde Adebimpe, im Hauptamt Sänger von TV On The Radio, beschwört karge Wüstenlandschaften. Ein Attack-Klassiker dürfte auch das argwöhnisch wummernde "Girl I Love You" werden, in dem die Stimme von Reggae-Legende Horace Andy einen Abschied beklagt. Nicht das einzige Charakterorgan, das dieses vorzügliche Album vorzuweisen hat. In "Paradise Cirkus" ist Sängerin Hope Sandoval über einer Basslinie zu hören, die man progressiv nennen muss. Ein Teppich aus Geigen befeuert das Pathos.
Das Line-up versammelt nicht weniger als die wohldosierte Hysterie der ehemaligen Tricky-Soundgefährtin Martina Topley-Bird und die erdigen Rockstimmen von Blur-Sänger Damon Albarn und Elbow-Vordenker Guy Garvey. Einige Tracks haben überdies Albarn an Bass und Keyboards, sowie Adran Utley, Gitarrist von Portishead, auf den Saiten veredelt. Alte Bristol-Sound-Weggefährten und die erste Riege des britischen Pop vereint.
Mit seiner Genres ignorierenden Tonkunst empfiehlt sich Massive Attack endgültig für die Hall of Fame des elektronischen Pop. "I want to get clean but I got to get high", singt die bekennende Nachteule Robert del Naja in "Rush Minute". Mit seiner Flüsterstimme tritt er uns erneut als Magier der Schwermut gegenüber. Mit dem Aussteiger "Atlas Air" liefert er ein Konzentrat all dessen, was die Faszination von Massive Attack jemals ausgemacht hat: Basslinien aus Eis, gebremste Rhythmen und eine Melodie von purer Schönheit.




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