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Kultur & Live

Lessingtage: Rimini Protokoll

Die Frau, der man ihre Biografie gestohlen hat

Hamburg. Miriam Yung Min Stein hat schon früh erfahren, dass es zwei Arten gibt, wie Kinder in die Welt gelangen. Entweder sie kommen aus dem Bauch der Mutter - oder sie steigen aus einem Flugzeug. Auf Miriam Stein traf letztere Variante zu. Sie war ein südkoreanisches Findelkind mit der Nummer 77 2178, wurde angeblich in Zeitungspapier vor dem Rathaus in Seoul entdeckt und mit einem Allerweltsnamen à la Erika Mustermann versehen. Deutsche Adoptiveltern in Osnabrück zogen sie mit drei blonden Geschwistern groß.

Jetzt steht sie wütend vor einer Leinwand mit Blümchentapete. Schiebt per Computer Fotos von Stalin, Kim Jong-il und ihren deutschen Adoptiveltern übereinander und ruft: "Altruismus kotzt mich an! Internationale Hilfe kotzt mich an! Bono kotzt mich an!"

Es sind beklemmende Konflikte einer jungen Frau, der man ihre Biografie gestohlen hat. Dieser Umstand hat zu jenem "schwarzen Loch" in ihrer Identität geführt, in das uns Helgard Haug und Daniel Wetzel vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll in ihrer Produktion "Black Tie" nun hinabsehen lassen.

Als Beitrag zu den am Thalia-Theater laufenden Lessingtagen hat Kampnagel das Gastspiel eingeladen. Miriam Stein ist die perfekte "Expertin des Alltags" im Sinne des Theaterkollektivs. Unlarmoyant und fern aller Heuchelei trägt sie ihre Geschichte vor. Die Lügen, mit denen die Behörden in den 70er-Jahren ungebetenen Nachwuchs in den Westen "entsorgten". Die Spätfolgen dieser Adoptionspraxis zeigt eine groteske Familienzusammenführungsshow im koreanischen Fernsehen. Die Schatten des heute in Mode gekommenen Adoptionsbusiness brüllt Stein heraus: "Angelina Jolie hat die Preise für afrikanische Babys versaut."

Zum theatralen Ereignis werden die Inhalte durch technische Kunstgriffe. Das Intime wird anhand der Worte und Fotos, untermalt von ein paar Keyboard- und Gitarrenakkorden des Musikers Ludwig, öffentlich und doch nie voyeuristisch ausgebeutet. Der Abend teilt, polemisch, aber wirkungsvoll, nach allen Seiten aus. Die weiteren Vorstellungen von "Black Tie" sind ausverkauft. Karten gibt es hingegen noch für die beiden Vorstellungen des Gastspiels "The Shipment" von Young Jean Lee.(asti)

 

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