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Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill"

Repräsentantin einer verlorenen Generation

Die 17-jährige Autorin wird mit ihrem sprachmächtigen Debütroman über ein wohlstandsverwahrlostes Teenagerleben zum Star der Literatursaison.

Neues Wunderkind der deutschen Literaturszene: die 17-jährige Berlinerin Helene Hegemann.
Foto: Reto Klar

Es gibt diese Konsensbücher, denen man sich wehrlos ergibt. Weil sie den Punkt treffen. Weil sie das einfangen, was sogar die Amerikaner "Zeitgeist" nennen. Weil sie aber nicht nur heutig, sondern auch gestrig sind (im Sinne über die Gegenwart hinausgehender Wahrheiten); weil sie über sich hinausstrahlen, und weil es in ihnen brodelt. Aber vor allem auch: Weil ihr Urheber eine Person ist, die unsere Fantasie anregt. Der Roman "Axolotl Roadkill" ist so ein Buch, seine Autorin heißt Helene Hegemann, und sie wird genau jetzt zum Star der Literatursaison.

Es ist ein doppeltes Sich-wehrlos-Ergeben, das mit diesem kolossalen Buch einhergeht: Das Erste betrifft die Lektüre, das Zweite den Hype. Erste Rezensionen sprechen von einem "Phänomen" und meinen beides, das Buch und die Autorin. Diese ist 17 Jahre alt, 17!, und wenn es den Begriff Wunderkind nicht gäbe, man müsste ihn für sie erfinden. Hegemann hat mit ihrem literarischen Debüt etwas geschafft, was den wenigsten gelingt: Sie hat sich mit Macht der Wirklichkeit bemächtigt, sie hat die Macht der Sprache gefunden. Um was geht es auf diesen zusammengedrängten, ineinanderlaufenden 200 Seiten, die eine Kaputtheit abbilden, der man zuletzt so in Christian Krachts "Faserland" begegnet war? Mifti, eine 16-Jährige, berichtet von ihrem wohlstandsverwahrlosten Teenagerleben in Berlin.

Sie lebt mit zwei Halbgeschwistern in einer Wohnung. Die Mutter ist tot und auch der Vater nicht anwesend. Er gehört der Künstlerbohème an, und man muss kein Berliner sein, um entzückt die völlige Ungebundenheit dieser Szene zu erkennen, deren Äquivalent das zerstörerische Nachtleben im düsteren Berghain ist. Aber die Frucht der Freiheit, ohne elterliche Direktive aufzuwachsen, ist faul. Mifti ist eine Schulschwänzerin, sie hängt mit Leuten ab, die Drogen konsumieren, und feiert die Schönheit des Heroins. Die Briefe der toten Mutter an die Tochter sind vernichtend. Man schüttelt den Kopf angesichts der Albträume, die die Heldin bedrängen.

Wenn man weiß, dass Hegemanns Mutter starb, als sie 13 war, bricht man zu gern die erste Germanisten-Regel und setzt Autorin mit Erzählerin gleich. Da kann Hegemann, die so unglaublich versiert und souverän schreibende Jungautorin, die ihre Altklugheit und Frühreife hinter der Brillanz ihres Wirklichkeitszugriffs zu verbergen weiß, noch so oft sagen, dass ihre Heldin nicht sie selbst ist. Aber was heißt eigentlich Wirklichkeit, darum geht es ja gar nicht in "Axolotl" (so heißt ein mexikanischer Schwanzlurch). Realität und Wahn verschwimmen hier.

Wie alle szenisch und filmisch erzählenden Autoren verlässt sich auch Hegemann auf die Wirkung von Dialogen. Deren Unmittelbarkeit ist es vor allem, was "Axolotl" so schnell macht. Helene, Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann mit mittlerer Reife, hat Bücher gefressen, das hat sie literarisch reifen lassen. Aber was ihrem Werk, das neben "Axolotl" aus dem 2008 für Aufsehen sorgenden Film "Torpedo" besteht, sein eigentliches Gepräge gibt, ist eine Überreflektiertheit, die sich wohl nur in einer latent depressiven Weltsicht äußern kann. Sie speist sich aus der harten Sprache der Gegenwart, die ihre Slogans aus der allmedialen Vergiftung und ihre Eindeutigkeit aus der Pornografie bezieht. "Ich hingegen erfreue mich an der mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkinds, das mit einer versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt", heißt es an einer Stelle. Wer so viel über sich weiß, der kennt auch die Bemächtigungssucht der Deuter.

Mifti will nichts mit der Gesellschaft zu tun haben. Sie repräsentiert eine verlorene Generation. Christian Kracht war es, der 1995 Ähnliches beschrieb in seinem von der Kritik zunächst so ungeliebten "Faserland". "Axolotl" erinnert vor allem in einem an diesen Vorgänger: den Kotz-Anfällen seiner Figuren. Was haftet diesem Jungsein bloß an, welche Drangsale und welche Bedrängungen.

Helene Hegemann: "Axolotl Roadkill", Ullstein-Verlag, 208 S., 14,95 Euro.

 

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