Antistar Herr Kammersänger hält die Fackel der Kunst hoch

Foto: Sony Classical International / Felix Broede

Er hat sich nie angebiedert, ist auf keinem Trend gesurft. Seine neue Schubert-CD, ein Filmporträt und sein Münchner Monteverdi-Orfeo beweisen: Christian Gerhaher ist einer der wichtigsten Sänger.

Ein nörgeliger Pedant. Mit Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber der Oper. Und die institutionalisierte Krise. Das sagen nicht wir, das Feuilleton. So schätzt sich der 45-jährige Bariton Christian Gerhaher selbst ein. Und das ist keinen Moment kokett gemeint, sondern existenziell; was man sofort merkt, wenn man den sehr ruhigen, sehr musikvollen und sehr nah auf Gerhahers Kunst draufhaltenden Film von Eckhart Querner über diesen sehr besonderen Sänger sieht, der jetzt vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wird – er zeigt ihn in New York, Luzern, beim Unterrichten an der Münchner Musikhochschule, aber auch in der bayerischen Gäuboden-Heimat.

Gerhaher hat eine sehr besondere Saison hinter sich: Im vergangenen Juni gab er sein Debüt als Graf Posa in Toulouse, ein erstes Hereinschmecken in die Kavaliersbaritonrollen Giuseppe Verdis. Das ganze Jahr über war er "Artist in Residence" bei den Berliner Philharmonikern, sang dort seine geliebten "Szenen aus Goethes Faust", gab aber auch in Berlin und Baden-Baden in der von Peter Sellars "ritualisierten" Johannes-Passion unter Simon Rattle den Petrus und Pilatus.

Im Juni war Gerhaher ein nachdenklich-herausfordernder Anti-Don-Giovanni bei seinem Lieblingsregisseur Christof Loy in Frankfurt. Anfang August erhält er in Salzburg die von Daniel Richter geschaffene goldene "Nachtigall", die Spezialsonderauszeichnung des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Und vorher, zum Spielzeitfinale, gibt es jetzt Querners Film, eine neue, packend-widerständige Schubert-CD mit dem Titel "Nachtviolen" (begleitet am Klavier von Gerold Huber, mit dem er seit Schulzeiten quasi symbiotisch verwachsen ist) und im Münchner Prinzregententheater die Rückkehr zu den Opernursprüngen.

Gerhaher singt den Orfeo in München

Genregeschichtlich, aber auch biografisch: Bei den Münchner Opernfestspielen singt Christian Gerhaher noch einmal die Titelpartie in Monteverdis "Orfeo", der ersten Oper, die sich seit ihrer Uraufführung am 24. Februar 1607 im Palazzo Ducale zu Mantua im Repertoire gehalten hat, nicht permanent, aber doch sehr nachdrücklich.

Gerhaher selbst hat sie 2005 in Frankfurt in seine immer noch überschaubare Galerie von Musiktheatercharakteren aufgenommen. Und man merkt beim heftig aufbrandenden Applaus: das intime Prinzregententheater, das einem die Protagonisten akustisch wie optisch nahe rückt, ist der wahre Gerhaher-Gralstempel.

Ein Sänger, im ewigen Kampf mit sich und seinem Beruf, von Zweifeln und Ängsten geplagt und sich dann doch so traumsicher wie traumschön durch Lieder wie Opern bewegend, zum Medium werdend, immer er selbst und doch stets ein anderer.

Gerhaher liebt Schubert

In der "Nachtviolen"-Auswahl, querständige Lieblingslieder (was sonst), ist er, von Hubers unauffällig-bestimmendem Akkordstrom getragen, wieder direkt da – vom ersten Ton an. Diese prompte, sofort einleuchtende Kommunikationsfähigkeit, dieses ernste Liebesverhältnis zum Text, die trotzdem sinnlich-weiche, wenn gefordert aber auch markante Verschmelzung von Klang und Bedeutung, dieses Gerhaher-Markenzeichen prägt auch diese frische Meistersinger-Silberscheibe.

Und so nähert er sich auch dem Orpheus. Christian Gerhaher ist kein neutral schmiegsamer Barockspezialist, das verhehlt er nicht. Er singt realistisch, kaum stilisiert. Und immer mit dem sehr besonderen, traumverloren-sachlichen, schwebend-geerdeten Gerhaher-Touch. David Bösch, das ist einer der besseren Momente in seiner erstaunlich schlichten Monteverdi-Inszenierung, nimmt das clever auf.

Der antike Barde, von Patrick Bannwart (Bühne) und Falko Herold (Kostüme) in ein vom sauren Regen angeschmuddeltes, grauschwarzweißes Hippieambiente verfrachtet, ist hier ein Fremdkörper. Total. Der stimmt die ersten Kantilenen an, auch wenn ihm die im Papppräsentkarton überreichte Leier eher unangenehm ist, scheint sich auch in seinem knuddeligen, bald schmutzigen Anzug nicht sonderlich wohlzufühlen.

Orpheus unter Prilblumen

Um ihn herum seltsam aus der Zeit und einem klapprigen VW-Bus gefallene Blumenkinder zwischen meterhohen, bald welken Prilblumen. Der Tod seiner Braut, das scheint nur eine in Kifferlaune ersonnene Scharade, um den steifen, um Aufmerksamkeit und Ernst heischenden, gar nicht lockeren Herrn Kammersänger an der Nase herumzuführen.

Im Filmporträt erzählt Gerhaher, der ewige, dabei grundsympathische Problembär, in seiner typischen Das-Glas-ist-halbleer-Haltung, jetzt sei er wohl auf dem Höhepunkt. Jetzt gehe es bergab. Und er kämpfe ja zeitlebens nur gegen Verfall und Niedergang. Auf der Bühne stemmt er sich trotzig gegen diese Possierlichkeiten, Posen und Possen.

Wenn Gerhaher singt, tönt das wie aus einem anderen Opernland. Bei ihm ist keine Konvention, keine Routine, keine verordnete Attitüde in der Stimme. Mögen die anderen tändeln (oder so tun), bei ihm geht es ums Ganze, er rührt und reißt an den Grenzen der Konvention.

Ambivalentes Verhältnis zu Fischer-Dieskau

Zu Dietrich Fischer-Dieskau, seinem großen Vorbild, den er, sagt er, niemals wird einholen können, hat er zwar, sagt er, ein sehr ambivalentes Verhältnis – hier immerhin ähnelt er ihm frappant: Weil er sich nicht vereinnahmen lassen mag, weil er trotzig die Fackel der reinen Kunst hochhält, den ewigem Kampf um Ehrlichkeit und Ausdruck, um Natur in der größten Kunstfertigkeit führt.

Diese geradlinig auserzählte "Orfeo"-Inszenierung wird bald wieder vergessen sein. Aber dieser irrlichternde, in der Gewalt seines Notenstroms, der trotzigen Haltung gegen den Tod und für das Leben agierende Orpheus, der wird bleiben. Vom ersten, beiläufig-bewusst intonierten "Rosa del cielo" bis zum antiapotheotischen Verlöschen.

Gerhaher ist studierter Mediziner

Christian Gerhaher, der studierte, abgeschlossene, aber aus gutem Grund nicht praktizierende Arzt, er hat lange gebraucht für seinen Karriereweg. Dann war er plötzlich einfach da. Hat seinen Platz gefunden, als wäre er immer für ihn frei gehalten worden.

Ob er jemals ein Superstar werden wird? Solche Fragen stellt er sich nicht, weil er in anderen Kategorien denkt. Er knabbert doch längst am nächsten Lied-Problem, das immer das Schwerste, Unüberwindlichste scheint. Und das sich sofort in intelligentes Wohlgefallen, bannende Anteilnahme auflöst, wenn dieser außergewöhnliche Sänger damit auf einem Podium und einer Szene erscheint.

Hoffentlich noch oft. Denn immerhin diese, seine Kunst kann dem Verfall ein wenig trotzen.

"Orfeo"-Termine: 25., 27., 30. Juli; Filmporträt "Der Sänger Christian Gerhaher" am 22. Juli, BR, 22.45 Uhr; Schubert-CD: Nachtviolen (Sony)