Anna Bederke
Die brünette Muse des Fatih Akin
Starker Filmstart in "Soul Kitchen" für die Hamburgerin Anna Bederke, die eigentlich gar keine Schauspielerin ist.
Anna Bederke (28), schöne Hamburgerin mit vielen Talenten.
Foto: Michael Zapf
Hamburg. Mit 160 000 Besuchern in 232 Kinos hat Fatih Akins Komödie "Soul Kitchen" den besten Filmstart in der Karriere des Regisseurs hingelegt. Zuvor: rote Teppiche auf Festivals weltweit. Mittendrin im Rummel war und ist eine Hamburgerin, die sich das vorher nicht hätte träumen lassen: Anna Bederke, die in "Soul Kitchen" eine kleine, aber schöne Rolle hat. Dabei ist sie eigentlich gar keine Schauspielerin.
Während man bei den männlichen Darstellern bis zu den Nebenrollen so bekannte Namen wie Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Peter Lohmeyer, Udo Kier, Gustav Peter Wöhler und Jan Fedder findet, war der Regisseur bei den Hauptdarstellerinnen mal wieder als Trüffelschwein unterwegs: Pheline Roggan, Dorka Gryllus - und Anna Bederke. Sie verkörpert die trinkfeste Kellnerin Lucia, die im Chaos der "Soul Kitchen" einen relativ klaren Kopf behält. Bederke, eine eigenwillige, sinnliche Mischung aus Skepsis, Selbstbewusstsein, Nachdenklichkeit und Spontaneität, zeigt nachhaltige Leinwandpräsenz als trotziger Tresen-Traum, an deren Lippen nicht nur Ilias (Bleibtreu) hängen bleibt. Das Fachblatt "Variety" lobte sie als "echte Entdeckung", und der erfahrene Drehbuchautor Eckhard Theophil ("Männerpension") sagte nach der Hamburg-Premiere: "Sie wirkte, als sei sie in der Rolle ganz nah bei sich." Als hätte sie nie etwas anderes gemacht.
Hat sie aber. Ihren Regisseur kannte sie vorher schon von der Hochschule für bildende Künste. Dort studierte sie Film, Akin nahm ihr die Diplomprüfung ab. Kaum glauben mochte sie, was er ihr später über seinen neuen Film erzählte. Er habe da eine Rolle an sie angelehnt. "Du bist meine Muse", lockte er und fragte scheinbar beiläufig: "Kannst du eigentlich spielen?" Hatte sie nie gemacht. Trotzdem antwortete sie im Spaß: "Ich kann alles."
Akin lud sie tatsächlich zum Vorsprechen. Eigentlich plante sie ihren nächsten eigenen Film als Regisseurin, andererseits hatte sie gerade eine kleine Schaffenskrise. Und natürlich fühlte sich die aparte Brünette auch geschmeichelt. "Ich habe mir dann doch gewünscht, dass es klappt. Endlich einmal nicht nur aus sich selbst schöpfen zu müssen." Schon am Tag vor dem ausgemachten Termin klingelte ihr Telefon. "Kannst du nicht heute kommen?", fragte Akin. Sie wollte nicht, sie war verkatert von einer Geburtstagsfeier. Aber der Regisseur, für seine Hartnäckigkeit mindestens so bekannt wie für seinen Enthusiasmus, ließ nicht locker. "Es ist schon ein Wagen zu dir unterwegs."
Obwohl sie nichts zu verlieren hatte, war sie angesichts der vielen Leute vor Ort nervös. "Dabei bin ich sonst selten aufgeregt", versichert sie. Anna improvisierte eine Szene mit Adam. Es gab Applaus, aber anschließend nagten Zweifel an ihr: "Vielleicht habe ich mich auch total blamiert." Offensichtlich nicht. Akin gab ihr den Part. "Ich bin danach fünfmal um den Block gelaufen und habe es erst mal niemandem erzählt", erinnert sie sich.
Bederke, die als Regisseurin selbst Erzählerin ist, wurde plötzlich zum Gegenstand filmischer Erzählung. Sie erlebte ihren Ex-Dozenten und "Kollegen" beim Inszenieren, fand Gefallen an der neuen Perspektive, musste aber auch Lehrgeld zahlen. In einer Szene sollte sie weinen. Sie probierte es vorher zu Hause - es ging nicht. Sie bat Moritz Bleibtreu um Rat, aber trotz seiner Tipps, intensiv an traurige Momente zu denken, blieb alles trocken. Erst als es ernst wurde und die Emotionen zur Szene passten, liefen plötzlich ihre Tränen. "Es ist im Film dann aber nur eine Totale geworden, und man sieht es gar nicht so richtig." Anna Bederke war 16, als sie ihren ersten eigenen Kurzfilm drehte, eine Dokumentation. Ihr HfbK-Abschlussfilm "Lemniskate" aus dem Jahr 2007, in dem auch Nikolai Kinski mitspielt, lief gerade auf dem Internationalen Independent-Film-Festival Radar. Die Hamburgerin hat gemalt, gemodelt, fotografiert und in einer Bar gearbeitet - wie ihre Filmfigur. "Ich habe mir eigentlich keine großen Konzepte gemacht für mein Leben", sagt sie. Nur dass die 28-Jährige im Kunstbereich arbeiten wollte, stand fest.
Und ihre Lust auf Kontraste. Ein halbes Jahr hat sie nach den Dreharbeiten in Costa Rica im Dschungel gelebt, "weil ich Lust hatte, eine Zeit lang keine Menschen zu sehen". Sie hat die Zeit genutzt, um das Drehbuch für ihren nächsten Film zu schreiben.
Mit "Soul Kitchen" hat sie schon jetzt viel erlebt. Sie konnte in Venedig feiern. Sie hat den Film in Griechenland vorgestellt und war dabei, als er zum ersten Mal in der Türkei gezeigt wurde. Bederke hat dabei eine kuriose Beobachtung gemacht: "Die Griechen denken, es ist ein griechischer Film, weil Adam Bousdoukos mitspielt. Die Türken denken, es ist ihr Film wegen Fatih. Und die Deutschen sehen ihn als Hamburg-Film. Für jeden ist etwas dabei." Der Regisseur hat sein Werk einen "Heimatfilm" genannt. Was bedeutet ihr dieser Begriff? "Ich bin an vielen Orten zu Hause und will immer mal wieder raus. Ich brauche meine Freunde, aber auch meine Heimatstadt, sogar das Nichttemperament, das man hier findet."
Wenn sich der Rummel um den Filmstart gelegt hat, will Bederke doch einmal planen, wie es weitergehen soll. "Ich muss mal wieder Geld verdienen", überlegt sie. Aber wie? Den ersten eigenen Langfilm drehen? Sie zögert. Fest steht, dass sie eine unerwartete Chance auf bemerkenswerte Weise genutzt hat. Und das Fundament ihrer Entscheidung kann sie prägnant formulieren: "Ich brauche ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und meine Freiheit." Regie-Auftragsarbeiten, um selbst wieder inszenieren zu können? Das passt nicht zu ihrem ausgeprägten Sinn für Unabhängigkeit. "Dazu müsste ich zu viele Kompromisse eingehen. So weit bin ich noch nicht." Aber trotzdem ziemlich weit gekommen.





Branchenbuch Hamburg
Trabrennbahn Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



